„Wir werden immer hier sein“

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Die Fans von Austria Salzburg und Barletta sind freundschaftlich verbunden, ihre Klubs haben zudem ähnliche Probleme: ständige Geldsorgen und eine schlechte Infrastruktur. Ein Besuch in Süditalien.

Matthias Lassnig | 15.03.2017

Empfangshalle im Flughafen Bari an einem Mittwoch, kurz vor 23 Uhr: „Wir haben ein Haus gemietet, alle feiern schon und warten, komm, lass uns fahren!“ Donato hat es eilig. Der tätowierte Glatzkopf mit den sorgfältig gepflegten Augenbrauen ist der Capo der „Gruppo Erotico 1987“ aus Barletta. Vormals Model und Bodybuilder, ist der 52-Jährige heute Chef der Security-Firma Gladiator, seine Mannschaft darf er derzeit nicht sehen, er hat ein fünfjähriges Stadionverbot. Er ist auch schon mehr als fünf Jahre im Gefängnis gesessen. In Vasto, bei Pescara. „Mit Neapolitanern und Rumänen“, sagt er. „Italienische Haft ist nichts Feines.“ Recht viel mehr will er darüber nicht berichten. Donato ist mit seinem Smart da. „Bitte nicht anschnallen, no problem.“ Mit 140 km/h geht es über die Schnellstraße nach Barletta.

Die 100.000-Einwohner-Stadt im süditalienischen Apulien hat einen großen Industriehafen zu bieten, aber nur eine kleine Altstadt mit einer überschaubaren Anzahl an Unterkünften. Das bekannteste Touristenziel ist ein Stauferkastell aus dem 10. Jahrhundert, die zweite Sehenswürdigkeit steht vor dem Dom: der Koloss von Barletta. Um die Herkunft der 5,11 Meter hohen Bronzestatue mit einem Kreuz in der rechten Hand ranken sich Legenden. Die beliebteste geht so: Im 13. Jahrhundert sollte die Statue eigentlich nach Venedig verschifft werden, nachdem sie bei den Plünderungen Konstantinopels entwendet worden war. Doch nach einer Havarie haben lokale Fischer die Statue aus dem Meer gezogen und sofort eingeheimst.

Apulische Exzellenz
In Barletta wird aber auch Fußball gespielt. Aktuell gondelt die ASD Barletta 1922 in den Niederungen des Amateurbetriebs herum. Der Höhepunkt der Vereinsgeschichte war der Aufstieg in die Serie B im Jahre 1987. Seither folgten Abstiege, Aufstiege, Konkurse und Neugründungen. 2013 gab es ein Intermezzo in der dritthöchsten Spielklasse, danach das eigentlich endgültige Ende und nun doch irgendwie den Spielbetrieb in der Eccelenze Pugliese – der niedrigsten regionalen Spielklasse.

Wäre das für die Fans nicht schon bitter genug, haben sie derzeit nicht einmal ihr Stadion zur Verfügung. Das Stadio Cosimo Puttilli, eine Betonschüssel für Fußballromantiker, wurde im Juli 2015 dem Erdboden so gut wie gleichgemacht. Mit Pauken und Trompeten war der Umbau gestartet worden, die alten Tribünen wurden niedergerissen und neue aus Stahlrohr aufgestellt. Sogar rote und weiße Sitze in den Vereinsfarben waren montiert worden. Doch von einem Tag auf den anderen war plötzlich kein Bagger mehr zu sehen, kein Arbeiter mehr am Start. Ein Stillstand, den die Fanszene von Barletta nicht mitansehen wollte. Zwei Dutzend Ultras stürmten im Juli 2016 eine Sitzung der Stadtregierung und skandierten: „Ihr habt uns verarscht! Wir haben mehr verdient!“

Mit der Stadionmisere verbunden ist auch ein berühmter Sohn der Stadt, Pietro Mennea. Der Sprinter wurde 1980 in Moskau Olympiasieger und hielt mit 19,72 Sekunden 17 Jahre lang den Weltrekord über 200 Meter. Als er 2013 starb, soll das Olympische Komitee der Gemeinde 1,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben, um das Stadion zu renovieren und es zu Menneas Andenken mit einer neuen Tartanbahn auszustatten. Eine feine Geste, und wer die Laufbahn mit den Schlaglöchern schon einmal betreten hat, weiß auch, wie notwendig sie war. Doch nun ist das Geld weg, und keiner weiß, wohin es versickert ist.

Referenzen:

Heft: 120
ballesterer # 120

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