Zeitzeuge mit Torgarantie

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Hannes Aigner hat den Untergang des FC Tirol erlebt, sah Frank Stronach zweimal scheitern und führte Altach in den Europacup. Die Tore, sagt er, sind überall gleich groß.

Mario Sonnberger | 02.02.2016

Schneidender Wind weht um das Wiener Teamhotel des SCR Altach, als wir Hannes Aigner zum Interview treffen. Dem Tiroler aber kann die kalte Jahreszeit nicht lange genug dauern. „Ich bin ein Wintertyp“, sagt er. „Bei schlechtem Wetter kann man besser rutschen und wird nicht so schnell müde.“ Erschöpfung scheint aber ohnehin kein Thema für den bald 35-Jährigen zu sein, obwohl die Einsatzminuten langsam weniger werden. Der hinter Joachim Standfest, Steffen Hofmann und Thomas Borenitsch derzeit viertälteste Spieler der Bundesliga rackert, kratzt und beißt sich seit fast eineinhalb Jahrzehnten durch den österreichischen Profifußball. Er hat damit begonnen, als alles noch ganz anders war.

Als Hannes Aigner im Sommer 2003 für den damaligen Zweitligaklub FC Wacker Tirol debütiert, ist Hans Krankl Teamchef. Österreichs amtierender Meister heißt noch FK Austria Memphis, sein Trainer Joachim Löw. In Graz stilisiert sich Walter Schachner dank „Schokotabelle“ zum Mann der Stunde. Er wird in der nächsten Saison mit dem GAK den Titel holen und im Europacup spielen, als Aigner sein erstes Bundesliga-Spiel absolviert. Drei Jahre später ist der Verein in Konkurs. Auch den SK Sturm hat es schon getroffen. Es ist eine schwere Zeit.

Desaster und Chance
Mit dem FC Tirol hat es Anfang des Jahrtausends begonnen. Nach drei Meistertiteln in Folge zerbricht der Verein an seinen Schulden und wird 2002 aufgelöst. Innsbruck ist im Profifußball nicht mehr vertreten. Hannes Aigner erlebt den Konkurs als Fan von der Tribüne aus, wo er bei den „Verrückten Köpfen“ steht. „Es war ein Desaster“, sagt er heute. Doch mit der Neugründung in der Regionalliga tat sich plötzlich eine Chance für talentierte Nachwuchskicker auf – auch für den Lehrling aus der Nähe von Schwaz, der zuvor schon fast mit dem Fußball aufgehört hätte. „Zwischen 16 und 20 habe ich in Graz eine Lehre zum Telekom-Techniker gemacht“, sagt Aigner. „Schächte kraxeln, Kabeln legen – dabei mag ich Spinnen überhaupt nicht.“ Mit Einsatz und Ehrgeiz reicht es aber doch zum Profifußballer. Trotz Rückstand im technischen Bereich, wie er sagt. Dabei bleibt er immer auch ein bisschen Fan – bis heute. „Ich reiß mir die Haxen für den Verein aus, bei dem ich gerade spiele. Aber ich freue mich auch riesig über die Innsbrucker Erfolge.“

In den fußballerischen Lehrjahren sind persönliche Erfolge rar. Für Wacker erzielt Hannes Aigner in zwei Saisonen erst zwei, dann fünf Bundesliga-Tore. Umso härter arbeitet er, um die Quote in den zweistelligen Bereich zu schrauben. „Das ist immer mein Ziel“, sagt Aigner, „in welcher Liga auch immer. Man macht unten nichts anderes als oben. Man muss schneller denken, Situationen schneller lösen als der Gegner.“ Nach über 350 Spielen als Profi hat er so schon etlichen Verteidigern das Leben schwer gemacht. Die Frage nach seinem härtesten Gegner mag er trotzdem nicht beantworten, auch wenn er Michael Madl und Martin Hinteregger besonders lobt. „Wichtig ist mir nur, dass mein Gegner mich nicht mag“, sagt Aigner. „Mir taugt’s, wenn ich hart spielen kann. Ich stecke aber auch ein.“ Nachsatz: „Auch wenn ich deshalb vielleicht nicht so beliebt bei den Fans anderer Teams bin.“

Meschugge in Wien
Zumindest bei den Fans der Wiener Austria, zu der er 2006 wechselte, ist Aigner aber heute noch gut angeschrieben. In seinen zwei Jahren in Wien war er der beste Torschütze des Vereins – und er erlebte, wie sich das Regime Frank Stronachs seinem Ende näherte. Wieder war die Austria Meister geworden, und noch immer litt sie unter den erratischen Entscheidungen ihres Mäzens. „Es war damals die Rede davon, dass man immer im großen Stil denken sollte“, sagt Aigner. Und doch entzog der Milliardär dem Verein nach dem Meistertitel seine Liebe, ließ Leistungsträger ziehen. Als regierender Meister verbringt die Austria den Winter 2006 auf dem letzten Tabellenplatz. „Das war schirch“, sagt Aigner. „Da glaubt man, man geht zu einem großen Verein und spielt oben mit – und dann kriegt man nur auf die Pappen.“ Die nach dem Titel neu zusammengewürfelte Truppe habe mit Rückschlägen nicht umgehen können. Die Folge war die Trennung von der sportlichen Führung Peter Stöger und Frenkie Schinkels. 

Der heutige Köln-Trainer Stöger war damals noch im Management tätig. Meistertrainer Schinkels, der Aigner zum Verein geholt hatte, überzeugte und motivierte zunächst vor allem durch seinen Schmäh. „Der hat dann halt aufgehört“, zieht Aigner Bilanz. Trotzdem denkt Hannes Aigner heute noch gerne an seine zwei Jahre in Wien-Favoriten, in denen er 2007 zum einzigen Mal auch Cupsieger wurde. „Größenmäßig war die Austria das Highlight meiner Karriere. Da habe ich wirklich viel gelernt“, sagt er und lobt vor allem einen Mitspieler in den höchsten Tönen. „Milenko Acimovic war wahrscheinlich der beste und eleganteste Spieler, mit dem ich je zusammengespielt habe. Seine Aura war enorm. Seinen linken Fuß hat er zwar nur zum Stehen gehabt – aber er hat ihn auch nicht gebraucht.“ Ein besonderes Verhältnis verbindet den Torjäger auch mit den Austria-Fans. Noch heute habe er ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Meschuggene Mischpoche“ zu Hause, das ihm damals von einem Fanklub geschenkt wurde.

Abartig und lässig
Im Sommer 2008 folgte Aigner schließlich Stronach zum neu gegründeten SC Magna nach Wiener Neustadt. „Finanziell war es dasselbe wie in Wien“, sagt er in Richtung seiner Kritiker, die ihm vorwarfen, des Geldes wegen sogar in die zweite Liga zu gehen. „Wir haben wirklich daran geglaubt, etwas aufzubauen.“ Nach zwei Jahren mit Mitspielern wie Acimovic und Jocelyn Blanchard ging es dem damals 27-Jährigen aber auch persönlich um mehr. „Ich wollte in Neustadt endlich ein Führungsspieler sein, der vorangeht.“ Den – letztlich nur einjährigen – Abstieg in die zweite Leistungsstufe nahm er in Kauf. „Fußball macht auch in der zweiten Liga Spaß.“

In Wiener Neustadt sei es dann am fehlenden Stadion gescheitert, obwohl Stronach schon mit den Worten „So wird’s ausschauen“ in die Kabine gekommen sei. Die Pläne für einen Neubau waren vorhanden, der Wille der Politik hielt sich angesichts des geringen Zuschauerzuspruchs aber in Grenzen. Heute lacht Aigner über die Zeit bei den zwei Stronach-Vereinen. „Er hat manchmal einfach das Training unterbrochen. Fußball war aber nur ein Hobby für ihn, das ist schon ein bisschen abartig.“ Trotzdem betrachtet der ehemalige Kapitän der Neustädter die Zeit in Niederösterreich als positiv für seine Karriere – 39 Treffer in 88 Spielen lassen ahnen, warum. „Neustadt war arg“, sagt Aigner. „Aber eine lässige Zeit.“

Gottlos in Vorarlberg
Das Urteil über seinen nächsten Arbeitgeber fällt kurz und knapp aus: „Der LASK hat ein wirklich cooles Fanpotenzial.“ Nur die Zeit unter Präsident Peter-Michael Reichel sei schlimm gewesen. Der langjährige LASK-Präsident wurde zum Feindbild der Fans und zur Symbolfigur für den zeitweiligen Abstieg in die Regionalliga. Als die Linzer im Frühjahr 2012 die Bundesliga-Lizenz verloren, verließ auch Aigner den Verein und heuerte beim SCR Altach an. Vier Jahre später ist Vorarlberg seine zweite Heimat, Aigner fühlt sich wohl: „Man bekommt viel geboten. Es gibt Berge, Seen und kurze Wege.“

Der sportlich und finanziell stabile Dorfklub Altach, der im Sommer zum ersten Mal im Europacup auftrat, steht auch für eine neue Zeit. Die Professionalisierung geht einher mit jungen, gut ausgebildeten Spielern und deren Kommunikationsformen. „Heute muss man nicht zusammensitzen, um zusammen zu sein“, sagt Aigner und spielt damit auf soziale Netzwerke wie Facebook an. Dabei würde der Zusammenhalt in der Kabine rund 30 Prozent einer erfolgreichen Mannschaft ausmachen. Von altertümlichen Initiationsritualen hält der Altgediente aber gar nichts. „Wie soll man Leistung bringen, wenn man erniedrigt wird?“

Mitunter vermisst Aigner den Willen seiner Kollegen, etwas anzureißen. Er selbst ist, wie sich beim fast dreistündigen Gespräch herausstellt, ein geselliger Mensch, der dem Tiroler Stereotyp dabei sehr nahe kommt, wie er sagt. Schließlich sei er in einer Großfamilie auf einem Plateau aufgewachsen – er deutet mit der flachen Hand nach oben, um die Steilheit des Hangs zu demonstrieren, den er vor der Haustür hatte – und liebe Skifahren. 


Dafür bleibt vorerst wenig Zeit. Zum ersten Mal seit acht Jahren spielte Aigner im vergangenen Sommer im Europacup. Die heurige Saison ist durchwachsen. Man müsse aber, sagt er, zwischen internationalem Geschäft und Meisterschaft trennen. „Es ist einfach etwas anderes. Man darf das Mentale nicht unterschätzen, und der Europacup kostet Kraft. Man erlebt jedes Spiel als Highlight.“ Persönliche internationale Leistungen sind ihm aber keine Erwähnung wert. „Die Tore sind überall gleich groß“, sagt er. Wenn ein Stürmer regelmäßig trifft, im Europacup und über alle Ligen hinweg, ruft früher oder später das Nationalteam – sollte man meinen. Tatsächlich hat Aigner selbst in einer Zeit, in der Teamkicker noch hauptsächlich aus der Bundesliga rekrutiert wurden, keine Einberufung erhalten. „Ich bin aber nicht böse“, sagt er. „Realistisch gesehen hat es immer Bessere gegeben – ich bin kein Gott.“

Foto: Daniel Shaked

Referenzen:

Heft: 109
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