„Wir sind gerne Außenseiter“

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Bei Rapid ist Tormann Jan Novota derzeit Ersatz, dennoch könnte er als einziger Legionär der Bundesliga zur EM fahren. Im Interview spricht er über die Chancen der Slowakei, Napoli-Star Marek Hamsik und seinen komplizierten Patriotismus.

Das Vormittagstraining bei Rapid ist vorbei. Jan Novota ist als einziger Spieler noch am Trainingsplatz. Nach einer fünfmonatigen Zwangspause genießt es der Slowake offensichtlich, wieder Fußball zu spielen. Eine Viertelstunde später nimmt er frisch geduscht auf der Bierbank des Stadionimbisses Platz. Interviews gibt Novota schon lange problemlos auf Deutsch, der Verein hat ihm eine Sprachlehrerin organisiert und falls er doch noch Fehler mache, so erzählt Novota, korrigiere ihn Mannschaftskapitän Steffen Hofmann. „Letztes Jahr hat mich der Schiedsrichter einmal im Kabinengang etwas gefragt, nach meiner Antwort hat der Steffen scherzhaft zu mir gesagt: ‚Du hast schon wieder den Artikel verwechselt, du Depp.‘ Mir macht das Spaß, und es hilft mir auch.“

 

ballesterer: Wie geht es Ihrer Schulter?

Jan Novota: Schon viel besser. Ich bin zwar noch in Behandlung, kann sie aber schon wieder voll bewegen – nur wenn ich drauffliege, tut es noch ein bisschen weh. Ich will auch nichts überstürzen. Wenn ich am Feld stehe, will ich das einfach nicht mehr im Hinterkopf haben. So weit bin ich noch nicht, aber das wird nicht mehr lange dauern.

 

Was heißt das in Hinblick auf Ihre mögliche EM-Teilnahme?

Es schaut nicht so schlecht aus. Obwohl ich nicht voll einsatzfähig war, habe ich im März zu einem Trainingslager mitfahren dürfen. Das hat mich überrascht, aber es war super. Das Trainerteam steht voll hinter mir und hat mir gesagt, dass ich mir keinen Stress machen soll.

 

Was ist der Slowakei bei der EM zuzutrauen?

Es war schon ein großer Erfolg, dass wir uns qualifiziert haben. Trotzdem wollen wir natürlich nicht zum Urlauben nach Frankreich fahren. Wir wissen, dass wir in einer sehr schweren Gruppe sind, aber wir finden die Gruppe cool. England und Wales sind von der Insel, das wird Spaß machen. Russland können wir schlagen. Wir haben 2014 das letzte Mal gegen sie gespielt und nur 0:1 verloren. Insgesamt sind wir zwar nur Außenseiter, aber diese Rolle liegt uns.

 

Was ist das Ziel der Mannschaft?

Wir wollen ins Achtelfinale aufsteigen. Da kommt es uns sicher entgegen, dass auch der Gruppendritte noch Chancen hat. Das ist jetzt natürlich spekulativ, aber vielleicht ist es auch ein Vorteil, dass wir das letzte Gruppenspiel gegen England haben – eventuell können die dann schon Spieler schonen.

 

Mit Marek Hamsik von Napoli gibt es einen großen Star in Ihrer Mannschaft. Wie funktioniert das Mannschaftsgefüge?

Ich war selbst überrascht, wie bodenständig Hamsik ist. Wenn du ihn am Platz siehst, glaubst du, er ist ein Tier, das alle zerstört. Aber in der Kabine ist er ganz leise und redet nur, wenn er gefragt wird. Das ist einfach sein Charakter. Aber im Training und bei Spielen schaltet er dann um, da übernimmt er die Führungsrolle und gibt alles für die Mannschaft. In den entscheidenden Momenten ist er da.

 

Und Liverpool-Innenverteidiger Martin Skrtel? Den stellt man sich ja schon anders vor.

Der redet schon mehr und ist auch gerne einmal lauter. Er spricht aber auch viel mit den jüngeren Spielern, die erst wenig Länderspielerfahrung haben. Er gibt allen das Gefühl, dass sie dazugehören. Es ist nicht selbstverständlich, dass so ein Spieler so zugänglich ist. Ich glaube, dass er dem Team enorm hilft, eine Einheit zu werden.

 

Welche Rolle spielen Sie?

Ich weiß schon, wo ich stehe. Ich bin dritter Tormann – das war ich auch während der ganzen Qualifikation. Da muss ich mich dann auch nicht wichtigmachen. Natürlich wünsche ich mir, dass ich in Frankreich spielen kann, aber ich bin Realist. Ich genieße einfach jeden Tag und jedes Training, bei dem ich bei der Nationalmannschaft sein kann.

 

Haben Sie als Tormann ein Vorbild?

Gianluigi Buffon. Nicht nur, weil er unglaubliche Leistungen bringt, sondern auch weil er für seine Vorderleute eine Papa-Figur ist. Die Verteidiger haben keine Angst, dass er ihnen den Kopf abreißt, wenn sie einen Fehler machen.

 

Ihr Teamchef Jan Kozak ist außerhalb der Slowakei relativ unbekannt. Welchen Anteil hat er an der Qualifikation?

Er ist 64 Jahre alt und sehr erfahren. Als Spieler war er in Frankreich und Belgien, er hat aber nie eine Mannschaft im Ausland trainiert. Er war lange Trainer in Kosice, wo er viel mit jungen Spielern gearbeitet hat. Seine Mannschaft war immer ein Außenseiter, er hat also Erfahrung mit dieser Rolle. Kozak ist kein Schreihals, sondern schaut sich die Dinge in aller Ruhe an. Wir vertrauen ihm, und er vertraut uns. Er ist auch nicht streng: Wenn man nicht pünktlich zum Essen kommt, ist das nicht so schlimm. Hauptsache, du bist im Training bereit.

 

Die Slowakei ist erst seit 1993 ein eigenständiger Staat. Sind Sie ein Patriot?

Das ist etwas kompliziert, weil ich eigentlich Ungar bin. Meine Muttersprache ist ungarisch, und ich rede auch mit meiner Familie ungarisch. Ich komme aus der Südslowakei, dort gibt es eine ungarische Minderheit. Auch im Nationalteam gibt es vier oder fünf Spieler mit ungarischen Wurzeln.

 

Ist das teamintern ein Thema?

Nein, überhaupt nicht – auch nicht von den Tribünen. Ich habe ja auch vollsten Respekt für die Slowakei. Ich bin in dem Land geboren worden und habe den Großteil meines Lebens dort gespielt. Früher war das schon noch ein größeres Thema. Ich habe bei Dunajska Strada in der Südslowakei gespielt, da waren die Spiele gegen Slovan Bratislava wie ein Krieg.

 

Zur Person

Jan Novota (32) wechselte 2011 von Dunajska Streda zu Rapid. Im Mai 2014 wurde er erstmals in das slowakische Nationalteam einberufen. Während der EM-Qualifikation stand er bei jedem Spiel im Kader, kam bisher allerdings nur bei zwei Freundschaftsspielen zum Einsatz.


Referenzen:

Heft: 112
Thema: EM 2016
Verein: SK Rapid, Slowakei
ballesterer # 120

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