Nicolas Hourcade hat sich in einem Dossier für das französische Fußballmagazin »So Foot« ausführlich mit der Diskussion und ihren Folgen auseinander gesetzt. Der Soziologe zeigt darin Verständnis für die Sorge der Medien und der Politik, kritisiert aber deren Schwarz-Weiß-Malerei im Umgang mit der Fankultur. »Körperliche Gewalt, rassistische Vorkommnisse, das Werfen von Gegenständen, das Abbrennen von Pyrotechnik, bestimmte Sprechchöre das alles wurde in einen Topf geworfen«, so Hourcade. Mit dem ballestererfm sprach er auch über die Probleme der französischen Fans mit der rapide voranschreitenden Kommerzialisierung.
ballestererfm: Was waren die Gründe für die mediale Kampagne, die einen Anstieg der Gewalt im französischen Fußball beklagt hat?
Nicolas Hourcade: Es gab mehrere Vorfälle, vor allem zwischen Anhängern des PSG. Weil diese Aktionen auf den Tribünen passiert sind, wurden sie auch von Journalisten registriert. Zudem kam es zu Attacken auf Spieler, der Marseille-Mannschaftsbus wurde bei der Ankunft im Prinzenpark-Stadion mit Eisenstangen angegriffen, bei Bastia wurden zwei schwarze Spieler von den eigenen Fans rassistisch beschimpft. Über solche Fälle wird medial natürlich viel ausführlicher berichtet, als wenn zwei Fangruppen aneinander geraten. Die Journalisten und die Öffentlichkeit hatten das Gefühl, dass die Gewalt zunehmen würde. In Wirklichkeit scheinen die Auseinandersetzungen außerhalb der Stadien, wo ein höheres Maß an Gewalt im Spiel ist, jedoch abzunehmen.
Im vergangenen Herbst sind dann die Zusammenstöße unter den PSG-Fans erneut aufgeflammt. Diese Gewalt beunruhigt die Medien und die Zuschauer.
Waren Sie überrascht, dass die teilweise undifferenzierte Kampagne von »LÉquipe« getragen wurde, wo die Zeitung in Hinblick auf Fankultur doch einen durchaus liberalen Ruf genießt?
Nein, das hat mich nicht überrascht. »LÉquipe« ist die einzige Sporttageszeitung in Frankreich und es gibt zu einem Thema oft verschiedene Standpunkte innerhalb der Redaktion. Einige Journalisten stehen den Problemen der Fans sehr offen gegenüber. Andere Redakteure sind politisch rechts außen angesiedelt, mit den Behörden verbunden und machen sich für repressive Polizeiarbeit stark. Im politischen Kontext Frankreichs, mit den Unruhen in den Banlieues Ende vergangenen Jahres, ist es nicht überraschend, dass »LÉquipe« den Vorfällen in den Stadien große Beachtung schenkt. Die Zeitung will die Politik über die Probleme des Fußballs alarmieren.
Inwiefern hat sich der Umgang mit dem Problem der Gewalt in den vergangenen Jahren verändert?
Es gab verschiedenste politische Kampagnen gegen die Gewalt am Fußballplatz. Einige Male, zwischen 1993 und 1995, wurden die entsprechenden Gesetze auch tatsächlich geändert. In den meisten Fällen blieb es aber bei Absichtsbekundungen. Als Nicolas Sarkozy 2002 zum ersten Mal Innenminister wurde, hat er viel geredet, aber wenig getan. Jetzt sieht es so aus, als würden die Gesetze wirklich verschärft, insbesondere was die Machtausweitung der Präfekturen, also der lokalen Behörden, betrifft. Sie sollen in Zukunft so genannte »Risikofans« vom Stadionbesuch abhalten können, auch wenn diese nicht gerichtlich verurteilt sind.
Welche Freiheiten haben die Ultras in den französischen Stadien? Wie schaut es zum Beispiel mit dem Abbrennen von Rauchkörpern aus?
Im Moment wird Pyrotechnik in bestimmten Städten weiterhin geduldet. In Paris hingegen geht die Polizei hart dagegen vor. Dort gibt es mehr Anzeigen wegen Pyrotechnik als wegen Gewalttätigkeiten. Die Repression an sich ist nicht das Problem. Sie ist gerechtfertigt in Fällen von Gewalt oder Rassismus, hier muss der Staat handeln. Bedenklich finde ich zwei Sachen: Um die Gewalt zu bekämpfen, greift die Regierung zu Maßnahmen, die die persönlichen Freiheiten des Einzelnen einschränken. Wie kann ein Präfekt entscheiden, ob eine Person zu gefährlich ist für das Stadion?
Daneben werden Verhaltensweisen wie das Abbrennen von Rauch oder die Kritik an den Präsidenten von der Polizei verfolgt. In diesem Fall wird die Repression missbräuchlich eingesetzt.
In Ihrem Dossier für »So Foot« erwähnen Sie auch das Verbot von Transparenten mit »philosophischem Inhalt«. Was ist damit gemeint?
Das Problem ist, dass das niemand so genau weiß. Die Liga-Verantwortlichen wollen, dass die Fans ihre angestammte Rolle nicht verlassen, sie sollen sich nur für das Spiel interessieren. Glaubt man den Fans, wird die Maßnahme ziemlich willkürlich angewandt. Sogar Spruchbänder gegen Rassismus sollen schon verboten worden sein. In erster Linie will man mit dem Verbot natürlich der immer häufiger auftretenden Kritik an den Klub- und Liga-Verantwortlichen Herr werden.
Welche Ausprägungen des »Modernen Fußballs« machen den französischen Ultrà-Gruppen am meisten zu schaffen?
Die Aufsplittung des Spieltages. Die Termine und deren Festsetzung sind teilweise ziemlich kurios. Sie richten sich nach den Fernsehkunden, und nicht nach den Stadionbesuchern. Zudem sind die Eintritts-preise bei einigen Vereinen in den letzten Jahren stark gestiegen. Der von Fans und teilweise auch Journalisten am meisten kritisierte Punkt ist die Transformation des Fußball in eine Geschäftemacherei. Viele Klubpräsidenten interessieren sich nicht für den Fußball, sondern wollen nur, dass ihre Investitionen Gewinn abwerfen. Die besten Spieler landen bei den reichen Klubs, und die Meisterschaft gewinnt am Ende immer Lyon.
In Österreich kam es zu massiven Protesten, als Red Bull in Salzburg die Vereinsfarben und den Namen des Klubs änderte. Hat es ähnliche Fälle auch im französischen Fußball gegeben?
In einem derartigen Ausmaß ist es in Frankreich bisher nicht vorgekommen. Aber einige Klubs haben ihre Wappen oder das Design ihrer Dressen geändert, was in Straßburg, Marseille oder Paris sehr heftige Reaktionen des Anhangs nach sich gezogen hat. Bei PSG ist die Klubführung daraufhin zum historischen Emblem und den alten Dressen zurückgekehrt. Auch in Nantes oder Bordeaux wurden Klubverantwortliche in Diensten großer Konzerne für ihre Ignoranz gegenüber den Werten des Sports kritisiert.
Wie werden die Argumente der Ultras in der öffentlichen Diskussion wahrgenommen?
Die Ultras bestehen auf ihrer Autonomie zu den Klubpräsidenten und den anderen Anhängern. In ihrem Protest ähneln sie den Gewerkschaften. Sie befinden sich nicht in systematischer Opposition zur Klubführung, wollen aber in Entscheidungen eingebunden werden. Sie fordern mehr Anerkennung für die Anliegen aller Fans, kritisieren das »normale Publikum« aber für seine devote und unkritische Haltung gegenüber der Klubführung. Abhängig von der aktuellen Lage, pendelt die Masse der Anhänger zwischen diesen beiden Polen hin und her. Was alle Anhänger aber in immer stärkerem Maß verbindet, ist das Gefühl, dass sie gemeinsam das Herz des Klubs repräsentieren: Sie stehen für Kontinuität, während die Spieler und Funktionäre einander die Klinke in die Hand geben. Daher werden die Forderungen der Ultras wenn sie in moderater Weise vorgebracht werden vermehrt von einem großen Teil der Stadionbesucher unterstützt. Für sie haben die Ultras zwei Gesichter: Einerseits sind sie bedrohlich, weil sie mitunter zur Gewalt greifen. Andererseits sprechen sie die von vielen geteilte Kritik an den Missständen des Modernen Fußballs offen aus.
Nicolas Hourcade, 34, lehrt Soziologie an der »Ecole Centrale de Lyon« und ist regelmäßiger Autor des französischen Fußballmagazins »So Foot«






erscheint am 12. Juli 2013.
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