»Wir sind kein Abstiegskandidat«

cache/images/article_1686_weiss_140.jpg Thomas Weissenböck kann sich vorstellen, dem LASK den Rang abzulaufen. Im ballesterer-Interview spricht der Blau-Weiß-Trainer über das Linzer Derby, seine offensive Spielphilosophie und das Verhältnis zum »Arbeiterverein« Blau-Weiß.
Mathias Slezak | 11.08.2011
ballesterer: In der zweiten Runde hat Ihre Mannschaft im Linzer Derby gegen den LASK vor ausverkauftem Haus ein 1:1 erreicht. Hat Sie die Begeisterung, die rund um das Spiel geherrscht hat, überrascht?
THOMAS WEISSENBÖCK: Nein, es war das erste Meisterschaftsderby seit 14 Jahren, dazu kommt die Vorgeschichte, dass der FC Linz vom LASK geschluckt worden ist. Von daher haben wir schon gewusst, dass es für den Verein und die Fans ein extrem wichtiges Spiel ist.

Das Derby war auch ein Duell des Trainerneulings Thomas Weissenböck gegen den erfahrenen Walter Schachner. In welchen Bereichen sehen Sie sich im Vorteil?
Das war ein Spiel zwischen Blau-Weiß und dem LASK, für mich hat es kein Trainerduell gegeben. Ob ich gegenüber Herrn Schachner irgendwo im Vorteil bin, will ich nicht beurteilen. Ich setzte vielleicht in bisschen mehr auf eine offensive Spielweise und möchte den Gegner spielerisch dominieren, während Schachner das Hauptaugenmerk auf die Defensive seiner Mannschaft legt. Das ist aber eine Frage der Philosophie, da gibt es kein »richtig« oder »falsch«. Im Fußball ist es doch immer so: Wenn du gewinnst, hast du recht egal, was du machst.

Vor dem Spiel sind in den Medien wieder die alten Zuschreibungen von »Koksstierlern« und »Landstraßlern« aufgetaucht. Sind die für Sie noch relevant?
Diese Assoziationen haben schon ihre Berechtigung. Im Vorfeld eines Derbys werden halt Klischees strapaziert. Früher war das sicher noch brisanter, weil die VÖEST ja ein Werkssportklub war und sogar auf dem Werksgelände trainiert hat.

Sie hätten die Mannschaft auch bei einem Verbleib in der Regionalliga übernommen. Was hat sie an dieser Aufgabe gereizt?
Als ich zugesagt habe, war es sogar sehr unwahrscheinlich, dass Blau-Weiß noch aufsteigt. Ich bin davon ausgegangen, dass ich den Verein in der Regionalliga übernehme und dann um den Aufstieg spiele dass es dann doch anders gekommen ist, macht die Aufgabe noch attraktiver. Allein vom Fanpotenzial her gibt es in Oberösterreich kaum etwas Vergleichbares. Außerdem ist Blau-Weiß ein Arbeiterverein, bei dem alle an einem Strang ziehen. Das passt ganz gut zu mir, schließlich habe ich als Jugendlicher in der VÖEST eine Lehre absolviert. Es ist schön, die Perspektive zu haben, etwas entwickeln zu können. Ich kann das Know-how, das ich bei meinen bisherigen Vereinen gesammelt habe, sehr gut einbringen. Wir wollen den Verein step-by-step weiterentwickeln, es soll ja nicht ewig gegen den Abstieg gehen.

Was sind die Ziele für die aktuelle Saison?
Die Vorbereitung war extrem kurz, deswegen wollen wir nach den ersten zehn Runden eine Bilanz ziehen und uns dann realistische Ziele für die Saison setzen. Als Abstiegskandidaten sehe ich uns nicht. Wir wollen uns aber nicht nur über den Tabellenplatz definieren, sondern eine offensive Spielphilosophie entwickeln, wo jeder Spieler weiß, was er zu tun hat. Defensiv kannst du schnell gut stehen, aber wir wollen in Ballbesitz sein und den Gegner mit spielerischen Mitteln dominieren.

Können Sie sich vorstellen, dem LASK in Linz den Rang abzulaufen?
In der eigenen Stadt die Nummer eins zu sein, ist immer ein Ziel. Es kommt auch auf den LASK an, aber zum jetzigen Zeitpunkt halte ich es für möglich wenn auch nicht von heute auf morgen.

Die Blau-Weiß-Fans hören das sicher gerne. Besteht aber nicht auch die Gefahr, an den hohen Erwartungen der Anhängerschaft zu zerbrechen?
Das ist sicher möglich, wenn ich mir die Erwartungshaltung mancher Fans anschaue. Natürlich ist die zu Recht da und wir müssen sie auch erfüllen - aber wenn jeder sofort Erfolge sehen will, dann muss ich realistisch bleiben und sagen: Das ist jetzt noch nicht möglich. Wir arbeiten daran, Blau-Weiß wieder dorthin zu bringen, wo uns alle sehen wollen. Aber ein bisschen Zeit brauchen wir noch.

In der Saison 2007/08 waren Sie ein halbes Jahr Cheftrainer der SV Ried, aber dort nicht unbedingt erfolgreich. Woran sind Sie damals gescheitert?
Das war eine ganz schwierige Situation für mich. Ich bin zuvor zweieinhalb Jahre Co-Trainer dieser Mannschaft gewesen und habe plötzlich als Cheftrainer die nötige Distanz wahren und den Spannungsbogen wieder herstellen müssen. Auch bei Rapid hat man in der vergangenen Saison gesehen, wie schwer es ist, diesen Schritt zu machen, wenn du einmal ganz nah bei der Mannschaft warst. Die Spieler fragen sich dann: »Was ist denn mit dem auf einmal los?« Bei mir ist noch dazugekommen, dass viele Spielerverträge im Sommer ausgelaufen sind und wir in der Tabelle im Niemandsland waren. Die nötige Spannung, um Erfolg zu haben, haben wir dann ganz einfach nicht mehr aufbauen können. Aus heutiger Sicht würde ich aus der Co-Trainer-Position keine Mannschaft mehr übernehmen.

Durch Ihre Tätigkeit im Nachwuchs der SV Ried kennen Sie die Schnittstelle zwischen Jugend- und Profifußball sehr gut. Haben Sie eine Erklärung, warum der ÖFB mit dem A-Team nicht an die Erfolge der Nachwuchsteams anschließen kann?
Ich glaube, dass wir immer noch zu viel versuchen. Irgendwann müsste man sich auf ein System festlegen und dieses dann vom A-Team bis in die Jugend durchziehen. Dann weiß jeder Spieler, der zum Team kommt, welche Aufgaben er auf seiner Position hat. Bei uns kommen die Spieler zusammen und tun halt ein bisserl herum. Das kann dann nicht so gut funktionieren wie zum Beispiel bei den Holländern, die von klein auf ein 4-3-3-System spielen. Da weiß jeder Spieler, was er zu tun hat, egal ob der Seppi, der Peppi oder der Hubsi spielt. Bei uns reden immer alle von der nächsten Qualifikation und dann schmeißen wir nach drei Spielen Aufbauarbeit wieder alles über den Haufen. Irgendwann müssen wir unseren Spielern Zeit geben, sich zu entwickeln und eine Generation entstehen lassen. Ich will nicht den großen »Gscheitwaschl« spielen und dem ÖFB Tipps geben, aber das wäre mein Zugang zu dieser Thematik.

Was wäre denn für Österreichs Nationalteam möglich?
Man muss ganz klar sagen, dass wir acht Millionen Einwohner haben und eine Schi-Nation sind. In England interessiert ja auch niemanden, wie ihre Schifahrer abschneiden. Wir müssen unsere Erwartungshaltung etwas niedriger ansetzen, aber natürlich muss das Fernziel sein, sich kontinuierlich für die Europameisterschaft zu qualifizieren. Dass das nicht so einfach ist, sieht man aber zum Beispiel an den Schweden, die auch Probleme haben, sich dauerhaft im Spitzenfeld festzusetzen. In den letzten Jahren hat sich im ÖFB sicherlich einiges entwickelt, aber ich glaube mit einem festen System und klaren Vorgaben könnte man noch ein bisschen mehr rausholen.

In den vergangenen Wochen haben Sie eine Diskussion über die Aufnahmekriterien der Trainerausbildung angeregt. Finden Sie es ungerecht, dass Sie zum zweiten Mal nicht in den Lehrgang für die UEFA-Pro-Lizenz aufgenommen worden sind?
Ich wollte nicht, dass das so hohe Wellen schlägt. Ich habe das in einem Interview anklingen lassen, und das Thema hat eine gewisse Eigendynamik entwickelt, weil es offensichtlich einigen unter den Fingernägeln gebrannt hat. Es ist ein Faktum, dass die Ex-Profis bei der Aufnahme Vorteile haben, weil alle anderen diese Punkte gar nicht erreichen können. Dieses System muss man überdenken. Ich möchte mich im Fußballgeschäft weiterbilden, und das ist mit diesem Punktesystem leider nicht möglich. Ich wollte aber nur einen Denkanstoß liefern.

Zur Person: Thomas Weissenböck (39) wuchs in Waizenkirchen in Oberösterreich auf und spielte für den SV Grieskirchen in der Regional- und Landesliga. Bei der SV Ried war Weissenböck siebeneinhalb Jahre als Akademietrainer, Sportlicher Leiter der Akademie und Assistent von Heinz Hochhauser und Helmut Kraft tätig. Ein halbes Jahr lang betreute er die Innviertler als Cheftrainer. Mit Ende der vergangenen Saison wechselte der Co- und Amateurtrainer des LASK zum Stadtrivalen FC Blau-Weiß Linz.

Referenzen:

Heft: 64
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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