Willkommen in Sarajevo

cache/images/article_1632_stadion_fk_140.jpg Eine Geschichte über die vier Erstligaklubs von Sarajevo: Über den jugoslawischen Meisterpokal von 1972, die Wiedergeburt verbotener Kapitalistenvereine, die Diaspora einer Fußballgeneration und Maradonas Bewacher. Gewidmet Ivan Osim zum siebzigsten Geburtstag.
Diese Geschichte beginnt mit einem türkischen Kaffee. Ivan Osim blickt kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag aus dem Fenster des Café Tuborg, hebt müde seinen Arm, zeigt auf die Moschee vor dem Lokal, beginnt langsam zu sprechen: »Dort bei der Moschee bin ich in die Schule gegangen. Und nachher dort, bei der serbisch-orthodoxen Kirche, und später war ich in der Schule neben der katholischen Kirche. Aber das Wichtigste für mich war Fußball. Die paar hundert Meter von der Schule zum Training im Stadion haben wir immer mit dem Ball gegaberlt.«


Wir sind im Stadtteil Grbavica. Hier in Sarajevo ist Ivan Osim aufgewachsen, hier befindet sich das Stadion seines Heimatvereins Zeljeznicar, hier verlief die Frontlinie im Bürgerkrieg, hier betreibt sein Sohn Amar, der jetzige Trainer von »Zeljo«, ein Kaffeehaus mit knallgrünen Tapeten und lauter Musik. Hier war einmal Jugoslawien. »Schade, das war sehr schön«, sagt Osim. »Wir waren sehr nahe.«

Diese Geschichte beginnt in einem Keller. Der Hallenfußballverein FC Tango aus der Republika Srpska, dem serbischen Teil Bosniens, hat heute eine Pressekonferenz organisiert, in einem Hotel am östlichen Stadtrand, der offiziell ebenfalls zur Republika Srpska gehört. Die Grenze verläuft noch immer durch die Stadt, aber selbst für den aufmerksamen Beobachter ist sie kaum zu erkennen. Unser Begleiter heißt Jasmin Ligata, ein junger Sportjournalist von der Zeitung Oslobodenje. Er ist der einzige Teilnehmer aus der bosnischen Förderation. Wir sind die einzigen ausländischen Journalisten, die die Vertreter des FC Tango jemals getroffen haben. Der Präsident erzählt uns von einer Aktion, die gemeinsam mit einer dänischen NGO durchgeführt wird: »Open Fun Football Schools« heißt die Initiative, die Kinder und Jugendliche unterschiedlichster Konfessionen und Volksgruppen zum gemeinsamen Fußballspielen bewegen soll. Jasmin Ligata befragt den Präsidenten nach den neuesten Entwicklungen im bosnischen Verband. Nicht, weil die Meinung des Vorstands des FC Tango so wichtig wäre. Sondern weil er als politisch einflussreicher Mann gilt in der Republika Srpska, als ein Vertrauter des Präsidenten Milorad Dodik. Für den FC Tango hat er vor kurzem vier moslemische Spieler verpflichtet.

Diese Geschichte beginnt in einem verwaisten Stadion auf den Hügeln östlich der Stadt. Es heißt Asim-Ferhatovic-Hase-Stadion, aber eigentlich »Kosevo« nach dem umgebenden Stadtteil und seit den Winterspielen 1984 auch »Olympisches Stadion«. Gestern haben hier der FK Olimpik und der FK Sarajevo gegeneinander gespielt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Vereinen könnte kaum größer sein. Olimpik, die Heimmannschaft im Derby, verfügt zurzeit weder über ein eigenes Stadion noch über mehr als eine Handvoll Fans. Der FK Sarajevo ist im »Kosevo« der eigentliche Hausherr, weist sowohl einen gefürchteten Anhang auf wie auch eine Geschichte als Liebkind der jeweiligen Machthaber in Bosnien in den letzten 65 Jahren. Olimpik ist so etwas wie das Red Bull Salzburg dieser Stadt, gegründet 1993 vom Werbeunternehmer Nijaz Gracic und 2009 in der obersten Liga angekommen.


Unterhalb des Stadions war früher das Trainingsgelände. Später benötigte die Stadt den Platz für einen Friedhof. Alle drei Konfessionen haben hier ihre Gräber. Wir fotografieren einen moslemischen Grabstein, neben dem ein Fußball, aus Stein gehauen, platziert wurde. Kein seltener Anblick in dieser Stadt.

Diese Geschichte beginnt in einem eiskalten Raum in den Katakomben des Gradski-SRC-Slavija-Stadions. Die weißen Wände sind nur spärlich geschmückt, mit Wimpeln und alten Fotografien. Ein Laptop, ein Drucker, ein Konferenztisch, zwei Aschenbecher. Dragan Kulina, der Präsident des FK Slavija, raucht unentwegt, spricht konzentriert, wartet geduldig unsere Fragen ab. Draußen spielt seine Jugendmannschaft gerade ein Match, in einer Stunde bricht er in das nördlich gelegene Gradacac zum Auswärtsspiel auf. Vor wenigen Tagen war er gemeinsam mit Ivan Osim in Wien, er soll nach  der Suspendierung des bosnischen Verbandes Ende März einer dessen »Retter« werden (siehe Kasten).

Diese Geschichte beginnt im feinen Lokal Libertas mitten in der Altstadt von Sarajevo, in der noch heute zwischen einem »Wiener« und einem orientalischen Teil unterschieden wird. Kemal Kosaric sitzt mit uns zu Tisch, er ist der Gouverneur der bosnischen Nationalbank, und er ist ehemaliger Präsident des FK Zeljeznicar Sarajevo. Zeljeznicar bedeutet Eisenbahner, der Name verweist auf den Ursprung des Arbeitervereins und auf die Züge, die knapp oberhalb des Stadions ihre Runden drehten und die Besucher des Spiels mit ihren Signalhörnern grüßten. Kemal Kosaric ist, wie Osim, unmittelbar gegenüber dem im Krieg schwer beschädigten Stadion Grbavica ausgewachsen. Er kann die Spielernamen der Mannschaft, die 1972 den jugoslawischen Meistertitel holte, in wenigen Sekunden aufsagen. »Derzeit«, sagt Kosaric, »wird im Klub ein Stadionneubau diskutiert. Es steht ein Konzept mit angebundenem Shoppingcenter im Raum.« Der gerade noch zarte Fisch liegt uns plötzlich im Magen.

Diese Geschichte begann vor mehr als hundert Jahren in einer Stadt, die damals, nach dem Berliner Kongress 1878, von der k.u.k Monarchie regiert wurde. Der FK Slavija hieß bei seiner Gründung 1908 Dacki Sportski Klub, seine Mitglieder stammten aus der Ober- und Mittelschicht Sarajevos. Obwohl die Monarchie öffentliche Veranstaltungen verbot, wurde Fußball gespielt, als Zeichen eines neuen, panslawischen Selbstbewusstseins, wie es auch in anderen Teilen der Monarchie der Fall war. Die ersten Farben des Vereins waren Rot-Weiß wie jene des großen Vorbilds Slavia Prag. Heute spielt man in Blau und damit in derselben Farbe wie der Stadtrivale Zeljeznicar. ...

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