Wenn englische Fußballfans über 30 den Ausdruck The Twin Towers hören, denken sie an Wembley. Denn das war die gebräuchliche Bezeichnung für das Nationalstadion im Londoner Westen. Die beiden 35 Meter hohen, weißen Türme im Art-Deco-Stil bildeten den Eingang zu der Anlage, die offiziell Empire Stadium hieß. Nahm man den weiten Fußweg vom nächsten Bahnhof auf sich, war ihr Anblick am Horizont der erste Hinweis auf die großen Fußballspiele, die hier stattfanden.
Schlecht geplant
Der Rest war jedoch weit weniger beeindruckend. „Für ein Nationalstadion ist es eine Schande“, wie mein Cousin 1976 sagte. Er hatte sein Team – Manchester United – zum FA-Cup-Finale begleitet und kein gutes Wort über das Stadion zu verlieren. Der Blick von seinem Platz weit unten auf den Rängen war so schlecht, dass alle aufstehen mussten.Als er die Toiletten erwähnte, schüttelte er nur entsetzt den Kopf. Wäre ich zu diesem Zeitpunkt älter gewesen, hätte er wohl geflucht. So wie er sahen es viele Besucher. In Wembley spielten sich große Momente der englischen Populärkultur ab, aber als Veranstaltungsort war es einfach nicht gut geplant. Die Verkehrsanbindung war schlecht, die Sicht von vielen Plätzen miserabel, nicht zuletzt weil die Pfeiler der Dachkonstruktion den Blick aufs Spielfeld verstellten.
Als Kind kannte ich Wembley vor allem aus dem Fernsehen. Das Stadion war leicht daran zu erkennen, dass meist keine Zuschauer zu sehen waren, wenn die Kamera den Platz zeigte. Das einzige andere Stadion, in dem die Fans so weit entfernt vom Rasen saßen, war Chelseas Stamford Bridge. Abgesehen von den FA-Cup-Finalspielen und Ländermatches wurde Wembley vor allem für Hunderennen genutzt. Ein Spiel der Weltmeisterschaft 1966, das hier stattfinden sollte, musste verlegt werden – die Hunde waren zuerst gebucht worden.
Platz- und Jubelstürme
Das Stadion wurde 1923 für die British Empire Games eröffnet, im selben Jahr fand dort auch zum ersten Mal das FA-Cup-Finale statt. Mindestens 250.000 Menschen drängten an den kaum kontrollierten Eingängen vorbei ins Stadion, mehr als die doppelte Kapazität. Das Spiel wurde als „White Horse Final“ bekannt, da einer der berittenen Polizisten, die die Menge vom Feld zurückdrängten, auf einem Schimmel namens Billie saß.
Beim nächsten Platzsturm in Wembley stand mein Team – Everton – auf dem Rasen. Der Platzstürmer ist ebenso wie Polizeipferd Billie Teil der Legende um Wembley geworden. Everton spielte 1966 nach 33 Jahren endlich wieder ein FA-Cup-Finale und hatte gegen Sheffield Wednesday gerade einen 0:2-Rückstand aufgeholt, da rannte ein kleiner glatzköpfiger Mann aufs Feld. Dessen Namen kennt jeder Everton-Fan: Eddie Cavanagh. Ein Polizist versuchte, ihn zu Boden zu werfen, aber Cavanagh streifte sein Jacket ab und lief einfach weiter, die Arme zum Jubel in die Luft gereckt, bis er schließlich eingefangen wurde. Everton gewann 3:2, und Eddie durfte das Spiel auf einem Fernseher im Einsatzraum der Polizei zu Ende sehen.
Neues Wahrzeichen
Ich selbst habe Everton 1984 zweimal in Wembley gesehen: Im Finale des League Cup gab es ein 0:0 gegen Liverpool – das Wiederholungsspiel in Manchester ging 0:1 verloren. Im FA Cup siegte Everton gegen Watford 2:0. Die Sicht war in beiden Fällen in Ordnung, ich saß jedoch auch weit oben. Die Toiletten habe ich nicht benutzt.Obwohl ich meine Mannschaft in Wembley nie verlieren gesehen habe, kann ich nachvollziehen, warum so viele sagen, dass es ein schrecklicher Ort für Niederlagen war. Man kam einfach nicht schnell genug weg. Das Gefühl, verloren zu haben, hing über den Fans, während sie den langen Weg zum Bahnhof gingen und dann auf dem Bahnsteig auf den nächsten Zug warten mussten.
Das Empire Stadium hat das Empire um mehrere Jahrzehnte überlebt. Das letzte Spiel fand im Jahr 2000 statt, eine 0:1-Niederlage Englands gegen Deutschland. 2007 wurde das neue Wembley eröffnet – verspätet und um horrende Kosten. Die Verkehrsanbindung ist heute etwas besser, und Pfeiler, die die Sicht versperren, gibt es auch nicht mehr. Stattdessen spannt sich über das Dach ein großer Bogen, der ein Wahrzeichen werden soll, wie es die Zwillingstürme waren.
Wenn es nach mir ginge, wäre dort kein neues Stadion gebaut worden. Nach dem Abriss des Wembley-Stadions gab es den Vorschlag, ein Nationalstadion im Zentrum von England zu errichten, wo es besser erreichbar wäre. Als die Länderspiele während des Neubaus in Stadien quer übers ganze Land verteilt stattfanden, hat das die Atmosphäre spürbar verbessert. Aber wie so oft war der wirtschaftliche und politische Einfluss von London zu stark. Heute finden in Wembley neben den Finalspielen auch andere Cupspiele statt, sodass mehr Fans Gelegenheit haben, ihre Teams dort zu sehen. Doch die Cupbewerbe haben ihre Bedeutung eingebüßt, vor allem bei den reichen Premier-League-Klubs, die sie meist gewinnen. Die Kuppeln der Zwillingstürme sind inzwischen in einem Museum gelandet. Sie gehören zu einer vergangenen Ära des englischen Fußballs.