"Wichtig ist, dass der Fußball a Geld kriegt!"

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Im Wiener Straflandesgericht läuft ein Betrugsprozess gegen die ehemaligen Bundesliga-Vorstände Peter Westenthaler und Thomas K. Sie sollen 2004 eine Förderung für den Fußballnachwuchs missbräuchlich verwendet haben.

Johann Skocek | 10.12.2014

Bundesliga-Präsident Frank Stronach ließ 2003 den Ex-FPÖ-Politiker Peter Westenthaler zum Bundesliga-Vorstand bestellen. Weil er für ihn "fast wie ein Vater" fühlte und ihn für "so talentiert" hielt. Elf Jahre später werden die mutmaßlichen Folgen des Managements von Westenthaler und seinem Vorstandskollegen Thomas K. in einem Betrugsprozess verhandelt. Haben sie eine Förderung von einer Million Euro für forcierte Nachwuchsarbeit im Rahmen des Projekts Challenge 08 zweckwidrig verwendet? Das Projekt diente dem Aufbau einer wettbewerbsfähigen Nationalmannschaft für die EM 2008. "Wir wollten uns ja nicht blamieren", sagte der als Zeuge geladene Wolfgang Schüssel aus. Er war 2003 als Bundeskanzler auch für den Sport zuständig.

Nullsummen-Nullrisiko-Spiel
Das Challenge-Projekt sollte die Nachwuchsmannschaften fördern, die Bundesliga-Vereine sollten junge einheimische Profis forcieren. Für die Zusatzkosten wollten die Klubs eine Subvention. Die Liga war knapp bei Kasse, sie schuldete der Republik 1,6 Millionen Euro. Denn 2002 hatte sie an den bereits im Insolvenzverfahren befindlichen FC Tirol TV-Gelder überwiesen. Das Geld wäre der Konkursmasse des FC Tirol zugestanden, argumentierte die Republik und reichte gegen die Bundesliga eine Drittschuldnerklage ein. Vorstand Thomas K. und Bundesliga-Anwalt Andreas Grundei plädierten dafür, die Sache vor Gericht auszufechten. Der Aufsichtsrat entschied sich aber, auf ein Vergleichsangebot über 1,2 Millionen Euro einzugehen. Vorstand Westenthaler schlug vor, bei Finanzminister Karl-Heinz Grasser eine zusätzliche Förderung zu erwirken. Der Aufsichtsrat der Bundesliga stimmte der Initiative begeistert zu.

Aus den Aufsichtsratsprotokollen der Jahre 2003 und 2004 sowie den Zeugenaussagen wird klar, dass die Klubfunktionäre eine zweckfreie Förderung als Ausgleich für die Schulden gegenüber der Republik betrachteten. Eine Win-win-Situation, wie Stronach gern sagt: Bundesliga und Republik vermieden das Prozessrisiko, die Differenz von 200.000 Euro zwischen Schulden und Subvention beglich die Manager-Haftpflichtversicherung des Ex-Vorstands. Der Vergleich wurde zum Nullsummen-Nullrisiko-Spiel. Der damalige SV-Ried-Präsident und Aufsichtsrat Peter Vogl sagte als Zeuge, er hätte dem Vergleich unter anderen Umständen nie zugestimmt.

Abgenickter Betrug?
So weit, so klar. Doch eine zweckfreie Förderung gab es nie. Die im Dezember 2003 im Nationalrat bewilligte Förderung wies den Zweck Nachwuchspflege auf. Westenthaler und K. wollen den Zweck respektiert und die Subvention auch widmungsgemäß vorgesehen haben. Die erste Rate von 500.000 Euro wurde bei der Bundesliga als außerordentlicher Ertrag verbucht. Der damalige Sektionschef des Sportministeriums Robert Pelousek sagte im Prozess: "Förderungen sind als außerordentlicher Ertrag zu buchen, punktum." Doch Oberstaatsanwältin Barbara Schreiber wirft Westenthaler und K. vor, der Betrag sei nicht unter dem Titel Nachwuchsförderung verbucht worden.

Vor dem Eintreffen der zweiten Rate wurden Westenthaler und K. gefeuert. Sie konnten also nicht über die Nachwuchsförderung verfügen. Könnten sie den Aufsichtsrat über die Zweckwidmung getäuscht haben? Dort herrschte, siehe Aussage des Zeugen Vogl, die Meinung vor, die Subvention sei eine Art Nullsummenspiel mit der Republik. Die Republik sei hintergangen worden, behauptet die Anklage. Doch von den Beamten des Sportministeriums wurde die korrekte Verwendung der Fördermittel geprüft und bestätigt, woraufhin die letzte Rate ausgezahlt wurde.

Warum sind ausgerechnet Westenthaler und K. des Betrugs verdächtig, wenn erst ihre Nachfolger die Nachwuchsförderung in Verbindung mit der Schuldenrückzahlung in die Bilanz 2003/2004 aufnahmen und die Aufsichtsräte alles abnickten? Vielleicht einfach deswegen, weil sie angeklagt sind und die anderen nicht. Warum das so ist, bleibt vorerst ein Geheimnis der Staatsanwaltschaft.

Politische Verzögerung
Ungereimtheiten wohin das Auge blickt. Zeuge Pelousek behauptet, die Förderung des Projekts Challenge 2008 in der Höhe von 1,8 Millionen Euro und auch die Zusatzmillion seien bereits vor 2001 vereinbart worden. Die Zusatzmillion sei bloß aus politischen Gründen - durch den Regierungswechsel im Jahr 2000 - verzögert im Nationalrat beschlossen worden. Wenn die Fördermillion ohnehin schon auf dem Weg war, hat dann Westenthaler dem Finanzministerium überhaupt eine Förderung aus der Nase gezogen? Warum nennt ÖFB-Generaldirektor Alfred Ludwig als Zeuge die Zusatzmillion ein Geschenk des Himmels?

Wolfgang Schüssel versteht die nachträgliche Kriminalisierung von Großereignissen wie der EM 2008 nicht. Ob junge Österreicher mithilfe der Förderung oder anderer Gelder aufgebaut wurden, sei doch egal, lautet sinngemäß Stronachs Aussage. Ohne die Fördermillion hätten die Ligaklubs die Schulden mit anderen Einnahmen zurückzahlen müssen. "Wichtig ist, dass der Fußball a Geld kriegt", sagte der ehemalige Rapid-Präsident und Bundesliga-Aufsichtsrat Rudolf Edlinger aus. Geld habe kein Mascherl, erklärte unter anderem Mattersburgs Obmann und Bundesliga-Aufsichtsrat Martin Pucher. Er irrt, dieses Geld hatte ein Mascherl, darauf stand: Nachwuchsförderung.

Erst die Nachfolger von Westenthaler und K. hielten per Aktenvermerk und Bilanz den Zusammenhang von Förderung und Schuldentilgung fest. Ihnen billigt die Staatsanwaltschaft zu, "in Unkenntnis der mit Strafe bedrohten Handlung" gewesen und gutgläubig in den Besitz der zweiten Rate gekommen zu sein. Doch behauptete ausgerechnet jene Buchhalterin, die nach dem Abgang der Angeklagten aus der Liga die Bilanz erstellte, K. habe ihr erklärt, Förderung und Schuldenrückzahlung stünden in Zusammenhang.

Nach einem Antrag der Staatsanwältin wird nun untersucht, ob die Rückzahlung der ersten Förderrate von 500.000 Euro an die Republik das "Fortkommen der Bundesliga unbillig hart treffen" würde. Am 13. Jänner soll es ein Urteil in erster Instanz geben.  

Update: Da ein Zeuge, der noch einmal gehört werden soll, sich bis Februar auf Pilgerreise befindet, wird sich die Urteilsverkündung verschieben. (12.01.2015)

 

Foto: Zolles

 

Referenzen:

Heft: 98
Thema: Bundesliga
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