»Were shit and we know we are«

cache/images/article_1363_2292307_140.jpg Die Fans der Queens Park Rangers haben sich daran gewöhnt, nicht auf der Zuckerseite des englischen Fußballs zu leben. Ihren Humor haben sie sich trotzdem bewahrt. Eine Auswärtsfahrt nach Nottingham, abseits gängiger Mythen von Gewalt und Alkohol.
Kurt Reichinger | 05.03.2010
Es ist ein kalter Dienstagnachmittag im Westen Londons, der Himmel wolkenverhangen, durch die Backstein-Wohnsiedlungen pfeift ein unangenehmer Wind. In der South Africa Road hat sich ein kleines Grüppchen eingefunden, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Anoraks bis oben zugezogen. Am Straßenrand ein silbergrauer Bus, in den die Gruppe rasch hineindrängt. Routiniert wird ein Rollstuhl verstaut und dessen gut gelauntem Besitzer in den Bus geholfen. Hinter der Windschutzscheibe stellt ein schlichtes Schild klar, wer sich hier auf den Weg macht: der »QPR Supporters Club«. Etwa 35 Fans sind schließlich im Bus, als dieser sich kurz nach 14.30 Uhr in Richtung East Midlands in Bewegung setzt, wo gut sieben Stunden später im City Ground die Partie Nottingham Forest gegen Queens Park Rangers in der Football League Championship, der zweiten englischen Leistungsstufe, angepfiffen werden soll.

Hippies statt Hooligans
Wer eine Busladung ausgelassen Schlachtgesänge intonierender Hooligans in Bierlaune erwartet hat, wird rasch eines Besseren belehrt. Links neben mir sitzt Peter, freischaffender Reporter, der im lokalen Community Radio über die Spiele von QPR berichtet. Vor mir ein schwarzer Fan, der die ganze Fahrt mit in die Stirn gezogener Mütze und hochgeschlossener Regenjacke verbringen wird. Rechts ein distinguiert wirkender Herr mit kleinem Reiseproviant und dicker Tageszeitung. Davor eine Frau mittleren Alters im blau-weiß gestreiften QPR-Trikot mit Buzsaky-Rückenprint, dem ungarischen Mittelfeldregisseur der »Hoops«. Links, zwei Reihen weiter, ein Student, der während der gesamten Fahrt in seine Skripten vertieft bleiben wird. Hinter mir ein langhaariger Althippie, immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Im Rückraum hat es sich eine kleine Gruppe von Männern und Frauen in den Zwanzigern gemütlich gemacht. Kurzum: Hier haben sich Menschen verschiedener Ethnien und sozialer Schichten, unterschiedlichen Alters und Geschlechts im schlichten Bestreben versammelt, ihrem Verein die Unterstützung zu geben, die er benötigt. Ganz unaufgeregt, ganz selbstverständlich.


Ian, ein fülliger Mittdreißiger im lilagestreiften Kurzarmhemd, heißt die Reisenden über Bordmikrofon willkommen. »Guten Nachmittag«, schallt es aus den hinteren Sitzreihen nach vorn, was Ian postwendend zu einer Korrektur veranlasst. »Ich habe nicht von gut gesprochen. Ganz im Gegenteil: das wird kein guter Nachmittag, er wird deprimierend und frustrierend werden «, sagt er, ironisch auf die Tatsache Bezug nehmend, dass die Blau-Weißen in ihrer langen Geschichte gegen die Roten aus Nottingham auswärts überhaupt noch nie gewinnen konnten und die letzten Resultate auch keinen Anlass zu übertriebener Hoffnung geben. Schließlich treffen die aktuell elftplatzierten Londoner auf den Zweitplatzierten und prononcierten Aufstiegskandidaten aus Nottingham. Und Ian macht auch gleich die Regeln klar, die hier ohnehin jeder kennt: kein Rauchen und kein Alkohol im Bus, Reinlichkeit auf der Toilette. Eine einzige Dose Bier an Bord hätte im Fall einer Kontrolle empfindliche Strafen für Verein und Busunternehmen zur Folge, für die betroffenen Fans sowieso. Doch im Mutterland des Fußballs hat man sich längst daran gewöhnt, dass für Fans eigene Gesetze gelten.

Riesenburger und »Father Ted«
Schon bald betätigt sich Len, weißhaariger Mitorganisator des Trips, als Tee- und Kaffee­koch. In kleinen Plastikbechern löst er den Inhalt von Pulverkapseln mit brennheißem Wasser auf. Ian geht ihm zur Hand und verteilt das heiße Gebräu im Bus, die Fans greifen dankbar zu. Nach rund zwei Stunden sind Watford, Luton, Milton Keynes, Northampton, Coventry und knapp 100 Meilen hinter uns gebracht, und der Bus fährt von der M1 ab. Die Autobahnstation »Leicester Forest East« bietet für die nächste Dreiviertelstunde die Möglichkeit, sich zu erfrischen und einen kleinen Imbiss zu nehmen. Im Burger King sitzt man direkt über den Fahrspuren der M1 bei einem »Football Special«-Menü: Riesenburger mit Speck, große Pommes, Zwiebelringe und Cola. Dann geht es weiter in Richtung Norden. Auf den Bildschirmen läuft weitgehend unbeachtet eine Folge der Priester-Sitcom »Father Ted«, Ian informiert über den eben erfolgten Insolvenzantrag von Crystal Palace. Der Nachmittagsverkehr wird immer dichter, so dass wir für die verbleibenden 30 Meilen noch weitere eineinhalb Stunden benötigen, ehe der City Ground in Nottingham erreicht ist.

Torreigen und Taschentücher
Es ist mittlerweile dunkel geworden, und nur die Flutlichter erhellen den Parkplatz vor einem der großen alten Grounds des englischen Fußballs. Rasch leert sich der Bus, wird der Rollstuhl fahrbereit gemacht, Matchprogramme gekauft und das Stadion durch die schmalen, rotlackierten Turnstiles betreten. Der erste Eindruck ist überwältigend. Rechts der übermächtige Brian Clough Stand, gegenüber das Trent End, links der Main Stand. Seit 1898 trägt Nottingham Forest hier an den Ufern des Trent seine Heimspiele aus, und das weiß auch der Stadionsprecher: ­»Ladies and Gentlemen, this is the world-famous City Ground Nottingham.« Und dann läuft schon, zur Melodie von »Mull of Kintyre« und vieltausendstimmig begleitet, die Hymne über den Lautsprecher: »Ci-ity Ground, oh mist rolling in from the Trent, my desire is always to be-e here, oh Ci-ity Ground «


Als der Schiri die Partie um 19.45 Uhr anpfeift, haben sich über 23.000 Zuschauer­ eingefunden, davon rund 500 aus London angereiste Fans der Rangers. Diese sind im unteren Rang des Bridgford Stand einquartiert, mit Überkopfnetzen vor eventuellen Wurfgeschoßen aus dem Oberrang geschützt. Die Tribüne ist insofern eine Kuriosität, als gut ein Drittel des Dachs um einige Meter abgesenkt ist, um den dahinter befindlichen Wohnhäusern nicht die Sonne zu nehmen. Für solche architektonischen Schmankerl können die QPR-Fans schon bald mehr Aufmerksamkeit erübrigen, ist der Abend aus ihrer Sicht doch nach 30 Minuten gelaufen. Nach zwei Treffern von Earnshaw und einem Elfmeter von Blackstock, in der Vorsaison noch im Dress der Londoner, steht es 3:0 für Forest. Der erste Schock weicht rasch gelebter Selbstironie. Klassiker wie »Kleenex, I should have bought Kleenex « und »Were shit and we know we are« beherrschen die Szenerie. Als Forest in der zweiten Hälfte nicht einmal unverdient auf 5:0 stellt, bleibt den tapferen Fans der Rs nur mehr ein letztes Abschiedslied: »I wanna go home, this is the worst trip Ive ever been on «

Routiniert im Verlieren
Im Bridgford End weiß man ganz offensichtlich, wie mit Niederlagen und einem Tabellenrang in den Niederungen der zweiten Liga umzugehen ist. Zu schwach für die Play-offs, zu stark für den Abstieg das kennt man bei den Blau-Weißen nur zu gut, und daran hat sich auch durch die Millionen von Flavio Briatore und Bernie Eccle­stone nichts geändert. Routiniert beklatschen die mitgereisten Fans nach dem Spiel die Mannschaft, der Rollstuhlfahrer aus dem Bus bekommt ein Shake-Hands von Kapitän Mikele ­Leigertwood.


Kurz vor 22.00 Uhr rollt der Bus wieder Richtung London los. Peter, mein Sitznachbar, hat es mit einem Sprint rund ums Stadion gerade noch geschafft, vom Pressebereich rechtzeitig zum Bus zu kommen. Auf der leeren M1 kommen wir nun deutlich rascher voran. Len und Ian servieren noch einmal Tee, Kaffee, Gemüse- und Hühnersuppe aus Pulverkapseln, Ian sammelt Trinkgeld für den Busfahrer ein, und kurz vor 1.00 Uhr früh sind wir wieder in London. Nach und nach verschwinden die Fans mit kurzen Worten des Abschieds im Dunkel der Nacht. In vier Tagen ist Scunthorpe United im Rangers Stadium an der Loftus Road zu Gast, da sieht man sich wieder. Ganz unaufgeregt, ganz selbstverständlich.

Referenzen:

Heft: 50
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

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