„The Real Dons Are Here“ verkündet eine blau- gelbe Fahne an der Tribünenrückseite des Kingsmeadow-Stadions. Die wahren „Dons“, das ist der AFC Wimbledon, der an diesem ungemütlichen Februarnachmittag vor fast 4.500 Zuschauern sein Heimspiel gegen den Luton Town FC 4:1 gewinnt. Der Klub steht im Mittelfeld der viertklassigen League Two. Doch in den 14 Jahren seiner Existenz hat der AFC Wimbledon weniger durch Tore als vielmehr durch seinen Kampf gegen die Gesetze des modernen Fußballs auf sich aufmerksam gemacht. Die wahren „Dons“ haben die Geschichte ihres Vereins gegen die Interessen von Investoren und Verband verteidigt. Das ist einiges an Pathos für einen englischen Klub unter vielen, der seine Identität verloren hat und mithilfe der Fans wiederauferstanden ist. Einer dieser Phoenix Clubs, wie man in Großbritannien sagt. Aber ganz so beliebig ist es eben nicht. Denn der 2002 gegründete AFC Wimbledon ist das Vorbild aller Fanvereine, in Großbritannien und anderswo. Und der sportlich erfolgreichste. Seit 2011 spielt der Klub auf Profilevel und auch wenn bislang kein weiterer Aufstieg gelungen ist, erinnert der AFC Wimbledon den Rest des englischen Fußballs durch seine Existenz dennoch beharrlich an eine verlorene Zeit.
Verrückt aber erfolgreich
Alles begann nach der erfolgreichsten Ära der Klubgeschichte. 1986 gelang dem FC Wimbledon erstmals der Aufstieg in die höchste Spielklasse. Zwei Jahre später, im Mai 1988, bezwang die sogenannte Crazy Gang im FA-Cup-Finale den FC Liverpool und sorgte für den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Die „Crazy Gang“, das waren jene Spieler, die Wimbledon damals prägten. Dazu zählte neben Mittelfeldspieler Dennis Wise und Stürmer John Fashanu auch der verhaltensauffällige Sechser und heutige Hollywood-Schauspieler Vinnie Jones.
Doch schon damals war in Südlondon nicht alles in bester Ordnung. Seit 1977 gehörte der FC Wimbledon dem libanesischen Geschäftsmann Sam Hamman. Nach dem Triumph von Wembley versprach er ein neues Stadion, denn die nach der Hillsborough-Katastrophe gestellten Anforderungen an ein reines Sitzplatzstadion konnte die Heimstätte Plough Lane nicht erfüllen. Doch statt eines Neubaus folgte 1991 ein Umzug. Hammann mietete den Klub im Selhurst Park ein – beim größten Rivalen Crystal Palace.
Ein A zum FC
Auf die Heimatlosigkeit folgten sportlich und wirtschaftlich schwierige Zeiten. 2000 stiegen die „Dons“ aus der Premier League ab – und 100 Kilometer weiter nördlich, in Milton Keynes, wurde man hellhörig. Milton Keynes ist eine Retortenstadt, die in den 1960er Jahren entstand, um die Metropole London zu entlasten. Doch geplanten Städten fehlt es an gewachsene Strukturen, wie etwa einem traditionellen Fußballklub. Pete Winkelman, verantwortlich für die Stadtentwicklung von Milton Keynes, wollte ein solches Kulturgut in seine Reißbrettstadt holen. Er hatte es zuvor schon erfolglos bei den Queens Park Rangers und Luton Town versucht, 2002 gelang es ihm: Der FC Wimbledon zog um und wurde später in Milton Keynes Dons umbenannt. Doch die Fans der „Dons“ verweigerten dem neuen Klub die Gefolgschaft. Gegen den Widerstand des englischen Verbands gründeten sie 2002 den AFC Wimbledon und starteten mit ihrem Verein ganz unten, in der neunten Liga. Nach fünf Aufstiegen innerhalb von neun Spielzeiten war Wimbledon 2011 zurück im Profifußball – in der viertklassigen League Two. Im Jahr darauf folgte, was folgen musste. In der zweiten Runde des FA-Cups trafen die „Dons“ aus London auf jene aus Milton Keynes. 3.000 AFC-Fans waren mit einer unmissverständlichen Botschaft nach Milton Keynes gereist. „We are Wimbledon“ stand auf zahlreichen, kleinen Spruchbändern, am Spielfeldrand war eine Fahne des alten FC Wimbledon ausgebreitet. AFC verlor die Partie 1:2, Trainer Neal Ardley sagte anschließend: „In erster Linie bin ich stolz. Das Match hat gezeigt, wie weit wir in den letzten zehn Jahren gekommen sind.“ Von 1991 bis 2002 hatte Ardley selbst beim FC Wimbledon gespielt und es dort auf 245 Pflichtspiele gebracht.
Zwischen Alt und Neu
Auf Funktionärsebene ist der AFC Wimbledon auch während der Jahre im Profifußball ein Fanverein geblieben, der alle Entscheidungen in enger Abstimmung mit der Fanorganisation „The Dons Trust“ trifft, die Mehrheitseigentümerin ist. Im Vorstand sitzen viele Spieler, die einst in Diensten des FC Wimbledon standen und dessen Tradition hochhalten. Ian Cooke ist einer von ihnen. Auf seinem Konto stehen die zweitmeisten Tore und die zweitmeisten Einsätze in der Klubgeschichte, zwischen 1963 und 1977 brachte er es auf 425 Pflichtspiele. „Ich war Fan, ich war Spieler, aber ich bin Fan geblieben“, sagt Cooke im ballesterer-Gespräch vor dem Spiel gegen Luton Town.
Der Blick des AFC geht aber auch in die Zukunft. Der eigene Nachwuchs ist wie für alle überlegt wirtschaftenden kleinen Fußballvereine das größte Kapital. Deshalb sagt Trainer Ardley: „Wir haben hier sehr viel aufgebaut im sportlichen Bereich in den letzten drei Saisonen. Besonders auf die Akademie legen wir großen Wert.“ Wenn Ardley „wir“ sagt, meint er das so. Der 43-Jährige war ab seinem elften Lebensjahr Wimbledon-Spieler und hat den Verein nach der Übersiedlung nach Milton Keynes verlassen. Und er will mit dem AFC dorthin, wo die „Dons“ aus der Planstadt seit 2013 spielen: in die zweite Liga. „Die Championship zu erreichen, wäre unglaublich – und wenn wir einmal dort sind, ist alles möglich.“ Vielleicht ist es diese Mischung aus Träumen und Realismus, die den AFC Wimbledon so lange Zeit gesund am Leben hält und im Profifußball ankommen hat lassen.
Zwischen Wimbledon und Chelsea
Doch wie könnte es wirklich weitergehen mit Englands Gegenentwurf zum modernen Fußball? Und vor allem wo? „In der Saison 2018/2019 wollen wir umziehen“, sagt Erik Samuelson. Als Vereinsgeschäftsführer kennt er die Pläne für ein neues Stadion am besten. Denn Kingsmeadow, wo der AFC jetzt spielt, bietet nur Platz für knapp 5.000 Zuschauer. Ausbauen lässt sich die Spielstätte nicht. Neben der eigenen Jugend ist ein geeignetes Heimstadion aber das zweite wichtige Standbein für kleine Vereine, die weiter nach oben wollen.
Entstehen soll die neue Heimat am Racing Ground in Wimbledon. Dort waren früher Stockcars, Speedway-Motorräder und Greyhounds zu Hause. Nur die Windhunde sind geblieben, aber kaum jemand interessiert sich noch für sie. Weil das Stadion nur einen Steinwurf von jenen Wohnungen entfernt liegt, auf deren Boden einst Wimbledons Plough Lane beheimatet war, wäre es der perfekte Ort für einen Neubau. Die Pläne gibt es, die Bewilligung auch, doch die Finanzierung noch nicht. „Unser aktueller Spielort soll an Chelsea verkauft werden“, sagt Samuelson. Auf diesem Weg könnte ein Teil der Baukosten lukriert werden, die Kooperation mit einem Planungspartner, der das übrigeAreal etwa für Wohnungen nutzen würde, soll zusätzliches Geld bringen. Und den Rest, sagt Samuelson, müsse man sich einfach borgen.
Zunächst soll das Stadion 11.000 Zuschauern Platz bieten. „An die 7.000 sollten wir regelmäßig schaffen“, sagt Vereinslegende Cooke. „Und gegen Manchester United im FA-Cup könnten wir sicher 20.000 Fans anlocken.“ Denn neben seiner Geschichte ist beim AFC Wimbledon noch etwas anders als bei vielen anderen Vereinen in London, sagt Ian Cooke: „Fußball wird bei uns auch in einem neuen Stadion nur ein Viertel von dem kosten, was etwa Chelsea verlangt.“
Der AFC Wimbledon sieht sich in der Tradition des FC Wimbledon und hat nicht zuletzt deshalb auch Bilder von Vinnie Jones in seiner Trophäentribüne im Klubhaus. Mit seiner „Crazy Gang“ wurde der Verein bekannt und berüchtigt, doch den Ruf der exzentrischen und harten Spieler hat der AFC Wimbledon hinter sich gelassen. Er könnte jedoch in Zeiten des kommerzialisierten Fußballs als „Romantic Gang“ in die Geschichte eingehen.
Mitarbeit: Fabio Schaupp