Andere mögen mehr Zuschauer haben – die deutsche Bundesliga etwa oder die englische Premier League. Die Engländer dürfen sich zudem über den bestdotierten TV-Vertrag und die Spieler mit dem höchsten Marktwert freuen. Aber kann man sich über so etwas freuen? Sportlich relevanter sollte da schon die UEFA-Fünf-Jahres-Wertung sein. Hier führen die Spanier mit 20.000 Punkten Vorsprung auf die Bundesliga. Die Dominanz kann man sich auch plastischer vor Augen führen: Seit 2000 wurden Champions League und Europa League jeweils 16-mal ausgetragen, das macht in Summe 32 Titel. Fast die Hälfte davon, 15, haben Mannschaften aus Spanien geholt. An zweiter Stelle folgt die Premier League mit fünf Siegen.
Der Journalist und Autor John Carlin, halb Schotte, halb Spanier, hat im Mai für die Tageszeitung El Pais die Dominanz der Primera Division analysiert. Er erklärt sich ihre Überlegenheit, vor allem im Vergleich mit dem englischen Fußball, mit der besser organisierten Nachwuchsarbeit und professionelleren Trainern. Dennoch wollen Anhänger weltweit im Fernsehen nicht den besseren spanischen Fußball sehen, sondern zahlen lieber für Pay-TV-Abos der Premier League. Das liege, so Carlin, an den größeren Stadien in England und der dort herrschenden besseren Atmosphäre. Aber auch daran, dass „die katalanische Firma, die die TV-Bilder für die spanische Liga produziert, so unfähig oder geizig ist, dass selbst ein Kind mit einem iPhone in der Lage wäre, besseres Material abzuliefern“. Schönere Bilder von volleren Stadien mit eindrucksvoller Stimmung, das wollen die Fans sehen, schreibt Carlin. „In China, Nigeria und den USA, unabhängig von der minderen Qualität des englischen Fußballs.“
Staatlich verordnete Finanzspritze
Im Vergleich mit der Premier League und selbst mit der italienischen Serie A scheint auf dem TV-Markt tatsächlich noch Luft nach oben zu sein. Zudem wird das vergleichsweise wenige Geld höchst ungerecht verteilt: Bis heuer hatten die Vereine ihre TV-Verträge einzeln ausgehandelt. Real Madrid und der FC Barcelona streiften so ein Drittel der Gelder ein. Die zwei Mängel sollen nun mit einem Streich behoben werden. Die Regierung hat im April 2015 eine zentrale Vermarktung der gesamten Liga angeordnet. Man erwartet sich künftig eine Steigerung der Einnahmen von bisher 800 Millionen Euro auf 1,5 Milliarden pro Saison. Der federführende Sportstaatssekretär, Miguel Cardenal, gab anlässlich der Ratifizierung des Erlasses zu Protokoll, dass es sich „um eine Maßnahme von historischem Ausmaß handelt, die für den spanischen Fußball notwendig ist, der auf diesem Weg eine anspruchsvolle Meisterschaft austragen und so das Niveau der anderen Topligen halten kann“.
Cardenals TV-Deal ist nicht die erste heikle Mission, die er für die Regierung ausführt. Er war maßgeblich an den Verhandlungen zur Entschuldung der Vereine gegenüber der öffentlichen Hand beteiligt. Vor 2012 hatten die Profiklubs gemeinsam 750 Millionen Schulden beim Finanzamt. Ein Rabatt von 21 Prozent – gut 150 Millionen – sollte sie ermutigen, das Ziel einzuhalten, bis 2020 schuldenfrei zu sein. Im Gegenzug verpflichteten sich die Vereine, ab 2014 ein Drittel der TV-Einnahmen zwecks Schuldentilgung an das Finanzamt abzuführen. Die Vereine haben tatsächlich – vor allem von 2012 bis 2015 – gespart und gleichzeitig mit Spielerverkäufen Geld eingenommen. Nun soll sich das Minus beim Fiskus auf nur noch rund 300 Millionen belaufen. Mit dem Sparen ist jedoch wieder Schluss, wie Ligapräsident Javier Tebas gegenüber El Pais sagte: „Die Ausgaben sind jetzt kontrollierter. Ein Verein, der heute Geld für Transfers ausgibt, kann sich das auch leisten. Nicht so wie früher.“
Der parteiische Präsident
Tebas ist seit April 2013 Präsident des Ligaverbands LFP. Er gehört fast schon zum Inventar des spanischen Fußballs, sei es als Verbandsdelegierter, als Masseverwalter von Vereinen und gerne auch als Strafverteidiger zwielichtiger Präsidenten. Bei den Fans hat er sich in seinem neuen Posten schnell unbeliebt gemacht. Seine Forderung nach einer Entpolitisierung der Ränge hatte zur Folge, dass Transparente, die gegen Rassismus oder Sexismus protestierten, plötzlich verboten waren. Ähnlich empfindlich reagiert er auf Symbole der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Dabei täte ihm selbst Zurückhaltung in politischen Dingen gut. Seine Vergangenheit in der rechtsextremen Bewegung Fuerza Nueva, für die er als Provinzpolitiker tätig war, ist keine vergessene Jugendsünde. In einem Interview mit der Tageszeitung El Mundo bekannte Tebas im Februar, dass er die meisten Werte von damals noch immer teile: „Wenn rechtsextrem bedeutet, die Einheit Spaniens zu verteidigen, Leben zu schützen und ein katholisches Lebensgefühl zu haben.“ Beim Schutz ungeborenen Lebens kennt er kein Pardon: „Ich will kein Abtreibungsgesetz. Null Abtreibung. Illegal.“ Äußerungen zu diesen Themen gehören nicht unbedingt zur Kernkompetenz eines Ligapräsidenten und würden wohl nicht in jedem Land annähernd widerspruchsfrei hingenommen werden.
Sehr wohl zur Kernkompetenz des Ligapräsidenten gehört die Vermarktung des Betriebs. Angesichts des exzellenten Standings der Primera Division verwundert es, dass der neue Namenssponsor, Banco Santander, so billig davonkommt. Der frühere Sponsor, die Bank BBVA, zahlte 26 Millionen Euro. Für die größte Bank Spaniens, die bisher vor allem durch Sponsoring in der Formel 1 aufgefallen ist, gibt es den Liganamen schon um 20 Millionen. Samsung, Microsoft und Qatar Airways sollen ebenfalls Interesse an dem Deal bekundet und höhere Summen geboten haben. Der Verband bevorzugte aber die nationale Marke. Dem spanischen Fußball geht es offensichtlich schon wieder so gut, dass er sich für ein bisschen Patriotismus Millionen durch die Lappen gehen lassen kann.