Am 1. April 2006 erhielt das 1928 erbaute und für die Weltmeisterschaft renovierte Nürnberger Frankenstadion einen neuen Namen: Es wurde Max-Morlock-Stadion getauft. Große Teile der aktiven Fanszene versammelten sich damals vor dem Spiel gegen den FSV Mainz 05 und führten die Taufe durch. Kurz zuvor hatte eine Bank die Rechte am Stadionnamen erworben und es trotz großer Fanproteste in easy-Credit-Stadion umbenannt. Später wanderten die Rechte ins Portfolio der Elektronikfirma Grundig. Zwischendurch firmierte die Anlage schlicht als Stadion Nürnberg. Doch auch wenn das Stadion offiziell Sponsorennamen trug, heißt es für viele Fans seit Langem nach Max Morlock.
Bankgeschenke
Knapp elf Jahre nach der inoffiziellen Taufe sagt Rainer Hohenberger, Leiter der Abteilung Marketing und E-Business bei der Consorsbank, dem ballesterer: „Die Umbenennungen haben den entsprechenden Firmen auch Kritik eingebracht, weil sie sich gegen den Fanwillen gestellt haben. Wir haben uns gedacht: ‚Warum schenken wir den offiziellen Namen nicht einfach den Fans?‘“ Um dies zu verwirklichen und sich selbst nun mit der Umsetzung des Fanwillens zu schmücken, organisiert die Bank eine Crowdfundingkampagne, deren Ziel die Umbenennung in Max-Morlock-Stadion ist. „Seit 2006 wünschen wir uns das“, sagt Manuel Strauß, Vorstand des knapp hundertköpfigen Fanklubs „Rot-Schwarz Frankonia Wörnitz“. Nach vielen leeren Versprechen der Stadt als Stadioneigentümerin herrsche nun Optimismus: „So nah wie jetzt waren wir unserem Ziel noch nie.“
Das Nürnberger Stadion wäre nicht der erste Fall, bei dem ein Namenssponsor auf die Benennung verzichtet. Das Stadion des HSV, das zwischen 2001 und 2015 nach drei verschiedenen Unternehmen benannt war, heißt heute wieder Volksparkstadion. Investor Klaus-Michael Kühne erwarb die Namensrechte für kolportierte vier Millionen Euro und gab dem Stadion den alten Namen zurück.
Werben mit Morlock
Über einen Zeitraum von sechs Wochen sollen nun in der Nürnberger Crowdfundingkampagne ab Ende März 800.000 Euro gesammelt werden. Zehn Euro ist der Mindestbeitrag, als Dank gibt es je nach Höhe der Summe verschiedene Prämien, beispielsweise Morlock-T-Shirts. Kommt der Betrag zusammen, steuert die Consorsbank die dann noch benötigten 2,4 Millionen Euro dazu, und das Stadion trägt für drei Jahre Morlocks Namen. Gelingt es nicht, bekommen die Beteiligten ihr Geld zurück. Geld, das keiner zurückbekommen will – und wohl auch keiner zurückbekommen wird. „Ich habe überhaupt keine Zweifel, dass der Betrag innerhalb kürzester Zeit eingenommen sein wird“, sagt Strauß, der sich mit seinem Fanklub am Crowdfunding beteiligen will. Ähnlich ungebremst ist der Optimismus bei der Consorsbank. „Wir sind sehr sicher, dass wir das Geld zusammenbekommen werden“, sagt Hohenberger.
Er zählt dabei aber nicht nur auf traditionsbedachte Fans, sondern genauso auf Unternehmen, die nach Werbemöglichkeiten suchen. Denn auch die können sich beteiligen und bekommen als Prämie dann keine Morlock-T-Shirts, sondern spezielle Pakete, wie Hohenberger erklärt. Als Beispiel nennt er Werbeplätze an der Außenfassade des Stadions. „Wir wollen dort aber keinen Logofriedhof“, sagt der Marketingchef. „Jede Werbung muss im Zusammenhang mit dem Namen Max Morlock stehen.“
Coole Gespräche
Morlock wurde 1954 mit dem westdeutschen Nationalteam Weltmeister und ist eine Ikone des 1. FC Nürnberg. Von 1940 bis 1964 spielte er für den Verein, holte dabei zwei Meisterschaften und einen Pokal. Laut Vereinswebsite soll er in rund 900 Spielen 700 Tore erzielt haben. „Für ihn gab es nur den ‚Glubb‘“, sagt Strauß. Verewigt ist Morlock mit einer Statue hinter dem Stadion und mit einem nach ihm benannten Block in dessen Innerem. Dort standen früher die „Ultras Nürnberg“. Sie sind die tonangebende Stimme in der Kurve und waren die treibende Kraft der Morlock-Kampagne. Genau wie andere große Fangruppen habe man die Ultras frühzeitig über die Crowdfundingpläne informiert, sagt Hohenberger. „Wir haben uns mit allen Gruppierungen getroffen, die uns relevant erschienen oder uns als relevant genannt worden sind.“ Gegen ihren Willen hätte die Bank ihre Aktion nicht durchgesetzt, betont der Marketingexperte. Die Gespräche mit den Fans seien cool gewesen und die Rückmeldungen positiv-neutral.
Trotz der nahenden Erfüllung des Traums befinden sich Teile der Fanszene ob der Kampagne in einem grundsätzlichen Dilemma. „Die Ultras wollen sich natürlich nicht vor den Karren einer Bank, die man sofort mit dem Thema Kommerz verbindet, spannen lassen“, sagt Hohenberger. „Sie werden unsere Aktion deshalb nicht lauthals proklamieren, sich aber auch nicht dagegen organisieren.“ Tatsächlich gibt es von den „Ultras Nürnberg“ keine offizielle Stellungnahme, eine Gesprächsanfrage des ballesterer wurde abschlägig beschieden.
Manuel Strauß vom Wörnitzer Fanklub beurteilt die Kampagne pragmatisch. Um den großen Traum zu verwirklichen, müssten Opfer gebracht werden. Für eine Umbenennung des Stadions, sagt er, hätte er ohne Zögern auch höhere Eintrittspreise hingenommen. „Über den Kommerz zum Ziel“, fasst Strauß zusammen. „Hauptsache unser Stadion hat keinen Sponsorennamen mehr, sondern heißt endlich so, wie wir das immer wollten.“ Zwischen dem Traum und seiner Erfüllung liegen nur noch wenige Wochen und 800.000 Euro.