Im März 1998 standen AEK Athen, Slavia Prag und Vicenza Calcio im Viertelfinale des Cups der Cupsieger. Sie hatten eine Gemeinsamkeit: Die britische Investmentfirma ENIC hielt Kapitalanteile an allen drei Klubs. Nur Vicenza stieg auf, und scheiterte im Semifinale an Chelsea, aber das Thema Multi Club Ownership, oder zu Deutsch: Mehrfacheigentümerschaft, war am Tisch. ENIC hatte einige Wochen vorher versucht, die UEFA dazu zu bewegen, nicht gegen eine solche Konstellation zu intervenieren. Vergeblich. Im Mai 1998 verabschiedete der Verband seine Regel zur Integrität der Europacupbewerbe. Sie besagt, dass Klubs, die unter dem bestimmenden Einfluss desselben Eigentümers – Person und Firma – stehen, nicht am selben Europacupbewerb teilnehmen dürfen. Nachdem sich AEK als Ligadritter und Slavia als Zweiter in der folgenden Saison für den UEFA-Cup qualifiziert hatten, schloss der Verband die Griechen aus. Ein Einspruch beim CAS hatte zunächst aufschiebende Wirkung, das internationale Sportgericht aber gab der UEFA später recht, die Regel wurde zur Saison 2000/01 umgesetzt.
Heute gehören Klubs im Mehrfachbesitz Mitgliedern der Königsfamilie in den Vereinigten Arabischen Emiraten, chinesischen Unternehmern und amerikanischen Milliardären, Investmentfirmen und Getränkekonzernen. Manche Fußballkonzerne setzen auf ein einheitliches Erscheinungsbild und passen Farben, Wappen und Namen der Klubs an. Bei anderen braucht es den Blick ins Firmenbuch, um Besitzverhältnisse zu erkennen. Einige setzen auf die sportlichen Vorteile gemeinsamer Scoutingdatenbanken, Spielsysteme und Trainingslager. Für andere sind zwei, drei Fußballklubs im Unternehmensportfolio weitere Kapitalanlagen. Aber ob Multi Club Ownership für die Vereine im Firmenverbund ein Erfolgsmodell ist, lässt sich bezweifeln.
Frische Dollar
Mit den Fußballkonzernen von Red Bull und der City Football Group als Speerspitzen wächst der Einfluss von Multi Club Ownership, kurz MCO, auf allen Kontinenten. Der Auckland FC aus Neuseeland ist seit der aktuellen Saison Mitglied der australischen A-League und seit März im Besitz der amerikanischen Black Knights Group, der bereits der AFC Bournemouth sowie Anteile am FC Lorient und dem Hibernian FC gehören. Damit gibt es jetzt in jeder der sechs FIFA-Konföderationen mindestens einen Klub, der Teil einer MCO-Gruppe ist.
Große Fußballkonzerne wie Black Knights, die City Football Group mit 13 Klubs und Red Bull, das sein Portfolio kürzlich mit Omiya Ardija in Japan und Anteilen an Leeds United erweitert hat, sind dabei in der Minderheit. 60 Prozent der Gruppen bestehen aus zwei Klubs. Die Recherche für diesen Text hat weltweit 366 Klubs ausgemacht, deren Eigentümer beziehungsweise relevante Anteilseigner auch an anderen Vereinen beteiligt sind. Die Anteile werden von 136 verschiedenen Unternehmen und Personen gehalten. Die Zahl der MCO-Klubs ist deutlich gestiegen, im Mai 2021 betrug sie nach dieser Recherche 117. Doch die Entwicklung von Jahr zu Jahr zu verfolgen, ist nicht ganz leicht, denn Anteilskäufe werden nicht immer öffentlich. Niemand weiß genau, wem die Fußballklubs der Welt in einem bestimmten Moment wirklich gehören.
Das Wachstum hängt auch damit zusammen, dass sich chinesische Investoren in den letzten Jahren zurückgezogen haben, nachdem die Regierung in Peking ihre Strategie, China zur Supermacht im Fußball aufzubauen, revidiert hat. An ihre Stelle sind US-Geldgeber getreten, die sich mit günstigen Krediten in Klubs eingekauft haben. Amerikanische Eigentümer stehen mit 31 MCO-Klubs hinter englischen mit 33 an
zweiter Stelle. Die westliche Vorherrschaft zeigt sich auch in den Ligen: 38 der 136 MCO-Gruppen besitzen Klubs in den USA und in Europa. Dort ist, dank TV-Verträgen und Sponsoren, das große Geld.
Leichte Beute
Die Coronakrise hat viele Vereine finanziell an den Rand des Ruins gebracht und damit verwundbar gemacht. Von low-hanging fruits im europäischen Fußball, also leichter Beute, sprach Hedgefondsmanager Jamie Dinan in der Financial Times im März 2023. Dinan ist Miteigner des NBA-Teams Milwaukee Bucks, seine Firma York Capital soll Interesse an der Übernahme verschiedener Serie-A-Klubs haben. Diese Haltung bringt viele Fans und Fangruppen auf, nicht zuletzt die, die fürchten, ihr Klub könnte dann am Ende einer MCO-Pyramide landen.
In einer Umfrage der Fanorganisation „Football Supporters Europe“, FSE, vom August 2024 geben 52,7 Prozent der befragten Fans aus 33 UEFA-Mitgliedsländern an, dass in ihrem Land Klubs existieren, die Firmen und Personen gehören, die mindestens einen Verein in einem weiteren Land kontrollieren. FSE kritisiert diese Mehrfachbeteiligungen. „Die Vorteile und Folgen dieser Strukturen sind weiter unklar. Fußballklubs sind keine Firma wie jede andere, und vieles von dem, was wir mitbekommen, ergibt keinen Sinn“, sagt die zuständige Abteilungsleiterin der Fanorganisation, Niamh O’Mahony, dem ballesterer. „Wenn es auf dem Papier so aussieht, als wäre es zu gut, um wahr zu sein, dann ist es das vermutlich auch.“
Die Investoren hoffen hingegen auf Rendite, vor allem dank der Transfereinnahmen. Denn die Anzahl von Fußballern im Einflussbereich einer MCO-Gruppe ist enorm. 2022 schätzte die UEFA sie auf 6.500 und ging dabei von 36 Spielern pro MCO-Klub aus. Überträgt man dieses Verhältnis auf die heutige Situation, sind es mehr als 13.000. Für Spielergewerkschaften ist das Anlass zur Besorgnis. „Spieler riskieren, zwischen Klubs hin- und hergeschoben zu werden. Wir bezweifeln, dass die aktuelle Situation in ihrem besten Interesse ist, eine Regulierung ist kaum vorhanden“, sagte Roy
Vermeer von der internationalen Spielergewerkschaft FIFPRO im Mai.
Verschubmasse
Die FIFA untersucht heuer einen mutmaßlichen Fall illegaler Transfers in Bulgarien, in den Anton Zingarewitschs Klub Botew Plowdiw verstrickt ist. Dem russischen Unternehmer gehört auch die nigerianische Vista Academy, zuvor war er Eigner von Reading FC und an Fremad Amager in Dänemark beteiligt.