Was wurde aus: Peter Wurz

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Nach nur vier Einsätzen für Rapid wechselte der 21-jährige Peter Wurz 1988 zu Espanol Barcelona. Aus der großen Karriere wurde aber nichts, 15 Jahre später beendete er sie im Unterhaus mit einem Faustschlag. 

Clemens Zavarsky | 09.12.2013

Natürlich stehe er für ein Gespräch zur Verfügung, sagt Peter Wurz am Telefon und nennt die Adresse seines Arbeitgebers. Es ist der Mistplatz in Wien-Stammersdorf, Wurz ist Platzmeister der Magistratsabteilung 48. Dort ist er für die richtige Müll-verarbeitung verantwortlich, auch das Interview läuft nach Vorschrift ab: Bevor er Fotos zustimmt, holt er sich die Genehmigung seines Dienstgebers ein.

Beim Gespräch kommt Wurz schnell ins Schwärmen, er erinnert sich an jenen 20. Mai 1988, als ihm Rapid-Trainer Otto Baric einen Platz in der Startelf gab. Wurz dankte es mit dem Treffer zum 2:0 gegen den FC Tirol. Auf der Tribüne saßen Scouts aus Barcelona, um ihren Wunschspieler Zoran Stojadinovic zu beobachten. "Aber aufgefallen ist ihnen der kleine Blonde", sagt Wurz. Vier Spiele bei Rapid und ein Sichtungstraining, dann war der Wiener ein Spieler von Espanol Barcelona. Wurz bezog ein Appartement im Stadtzentrum, keine zehn Minuten vom Trainingszentrum entfernt. Von Trainer Javier Clemente habe er viel gelernt, sagt Wurz. "Er hat aber eine ganz komische Taktik gehabt, deswegen habe ich auswärts kaum gespielt."

Die Zeit in Barcelona sei aber nicht immer leicht gewesen. "Ich war als junger Bub ganz allein in Spanien, die Familie hat nur selten zu Besuch kommen können." Nach einem halben Jahr war das Auslandsabenteuer wieder vorbei, der größte Moment blieb das Spiel gegen Real Madrid. "Da kommt der Bernd Schuster vor Anpfiff auf mich zu. Mir haben die Knie geschlottert, den habe ich ja nur aus dem Fernsehen gekannt. Und der sagt: ,Hallo, ich bin der Bernd und wünsche dir alles Gute.'" Wurz grinst kurz, dann sagt er: "Und die blonde Mähne haben wir auch beide gehabt. Der Vokuhila, bist du narrisch."

Schwerer Stand

Nach seiner Rückkehr zu Rapid hatte Wurz keinen leichten Stand. Mit Trainer Hans Krankl überwarf er sich. "Ich habe meinen eigenen Kopf gehabt, genauso wie der Hans. Und ich habe mich nicht mehr voll reingehängt", sagt er. "Die Leute gehen jeden Tag acht Stunden schwer arbeiten für 1.200 Euro im Monat, du hast vielleicht am Vormittag und Nachmittag Training und kommst eh nur mit dem Toilettetascherl hin, glaubst aber, dass du schon wahnsinnig viel erreicht hast."In der U21-Nationalmannschaft lief es nicht besser. Nach einer 0:3-Niederlage in der DDR ging Wurz mit seinem Mannschaftskollegen Ernst Ogris auf Zechtour - und flog aus dem Team.

Die Suspendierung versteht er bis heute nicht: "Trainer Walter Gebhardt hat nach dem Spiel gesagt: ,Morgen ist um die Uhrzeit Treffpunkt, was ihr bis dahin macht, ist mir wurscht.'" Auf einer dieser U21-Fahrten soll Wurz auch den Ausspruch getätigt haben: "Mein Geldtascherl ist so dick, dass ich nicht einmal mehr g'scheit sitzen kann." Er streitet das nicht ab: "Ja, die Worte sind so gefallen. Aber im Spaß. Das dürfte irgendjemand in den falschen Hals bekommen haben." Die Wiener seien eben Grantler und Neider, meint Wurz.

1992 wechselte Wurz zum VfB Mödling, dort hatte der gebürtige Favoritner seine erfolgreichste Zeit. 1994 schram-mten die Niederösterreicher nur knapp am Europacup-Startplatz vorbei. Auf vier Saisonen in Mödling folgten ein Jahr beim Wiener Sport-Club, dann Wiener Neustadt, Himberg und Ostbahn XI. Beim ASV Baden sorgte Wurz zum letzten Mal als Fußballer für Schlag-zeilen, als er Schiedsrichter Doppler im April 2003 die Schneidezähne brach. "Ich habe schon Gelb gehabt und bin nach einem Foul gleich in Richtung Kabine gegangen. Ich habe den Schiri gar nicht mehr an-geschaut, aber der rennt hinter mir her und pfeift mir von zwei Metern ins Ohrwaschl. Da sind leider meine Sicherungen durchgebrannt. Ich habe mich umgedreht und durchgezogen." 26 Monate Sperre, eine Geldstrafe für den Verein und Wurz musste ein Jahr lang monatlich 400 Euro Schadenersatz an Doppler zahlen. Damit war die Spielerkarriere vorbei, doch einen Job hatte der gelernte Gas-Wasser-Heizungs-Installateur zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon.

Die schönsten Tage

Ende der 1990er Jahre arbeitete Wurz als LKW-Fahrer für einen Lebensmittelladen, danach war er zehn Jahre als Kammer-jäger bei Wiens größter Schädlingsbekämpfungsfirma tätig. "Ein ganz interessantes Kapitel in meinem Leben", sagt er. "Normal denkst über ein Insekt: ,Gut, auf eine Ameise oder eine Kakerlake steige ich drauf.' Aber der Reiz an der Arbeit war neben dem guten Verdienst, dass du viel über Biologie lernst." 2007 sparte die Firma Stellen ein, zwei Wochen war Wurz arbeitslos. "Die einzigen zwei Wochen meines Lebens", sagt er. "Ich war mir nie zu schade, zu arbeiten." Bei der MA 48 fing er von vorne an. Zuerst auf der Straße, doch dann bekam er den Job als Platzmeister in Stammersdorf. "Fünf Gehminuten von mir daheim weg. Eine super Hack'n. Ich verdanke der MA 48 viel."

Ebenso wie seiner zweiten Frau Uschi, die er während des Gesprächs mehrmals erwähnt - auch wegen eines besonderen Geschenks. "Eines Tages hat sie in der Früh gesagt, dass wir zum Flughafen fahren sollen. Ich habe das Schlimmste befürchtet und zu ihr gesagt: ,Wenn du so ein Bungee-Jumpen ausgemacht hast, werde ich wahnsinnig.'", erzählt er. "Beim Check-in habe ich dann das Reiseziel gesehen: Barcelona. Das waren die schönsten vier Tage in meinem Leben." In Barcelona war er bis auf diese eine Reise nie wieder, Kontakt zu alten Mitspielern pflegt er nur vereinzelt, und ein VIP-Klub-Geher ist Peter Wurz auch nicht. Die Karten für den Champions--League-Auftritt Rapids kaufte er sich 2005 selbst. Nebenbei steht er als Trainer am Platz, in Wiens 1. Klasse beim JSC Vindobona. Den Trainerschein macht Wurz von Anfang an, obwohl er dank seiner U21--Teameinsätze einige Kurse überspringen könnte. "Ich wollte das nicht", sagt er. "Und meine Frau hat auch gesagt, ich soll mir alle Facetten des Trainerlebens anschauen." Eine Profikarriere als Trainer kann er sich vorerst nicht vorstellen: "Ich habe einen super Job und meine Familie geht mir über alles. Ich werde doch nicht mein ganzes Leben dem Fußball opfern."   

Referenzen:

Heft: 88
Verein: FC Barcelona
ballesterer # 120

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