Es ist kühl an diesem Novembertag, an dem Sturms James Jeggo den ballesterer zum Interview im Trainingszentrum Messendorf empfängt. Im Anschluss steht die Übungseinheit am Programm, Jeggo ist gut gelaunt, grüßt mit Handschlag und „Hallo, wie geht’s“. Er wirkt wie der Prototyp eines australischen Sunnyboy. Jeggo wurde schon in das australische U23-Team einberufen, doch geboren ist er in Wien, seine Eltern sind Briten. Seit Jänner 2016 ist er zurück in Österreich und hat sich mit dem steirischen way of life angefreundet.
ballesterer: Sind Sie ein geduldiger Mensch?
James Jeggo: Grundsätzlich schon. Warum?
Weil Sie nach ihrer Ankunft in Graz im letzten Winter ein halbes Jahr bei Sturm kaum eine Rolle gespielt haben. Seit der neuen Saison sind Sie im zentralen Mittelfeld gesetzt.
Die Zeit auf der Bank war hart, keine Frage. Vor allem, weil es wirklich das ganze Frühjahr nicht mit dem Sprung in die Mannschaft geklappt hat. Das zehrt schon an den Nerven, aber ich habe da meinen eigenen Zugang: Je länger ich nicht gespielt habe, desto stärker war meine Motivation, mich aufzudrängen. Geduld war schon ein hilfreicher Faktor.
Ungeduldig waren Sie bei einem ganz anderen Thema: Als bei Ihnen mit 16 Jahren Leukämie diagnostiziert wurde, soll Ihre erste Frage gewesen sein: „Wann kann ich wieder Fußball spielen?“
Das klingt vielleicht seltsam. Aber mit 16 hast du noch nicht so viel erlebt: Ich hatte meine Familie, meine Freunde und ein gutes Umfeld – und der Fußball war für mich damals das Wichtigste. Ich wollte es unbedingt weit bringen. Die Krankheit hat diesen Plan bedroht. Ans Sterben habe ich überhaupt nicht gedacht. Das klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber ich habe immer nach vorne geschaut und mir Ziele gesteckt. Ich wollte diese Krankheit nicht gewinnen lassen. Das hat mir viel gebracht, und ich bin enorm gereift. Wenn ich heute diese Diagnose bekäme, wäre der Fußball nicht mehr meine größte Sorge. Mit 16 ist man im Denken ungebundener.
Legt man diese Ungebundenheit als Erwachsener ab?
Lassen Sie es mich so sagen, ich habe sehr schnell erwachsen werden müssen. Die klassische Übergangsphase vom Jugendlichen zum Erwachsenen habe ich so nicht erlebt. Aber je früher du mental reifst, desto besser. Vieles macht dir später keine Angst mehr.
Ihr Vater hat für die UNO in Wien gearbeitet, Sie sind dort geboren und haben, bis Sie zehn waren, in der Stadt gelebt. Mit dem Fußball haben Sie beim SV Schwechat begonnen. Ist an Ihnen etwas wienerisch geblieben?
Nicht wirklich. Meine Eltern sind Briten, daheim haben wir Englisch gesprochen, und ich bin in eine englische Schule gegangen. Deutsch habe ich aber am Fußballplatz in Schwechat gelernt – wenn man so will, bin ich fußballerisch ein Wiener.
Ihr Vater hat später einen Job in Australien angenommen. Was ist bei Ihnen von dieser Zeit hängengeblieben?
Ich nehme von allen Kulturen, in denen ich lebe, etwas mit. Und mit dem australischen way of life kann ich mich am ehesten identifizieren, mit diesem easy going. Ich mag die Offenheit der Menschen. Du bist auf der Straße unterwegs, und Fremde fragen dich, wie es denn so geht. Das passiert dir in Europa nicht.
Sind die Leute hier reservierter?
Ich will nicht sagen, dass die Leute verschlossen sind, sie sind einfach anders als die Australier. Aber ich liebe das Leben in Graz. Die Herzlichkeit der Menschen beeindruckt mich seit meiner Ankunft.
Warum passt es fußballerisch in Graz so gut?
Die Mannschaft spielt offensiv, aber nie unkontrolliert – das ist mein Spiel. In Österreich wird generell sehr dynamisch gespielt, manche Teams sind dabei aber etwas hektisch.
Im Unterschied zu Australien? Ist die Liga dort besser?
Dort wird jedenfalls langsamer gespielt – das liegt auch am Wetter, es ist ja regelmäßig extrem heiß. Die Profiliga steht ein bisschen über der österreichischen. Auch weil sie sich rasend entwickelt und viele gute Spieler hervorbringt. Fußball ist dort auch keine Modeerscheinung, die Strukturen sind auf Langfristigkeit angelegt. Auch die Fanszene ist ständig am Wachsen.
Trotzdem wollten Sie immer nach Europa.
Die qualitative Dichte der Kader ist hier einfach höher. In Australien ist der Leistungsunterschied unter den Spielern innerhalb der Teams sehr hoch. Hier sind die Vereine so aufgebaut, dass man bei Ausfällen immer möglichst gleichwertigen Ersatz zur Verfügung hat. Außerdem habe ich in Europa viel größere Chancen, mich weiterzuentwickeln.
Das klingt, als hätten Sie noch viel vor.
Jetzt zählt nur, was bei Sturm passiert. Ich denke nicht daran, was einmal sein könnte. Das würde nur die Konzentration auf die Gegenwart beeinträchtigen.
Gilt der Fokus auf das Heute auch abseits des Fußballs? Denken Sie daran, ob die Krankheit eines Tages zurückkommt?
Nein. Ich habe zahlreiche Untersuchungen machen lassen, mittlerweile weiß ich, dass die Leukämie nie wieder kommen wird. Ich bin dankbar. Auch mir selbst gegenüber. Als die Krankheit da war, habe ich nie zugelassen, dass sie meine Gedanken bestimmt. Deswegen macht sie mir auch keine Angst, wenn ich an die Zukunft denke. Es gibt viel zu tun und noch viel Schönes zu erleben.
James Alexander Jeggo (24) spielt seit Jänner 2016 im zentralen Mittelfeld des SK Sturm. Seine Laufbahn startete der Australier im Nachwuchs des SV Schwechat, seine ersten Profistationen waren Melbourne Victory und Adelaide United.