»Wir waren einfach moderner«

cache/images/article_2018_scannen0011_140.jpg Der Beginn der Ultra-Bewegung in Deutschland reicht in die 1980er Jahre zurück. Damals kamen bei Fortuna Köln erstmals Megafon und Lieder aus Italien zum Einsatz zur Verwirrung der übrigen Fans. Die Gründer der »Fortuna Eagles« über die Anfangsjahre in der Kurve.
Jannis Linkelmann, Martin Thein | 26.02.2013

Passenderweise haben die Gründer der »Fortuna Eagles« selbst italienische Wurzeln: Als Teenager brachten Renato und Marco die Stilmittel der Ultra-Kultur aus Italien nach Köln. Gemeinsam mit dem noch etwas jüngeren Andreas gründeten sie 1986 beim damaligen Zweitligisten Fortuna die »Fortuna Eagles Supporters« und brachten Fahnen, Liedgut und Bewegung in die bis dahin wenig organisierten deutschen Kurven. Langsam erhielt die Gruppe mehr Zulauf, darunter auch »Bechti« und Chris, die ebenfalls über die frühen Ultra-Erfahrungen berichten. Die fünf sind mittlerweile in ihren späten Vierzigern, ihr Verein spielt heute in der viertklassigen Regionalliga West, aber die »Fortuna Eagles« gehen immer noch zu jedem Spiel.

ballesterer: Seht ihr euch selbst als Begründer der Ultras in Deutschland?

ANDREAS: Ja, klar.
MARCO: Es wird uns zumindest nachgesagt, dass wir es seien. Und wenn ich überlege, ist das wohl auch wahr. Wir waren die ersten Ultras in Deutschland.
Wie habt ihr die Fanszene bei Fortuna und in Deutschland Mitte der 1980er Jahre in Erinnerung?
ANDREAS: In deutschen Stadien war es eigentlich überall total langweilig.
MARCO: Anders als in Ländern wie Italien war sowieso nichts organisiert.
RENATO: Da hat es höchstens ein paar Leute mit Fähnchen gegeben, die vielleicht noch irgendwas draufgeschrieben haben. Aber so etwas wie dann später uns hat es auf keinen Fall gegeben.
BECHTI: Die klassische Fanszene war sehr ruhig. Als ich 1987 dazugekommen bin, hat mich begeistert, dass die »Eagles« Lieder gesungen haben. Sie haben rumgetanzt und Support gemacht, also wirklich die Mannschaft unterstützt. Einer hat etwas mit dem Megafon vorgesungen, die anderen haben nachgesungen. So etwas hat man bis dahin überhaupt nicht gekannt. Das war ganz großes Kino.


An welchen Vorbildern habt ihr euch beim Support orientiert?
RENATO: Meistens an Italien. Wir waren ja selber auch dort und haben Spiele gesehen. Und wir haben das Magazin Supertifo gelesen. Es hat also schon einiges gegeben, womit wir uns informieren konnten. In Italien haben wir auch die Gesänge abgekupfert und sie mit deutschem Text belegt.
CHRIS: In den Liedern ist auch ein toller Rhythmus gelegen. Am Anfang haben wir damit auch unsere Probleme gehabt, also vor allem an den ersten zwei, drei Spieltagen, wenn manche Lieder neu waren. Aber es ist dann immer besser geworden und immer mehr Leute haben mitgesungen, bis sich die Lieder dann etabliert haben.


Wie ist das abgelaufen, dass ihr als kleine Gruppe die Kurve aktiviert habt?
MARCO: Wir drei haben das einfach in die Hand genommen. »Bechti« ist dann später dazugekommen. Renato hat irgendwann das Megafon mitgebracht. Von da an war er unser Mann am Megafon. Die anderen Fans, egal ob von der Fortuna oder vom Gegner, haben damit erst einmal überhaupt nichts anfangen können.
RENATO: Dann hatten wir auch noch eine fünf mal fünf Meter große Fahne dabei. Darauf hat sich auch keiner einen Reim machen können. Alle haben die Fahne immer nur verwundert angeguckt. Wir haben auch andere Fahnen gehabt, zum Aufhängen und zum Schwenken. Diese Art von Support hat niemand gekannt, und zunächst sind wir noch richtig belächelt worden.
MARCO: Später sind dann die Leute gekommen und haben gesagt: »Das ist aber schön geworden, das habt ihr gut organisiert.« Dann haben sich auch die anderen Fans für die »Eagles« interessiert, nach und nach sind immer mehr zu uns gekommen. Das war aber ein langer Prozess, da sind nicht 30 oder 50 auf einmal gekommen.


Was hat euch von anderen Gruppen unterschieden?
MARCO: Letztlich waren wir einfach moderner. Von unseren Gesängen bis hin zur besseren Kleidung.
BECHTI: Ja, die gute alte Bomberjacke.
CHRIS: Das Erkennungsmerkmal der »Eagles« war ganz klar die dunkelblaue Bomberjacke mit dem Aufnäher der Gruppe. Das war damals einmalig und hat uns von anderen Fangruppen abgehoben. Wenn wir dann zu zwanzigst mit der gleichen Jacke aufgetaucht sind, war das schon ein geiles Gefühl besonders, wenn wir damit auswärts gefahren sind.


Hat es Probleme mit dem Verein gegeben?

BECHTI: Wir haben unser Material, also Schals und unsere Logos, produziert und dabei auch das Fortuna-Logo verwendet, ohne großartig nachzufragen. Das ist damals toleriert worden. Aber wir haben kaum Hilfe vom Verein angenommen. Das wollten wir nie. Zur Finanzierung haben wir früher gesammelt. Dazu sind die Mitgliedsbeiträge und die Einnahmen aus unserem Fanartikelverkauf gekommen.
ANDREAS: Probleme hat es da schon eher mit dem Ordnungsamt und mit der Stadt gegeben, weil wir mit den schweren Sachen wie Trommeln und Megafonen ins Stadion gekommen sind. Da hat es ein richtiges Theater gegeben.

Nachdem sich die »Fortuna Eagles« etabliert hatten wie groß war die Gruppe?
BECHTI: Wir waren eine Truppe von 20 bis 25 Leuten im Alter zwischen 20 und 25 Jahren. Es waren Italiener, Schweizer und auch Türken dabei. Und das war egal. Die Hauptsache war, dass die Leute mit uns supportet haben und mit uns losgezogen sind. Auch beruflich hat es bei uns alles gegeben: von Studenten über Autoverkäufer hin zu Festangestellten und Selbstständigen.


Hat es auch Frauen in der Gruppe gegeben?

RENATO: Klar, natürlich hat es auch Frauen bei uns gegeben. Das waren weniger als die Jungs, aber manche haben auch mitgemacht.
MARCO: Und sie sind auch toleriert worden.
CHRIS: Wir haben auch eine Fahne mit der Aufschrift »Eagles Sektion Girls« gehabt. Das waren aber nur wenige Frauen.


Wie wart ihr organisiert? Hat es fixe Rollenzuweisungen in der Gruppe gegeben?

CHRIS: Wir haben vor dem Spiel immer besprochen, was wir machen. Und dann haben wir uns ausgemacht, wer sich um die Fahnen kümmert.
ANDREAS: Renato, Marco und ich haben die Fahnen aufgehängt. Renato war der Capo mit dem Megafon. Das haben wir drei die ersten zehn oder 15 Jahre alleine gemacht.
RENATO: Organisieren kann man es ohnehin nur im kleinen Kreis. Mit 20 oder 30 Leuten kriegst du nie etwas geregelt.


Herumgesprungen seid ihr auch, das soll eine Art Pogo-Tanz gewesen sein.
ANDREAS: Nein, das war kein Pogo. Das war ein Lied, bei dem gesungen wird und alle nach vorne laufen, dann wieder nach hinten, nach rechts und nach links.
CHRIS: Und wenn das 50 Leute in einem Block gemacht haben, ist natürlich aufgefallen, dass da Bewegung drin war.
Wie war euer Verhältnis zu Gewalt?
CHRIS: Wir waren eine kleine, überschaubare Gruppe, uns hat jeder gekannt. Wir waren aber auch keine Kinder von Traurigkeit. Wir sind schon immer stehen geblieben und nicht weggelaufen, wenn jemand auf uns zugekommen ist.
RENATO: Die Fahne wird immer verteidigt. Wir sind aber nicht unbedingt auf Gewalt aus. Wir gehen nicht ins Stadion, um Gewalt auszuüben.


Welche Bedeutung hat damals Pyrotechnik gehabt? Heute ist das ja ein sehr heiß diskutiertes Thema.
BECHTI: Das war auch damals schon sehr wichtig.
MARCO: Alles, was Krach macht und laut war, war für uns interessant. (lacht) Aber es hat auch immer Probleme deswegen gegeben.
CHRIS: Wer sich erwischen lässt, ist dann eben selbst schuld.
MARCO: Das ist ja das Ultra-Sein es dann trotzdem zu machen oder wenigstens zu versuchen.


Habt ihr jemals daran gedacht, mit dem Ganzen mal Schluss zu machen?

MARCO: Nein, nie.
RENATO: Ich habe auch nie daran gedacht, aufzuhören.
CHRIS: Ein Problem ist aber sicherlich, dass wir alle älter geworden sind und mehr Verantwortung im Beruf und im Leben haben. Früher, als 20-Jähriger, hast du mehr Zeit und sagst deiner Freundin: »Pass auf, ich bin heute mal weg«, und es ist gut. Heutzutage nehmen Familie und Beruf viel mehr Zeit in Anspruch.


Wenn ihr die letzten 25 Jahre Revue passieren lasst,  wie hat sich eure Gruppe verändert?

RENATO: Wir sind älter und vielleicht auch ein bisschen ruhiger geworden.
MARCO: Und souveräner. Keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich haben wir alles besser im Griff. Ich habe Kinder, das bremst dich natürlich auch hin und wieder aus.

 

Das Interview entstand in Kooperation mit fankultur.com.

Referenzen:

Heft: 79
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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