Nach zweijähriger Pause ging am 29. Juli dieses Jahres wieder ein Linzer Derby über die Bühne. Das Zweitligaspiel wurde im Paschinger Waldstadion, der derzeitigen Heimstätte des LASK, ausgetragen und von der Polizei als Hochrisikospiel eingestuft. Etwa 300 Beamte waren zur Sicherung des Spiels mit rund 6.000 Zuschauern eingesetzt, das 2:1 endete. Vor Anpfiff kam es im Stadion zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Fans der beiden Vereine. Einer Gruppe aus dem Auswärtssektor gelang es, sich über eine Verbindungstüre Zutritt zur Pufferzone neben dem LASK-Fanblock zu verschaffen. Dabei wurde eine Sitzbank über den Absperrungszaun in den Sektor geschleudert, die einen Polizisten traf und verletzte. Anschließend gelang den Beamten jedoch eine rasche Trennung der Fanlager.
Pfefferspray auf Prominente
Damit waren weder das Spiel noch die Probleme vorbei. In der Halbzeitpause marschierte die Polizei im Auswärtssektor auf und ging in der Folge mit Pfefferspray gegen Fans vor. Laut Polizeiangaben sollten die zusätzlichen Einsatzkräfte die Pufferzone sichern, die nur über die Verbindungstüre im Auswärtssektor erreichbar war. Das „Stahlstadt-Kollektiv“, der Dachverband der Blau-Weiß-Fans, beschreibt die weiteren Geschehnisse folgendermaßen: „Die Einsatzkräfte blieben mitten im Gästesektor stehen und wurden von mehreren Personen verbal angegriffen, ein Polizist wurde bespuckt – wir distanzieren uns ebenso von diesem Vorfall. Die Polizei (in voller Einsatzmontur) hat jedoch ab diesem Zeitpunkt aus unserer Sicht die Kontrolle verloren und sämtliche 450 Personen pauschal mit massivem Pfeffersprayeinsatz angegriffen.“
Die Oberösterreichischen Nachrichten berichteten nach dem Derby, die Polizei rechtfertige den Einsatz mit massiven tätlichen Angriffen gegen Beamte. Polizeisprecher David Furtner sagte: „Es ging um Leben und Tod. Leider macht der Pfefferspray nicht direkt am Straftäter Halt. Das tut uns leid.“ Der Pfeffersprayeinsatz sei punktuell und verhältnismäßig gewesen. Unter den betroffenen Fans waren neben vermeintlichen Hooligans allerdings auch prominente Opfer: So wurde David Wimleitner, ehemaliger Sportchef und heute Vorstandsmitglied von Blau-Weiß, ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie die SPÖ-Landesgeschäftsführerin und Blau-Weiß-Anhängerin Bettina Stadlbauer. Letztere sagte der Gratiszeitung Heute: „In der Halbzeit, als die Stimmung eigentlich ganz ruhig war, ist plötzlich die Polizei aufmarschiert.“ Ein Polizist habe später direkt auf sie gezielt.
Ratschlag unerwünscht
Auch Michael Weidinger, Mitglied des „Stahlstadt-Kollektiv“, war im Auswärtssektor dabei. „Man muss die Ereignisse vor dem Spiel und die Vorfälle in der Halbzeitpause getrennt voneinander betrachten“, sagt er heute. „Das Eingreifen der Polizei im Vorfeld war gerechtfertigt und ging auch ordentlich über die Bühne, doch der Pfeffersprayeinsatz 70 Minuten später hatte damit nichts mehr zu tun.“ Weidinger bestreitet nicht, dass es vereinzelt Pöbeleien in Richtung der Polizei gab − „aber deshalb 450 Fußballfans zu kriminalisieren, ist nicht zu tolerieren.“
Doch Weidinger zufolge sind bereits im Vorfeld Fehler passiert. Die Fanbeauftragten der beiden Vereine seien nicht ausreichend eingebunden gewesen: „Es gibt bei uns Leute, auf die gehört werden sollte und die deeskalierend einwirken könnten. Sie sind bei der Sicherheitsbegehung vor dem Spiel dabei, allerdings werden von ihnen geäußerte Bedenken anscheinend nicht als sehr wichtig erachtet.“ In diesem Fall sei auf die nicht abgesperrte Tür zum LASK-Fansektor hingewiesen worden. Und nicht nur das. „Die Sitze, die vor dem Spiel flogen, sind nicht aus der Verankerung gerissen worden, sondern frei zugänglich herumgelegen.“
Keine Identitätskontrollen
Aus Sicht von Rechtsanwalt Manfred Arthofer ist das Vorgehen der Polizei im Gästesektor nicht zu legitimieren. Er wurde vom „Stahlstadt-Kollektiv“ beauftragt, den Fall zu prüfen, und hat Film- und Fotomaterial zu den Vorfällen gesichtet. „Der Einsatz von Tränengas unterliegt dem Waffengebrauchsgesetz und ist daher nur in Notwehrsituationen erlaubt, von denen aber keine dokumentiert ist“, sagt er. „Verbale Angriffe wie Schmährufe oder eine Spuckattacke stellen keine solche Situation dar.“ Arthofer erstattete im November Strafanzeige gegen unbekannte Täter wegen schwerer Körperverletzung. Dass es zu einem Gerichtsverfahren kommt, glaubt der Anwalt allerdings nicht: „Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt, dass in den wenigsten Fällen Anklage gegen die Polizei erhoben wird.“
Letztlich verfolgt Arthofer ohnehin ein größeres Ziel. „Das Problem bei den Ermittlungen ist, dass sich die Identität einzelner Polizisten nur mehr schwer feststellen lässt“ sagt er. „Hätten die Beamten auf ihren Helmen und Kleidungsstücken gut erkennbare, eindeutig identifizierbare Dienstnummern angebracht, könnte gegen einzelne Polizisten, die sich widerrechtlich verhalten haben, leichter vorgegangen werden.“ Der Anwalt tritt daher für eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten ein. Und er ist mit dieser Forderung nicht allein. In Deutschland betreibt Amnesty International eine entsprechende Kampagne unter dem Motto „Mehr Verantwortung bei der Polizei“. Anfang November veröffentlichten mehrere österreichische Fußballfanszenen ein gemeinsames Statement. Zahlreiche Fangruppen – unter anderem von beiden Linzer Vereinen – fordern darin eine Kennzeichnungspflicht: „Polizisten sollen nicht länger inkognito bleiben dürfen, denn die österreichische Polizei bricht immer wieder Gesetze, ohne dafür belangt werden zu können. Vor allem wir Fußballfans sind einer zunehmenden Willkür seitens der Polizei ausgesetzt.“
Die Antwort auf eine mündliche wie schriftliche Anfrage des ballesterer an die Landespolizeidirektion Oberösterreich zu den Vorkommnissen blieb bis zum Redaktionsschluss ausständig. Am 2. Dezember findet das nächste Linzer Derby in Pasching statt.