Beleuchtete Folienkissen wie in München? Fehl-anzeige. Filigrane Stahlsäulen wie im EM-Stadion von Bordeaux? Nichts davon. Ein verschlungenes Stahlgerüst wie im Olympiastadion von Peking? Mitnichten. Der Entwurf für das neue Stadion des FC Chelsea an der Stamford Bridge will so gar nichts mit den bisherigen Entwürfen des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron gemein haben. Das von robusten Säulen aus Ziegel gesäumte Stadion, dessen Form am ehesten als flacher Kegelstumpf beschrieben werden kann, gleicht eher einer Trutzburg. Bis 2020 soll es den Platz der zu klein gewordenen bisherigen Spielstätte des englischen Erstligisten einnehmen. Im Dezember 2015 wurden die Pläne der Öffentlichkeit präsentiert, der unkonventionelle Entwurf sorgte für einige Verblüffung, schon bald machten wenig schmeichelhafte Spitznamen wie Eierschneider und Nudelsieb die Runde.
Historische Anspielungen
Die Entwürfe von Jacques Herzog und Pierre de Meuron entstehen nicht in einer architektonischen Blackbox, vielmehr ist das Schweizer Duo bekannt für akkurat durchdachte und präsentierte Entwürfe. Auch für das neue Chelsea-Stadion wird der Entwurfsprozess detailliert in einem über 100-seitigen Dossier erläutert. Dort ist zu erfahren, dass das womöglich altbacken wirkende Material Ziegel ganz bewusst gewählt wurde. Denn Ziegel war − in unverputzter Form − im 19. Jahrhundert ein dominierendes Baumaterial in Großbritannien. Aber-tausende Reihenhäuser wurden aus Ziegel errichtet, ebenso Industriebauten wie das Kraftwerk Battersea Power Station am gegenüberliegenden Ufer der Themse.
Selbst im Stadionbau war Ziegel ein beliebtes Material, man denke nur an die Haupttribüne des unweit der Stamford Bridge gelegenen Craven Cottage. Im Stadion des FC Fulham steht eine der letzten noch erhaltenen Tribünen des legendären Stadionarchitekten Archibald Leitch. Ein durch und durch mit der Region assoziierter Baustoff wird hier also einfach in neuer Form eingesetzt – wenngleich der Kern der Säulen aus statischen Gründen aus Stahlbeton besteht.
Recht auf Licht
Eine weitere Besonderheit des Entwurfs ist die für ein Stadion eigenwillige Dachform: Das von einem umlaufenden Giebel zum Rand hin stark abfallende Dach gibt dem Gebäude sein gedrungenes Erscheinungsbild. Mit ausschlaggebend für die Dachform waren gesetzliche Bestimmungen der örtlichen Bauordnung. Denn im Gegensatz zum Bau auf der grünen Wiese gelten für Stadion-bauten in dicht besiedelten Gebieten strengere Regeln in Bezug auf die Gebäudehöhen. Im Falle der Stamford Bridge kommt das „Right of light“-Gesetz zum Tragen. Die Regel besagt vereinfacht gesagt, dass in jeweiligen Geltungs-bereich ein ausreichender freier, also unverbauter Lichteinfall für alle Anwohner gewährleistet sein muss. Werden in der Umgebung Neubauten errichtet, muss deren Traufhöhe entsprechend angepasst werden. Durch die zum Rand hin geringer werdende Gebäudehöhe konnte die bebaubare Fläche bestmöglich ausgenutzt werden, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen. Eine steil aufragende, vertikale Fassade hätte vor allem den im Erdgeschoß gelegenen Wohnungen der Nachbarschaft das Licht genommen.
Nicht nur die Ära der Backsteinarchitektur, sondern auch die britische Gotik wird in dem neuen Bauwerk zitiert. Die als Spitzbogen in die Dachkonstruktion übergehenden Säulen erwecken Assoziationen an gotische Strebewerke. Auch im Fall der eher schmalen und über mehrere Geschoße reichenden Eingangshalle ließen sich die Architekten von den Innenräumen gotischer Kathedralen wie der Westminster Abbey inspirieren. Die Reihe der Zitate setzt sich bei der Form der Absturzsicherungen zwischen den Säulen fort. Die Elemente bestehen aus Metallstäben, die sich in regelmäßigen Abständen zu Kreisen erweitern. Dabei ist die Form der Stäbe eine Anspielung auf den Krummstab des Bischofs von Westminster, was wiederum mit dem FC Chelsea zu tun hat: Der Löwe im Vereinswappen hält besagten Krummstab in seiner rechten Pranke.
Entwurf mit Identität
Inwieweit man das Stadion letztendlich als aus ästhetischer Sicht gelungen bezeichnen kann, wollen offenbar nicht einmal die Architekten selbst beurteilen. In einem Interview mit dem britischen Guardian sagte Jacques Herzog, dass Fragen der Ästhetik in diesem Fall sekundär seien. Ihm gehe es vielmehr darum, etwas Unverwechselbares zu kreieren: „Wie in Anfield – das ist kein wirklich schönes Stadion, aber eines mit großer Tradition.“
Auch im Stadionbau werden gerne Begriffe wie Alleinstellungsmerkmal bemüht und Eigenschaften gefordert, die eine Identifikation mit dem jeweiligen Klub ermöglichen. In der Praxis stellen sich die entsprechenden baulichen Maßnahmen oft als ein paar in den Vereinsfarben getünchte Sitzschalen oder ähnlich oberflächliche Merkmale heraus. Angesichts knapp kalkulierter Budgets ist oft auch nicht mehr möglich. Im Westen London könnte jedoch − mit dem Kostenrahmen von angeblich 500 Millionen Pfund − ein Stadion entstehen, für das die genannten Schlagwörter tatsächlich zutreffen. Schon allein die markante Form des optimal in das Grundstück eingepassten Bauwerks macht das Stadion zu einem Unikat, durch die zahlreichen Anspielungen auf die regionale Architekturgeschichte wird eine Beziehung zum baulichen Umfeld geschaffen. Und während mit dem neuen Stadion von Tottenham im Norden der Stadt die nächste glitzernde Glasfassade hochgezogen wird, kommt an der Stamford Bridge der vielleicht britischste aller Baustoffe zum Einsatz.