Auf den ersten Blick wirkte Waleri Lobanowski nicht unbedingt wie ein Fußballgenie. Der Trainer aus Kiew verfolgte die Spiele seiner Mannschaften meist mit ausdrucksloser Miene. Das Einzige, was sich während einer Partie in seinem Gesicht änderte, war das Rot seiner Wangen und die Länge der Zigarette in seinem Mund. Doch der langjährige sowjetische Teamchef und Trainer von Dynamo Kiew feierte nicht nur große Erfolge, sondern gilt auch als einer der wichtigsten taktischen Revolutionäre. Pressing, Umschaltspiel und die wissenschaftliche Analyse des Spiels – all das praktizierte Lobanowski bereits vor 40 Jahren.
Taktische Inspirationen
Der ehemalige Rapid-Mittelfeldspieler Sergej Schawlo spielte in den 1980er Jahren unter Lobanowski im sowjetischen Nationalteam. „Jeder Spieler hat klare Aufgaben gehabt“, erinnert er sich. „Wenn ein Spieler gesagt hat: ‚Trainer, ich wollte dies und jenes machen.‘, erwiderte Lobanowski nur: ‚Sag nicht, ich wollte … Ich habe dir gesagt, was zu tun ist.‘“ Ironischerweise galt Lobanowski in seiner aktiven Zeit selbst als Individualist. Er erzielte 42 Tore in 144 Spielen für Dynamo Kiew und holte jeweils einmal die Meisterschaft und den Cup. „Wenn du ein guter Trainer werden willst, musst du den Spieler vergessen, der du einmal warst“, zitiert ihn Jonathan Wilson in seinem Taktikbuch „Revolutionen auf dem Rasen“. Kurz spielte Lobanowski bei Dynamo unter Trainer Wiktor Maslow, der als Erfinder des Pressing gilt. Persönlich zerstritt er sich mit ihm, einig waren sich die beiden jedoch in der Bedeutung der taktischen Konzeption für das Spiel.
Lobanowski startete seine Karriere als Trainer im Alter von 30 Jahren beim damaligen Zweitligisten Dnjepr Dnjepropetrowsk, den er in seiner dritten Saison in die erste Liga führte. Die größten Erfolge gelangen zwischen 1974 und 1990 mit Dynamo Kiew. In dieser Zeit gewann der Verein achtmal die sowjetische Meisterschaft, sechsmal den Cup und zweimal den Cup der Cupsieger. Sein Team spielte vor anderen internationalen Spitzenmannschaften in einer 4-4-2-Formation. Als Dynamo Kiew 1975 im Finale gegen Ferencvaros den Cupsiegerbewerb gewann, war dies der erste Europacuptitel einer sowjetischen Mannschaft. Während Lobanowski Vorbild für Trainer wie Arrigo Sacchi wurde, ließ er selbst sich auch von anderen Sportarten inspirieren. „Er hat verschiedene Arten von Pressing genutzt, die er teils aus dem Basketball übernommen hat“, sagt Rene Maric vom Taktikblog Spielverlagerung. „Er hat die Gegnerbeobachtung massiv genutzt und in ganz Europa nach interessanten taktischen Ideen gesucht.“
Disziplin und Wissenschaft
Nicht nur im taktischen Bereich war Lobanowski seiner Zeit voraus, auch in der Spiel- und Trainingsanalyse, bei der er wissenschaftliche Methoden nutzte. Hierbei vertraute er auf die Dienste des Statistikers Anatolij Selenzow. Gemeinsam gingen sie in der Analyse und Leistungsdiagnostik neue Wege und verfassten Lehrbücher zu Trainingskonzepten. „Er hat mit Videoaufnahmen gearbeitet, die er für sich und auch mit der Mannschaft nach Spielen analysiert hat“, sagt Schawlo. Lobanowski war einer der ersten Trainer, der einen Computer für seine Arbeit nutzte. Viel Wert legte er zudem auf die Entwicklung der medizinischen Abteilung sowie Regeneration nach den Spielen – für die damalige Zeit keine Selbstverständlichkeit.
„Man kann sich im modernen Fußball unmöglich auf Glück oder Zufälle verlassen“, zitiert Wilson aus Lobanowskis Autobiografie. „Es ist vielmehr notwendig, ein Kollektiv zu schaffen, das an die gemeinsame Spielidee glaubt und sich ihr unterordnet.“ Das bekamen auch die Spieler zu spüren, Waleri Lobanowski war als Trainer kein Kumpeltyp, der sich auf ein Bier oder ein Kartenspiel zu seinen Spielern gesellte. „Er hat auf Disziplin und harte Arbeit im Training geachtet. Er hat viel mit seinen Spielern gesprochen, um ihnen die spezifischen Aufgaben einzubläuen“, sagt Ex-Profi Schawlo. „Wer sich nicht an die taktischen Vorgaben gehalten hat, ist schnell ins zweite Glied versetzt worden.“
Tod auf der Bank
Bemerkenswert an Lobanowski Trainerkarriere ist nicht zuletzt ihre Dauer. Elf Jahre nach dem ersten Sieg im Europacup nahm Dynamo Kiew im Finale des Cups der Cupsieger 1986 Atletico Madrid mit 3:0 auseinander. Auch als Trainer der sowjetischen Nationalmannschaft, die er zwischen 1975 und 1990 dreimal betreute, war Lobanowski erfolgreich. Der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1976 folgte zehn Jahre später der Einzug ins WM-Achtelfinale. Ganz nah an einem Titel war die UdSSR bei der EM 1988 in der Bundesrepublik Deutschland. Im Finale musste sich Lobanowski Mannschaft den Niederlanden allerdings 0:2 geschlagen geben.
Nach Engagements als Teamchef der Vereinigten Arabischen Emirate und von Kuwait kehrte er 1997 nach Kiew zurück. Sein Heimatklub steckte in der Krise, doch Lobanowski führte Dynamo noch einmal ins Rampenlicht. 1998 kam der Klub ins Viertelfinale der Champions League, ein Jahr später schaltete Dynamo mit den beiden Stürmern Sergej Rebrow und Andrij Schewtschenko im Viertelfinale Real Madrid aus und verlor im Semifinale der Champions League knapp gegen den FC Bayern. Rebrow und Schewtschenko verließen Kiew bald darauf, Lobanowski blieb. Er starb am 13. Mai 2002 im Alter von 63 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls, der ihn auf der Trainerbank während eines Spiels ereilte. Noch im selben Jahr wurde das Dynamo-Stadion in Kiew nach Waleri Lobanowski benannt.