Der frische Herbstwind weht bunte Blätter durch die Straßen, ansonsten dominiert an diesem ruhigen Mittwochnachmittag im 11. Wiener Gemeindebezirk das Grau des Himmels und der Gemeindebauten. Nichts deutet auf die aktuellen Umwälzungen im Arbeiterbezirk hin. Jahrzehntelang regierten hier Sozialdemokraten, nach den Wahlen im Oktober wird Simmering Wiens ersten freiheitlichen Bezirksvorsteher stellen.
Der Politiker
Vor dem Amtshaus empfängt der 36-jährige Volkan Kahraman den ballesterer. Der ehemalige Nationalteamspieler wird seinen Teil zur Neuausrichtung der Bezirksvertretung beitragen. Mit der Liste Gemeinsam für Wien (GFW) schaffte er auf Anhieb ein Mandat. Genüsslich erörtert er die Mandatsverteilung, die ihm als einzigen Vertreter seiner Fraktion bei mancher Abstimmung die Rolle des Züngleins an der Waage bescheren könnte.
Beim Interview in einer Konditorei lauscht Kahraman aufmerksam den Fragen, in ruhigem Ton gibt er seine Antworten. Dass die vorwiegend von Menschen mit Migrationshintergrund getragene GFW in den Medien oft als „Türkenpartei“ bezeichnet wird, kostet den Sohn türkischer Einwanderer kaum mehr als ein Schulterzucken. Ein Gedankenspiel verlangt ihm hingegen eine kleine Nachdenkpause ab: Angenommen, ihm würde in ein paar Jahren gleichzeitig der Trainerposten seines Stammvereins, der Wiener Austria, und ein Nationalratsmandat angeboten werden, was würde er annehmen? „Beides“, sagt er erst, entscheidet sich dann aber doch für den Fußball. Nachsatz: „Wobei ich ein Nationalratsmandat in den nächsten drei Jahren für wahrscheinlicher halte als ein Angebot von der Austria.“
Der Trainer
Einen Ruf als Trainer muss er sich als sportlicher Leiter und Nachwuchschef des Wiener Sechstligisten FC Karabakh erst erarbeiten. „Der Problemjunge könnte vielleicht noch ein Problem werden“, spielt Kahraman auf seine Spielerkarriere an, die 16 Stationen umfasste. Die vielen Wechsel führt er nicht zuletzt auf seine direkte Art zurück: „Wenn Kollegen nicht gespielt haben, obwohl sie auf ihrer Position am besten waren, habe ich das immer angesprochen. Und ich habe nicht gelacht, wenn der Trainer einen schlechten Schmäh gemacht hat.“
Mit Pasching sorgte Kahraman vor über zehn Jahren für Furore in der Bundesliga. Sein ehemaliger Trainer Georg Zellhofer erinnert sich: „Er ist zwischen Genie und Wahnsinn geschwankt.“ Oft habe der Mittelfeldspieler seine eigenen Ideen gehabt, wo er spielen möchte. „Dann musst du dir überlegen: Wie viele Kahramans verträgt eine Mannschaft“, sagt Zellhofer. Für die damaligen Erfolge sei er aber immens wichtig gewesen.
Zellhofer meint auch, dass sich Kahraman zu sehr unter Druck gesetzt habe. „Ich habe gelernt, mir keine Ziele mehr zu setzen“, sagt Kahraman. Hohe Ambitionen ziehen sich allerdings wie ein roter Faden durch das Gespräch: Sein aktueller Klub Karabakh habe ebenso das Zeug, in die Bundesliga zu kommen, wie der Trainer Kahraman; und in der Bezirksvertretung werde er nach der nächsten Wahl nicht mehr allein für seine Liste sitzen, sondern mit vier oder fünf Kollegen.
Das Talent
Wenn Kahraman von seiner Kindheit in der Venediger Au am Wiener Praterstern und den ersten Schritten in den Profifußball erzählt, werden die hohen Ansprüche nachvollziehbar. Jahrelang habe er nur im Park gespielt, bis er zufällig in der Schülerligamannschaft seines Bruders eingesprungen sei und als Jüngster alle überragt habe. Kurz darauf folgte die Botschaft: „Am Montag kommst du zum Austria-Training.“ Ähnlich reibungslos lief sein erster Auslandstransfer ab. Nach guten Leistungen mit dem U15-Nationalteam engagierte ihn Feyenoord Rotterdam, mit 17 unterzeichnete er dort seinen ersten Profivertrag. Der frühe Karrierehöhepunkt mit drei Einsätzen im Nationalteam mit knapp 23 Jahren ist ein Indiz dafür, dass Kahraman deutlich mehr aus seinem Talent hätte machen können.
Der Funktionär und Unternehmer
Nachdem die Profikarriere früh zu Ende gegangen war, fungierte Kahraman bereits als 29-Jähriger beim Regionalligisten UFC Purbach nicht nur als Spieler, sondern auch als Teammanager. 2010 gründete er Besiktas Wien mit. „Dabei ist es auch um Integration und Inklusion gegangen“, sagt Kahraman. Er verweist auf die freundschaftliche Fusion eines mehrheitlich kurdischen mit einem mehrheitlich türkischen Besiktas-Klub sowie mehrere Aufstiege unter seiner Trainerschaft. Kein Spieler habe in all den Jahren auch nur einen Cent verdient, betont Kahraman. „Ich entscheide heute noch im Verein mit“, sagt er.
Kahraman stellt sein Licht nicht unter den Scheffel. Das betrifft auch sein zwischenzeitliches Engagement als Trainer und Funktionär beim 1. Simmeringer SC. „Ich habe den Verein vor dem Absturz gerettet“, sagt er. Durch Sponsoren und Sonderprojekte habe er dem finanziell angeschlagenen Klub etwas Luft verschafft. Obwohl Kahraman im Streit geschieden ist, sagt der heutige Simmering-Obmann Mirko Sraihans: „Seine Initiative war sehr hilfreich.“
Kahramans Handy läutet. Für seine Firma VK Coaching muss er Türkeiflüge organisieren. Unter den Kunden, die Individualtrainings in Anspruch nehmen, sind viele Kinder und Jugendliche, aber auch Profis wie Veli Kavlak von Besiktas Istanbul und Tanju Kayhan vom SK Sturm. Kahraman entschuldigt sich.