Alternative Entscheidungen

1968 standen einander im EM-Semifinale Italien und die Sowjetunion gegenüber. Als das Spiel in Neapel auch nach Verlängerung beim 0:0 blieb, war die Verwirrung groß. Während sich Studenten und Arbeiter mit Lenins Schrift „Was tun?“ beschäftigten, wusste der Schiedsrichter, was zu tun war.
Er verschwand mit den beiden Verbandspräsidenten in die Kabine, um eine Münze zu werfen, während die Kapitäne vor der Tür warteten. Die Münze sollte eine neutrale sein, man trieb eine kanadische auf. Als Giacinto Facchetti jubelnd ins Stadion gestürmt kam, war das Spiel entschieden. Armdrücken wäre vielleicht sportlicher gewesen. Von nun an gab es Elfmeterschießen. Wer das für eine Glücks- oder Nervensache oder eine Mischung aus beidem hält und insgeheim ablehnt, sähe sich 2014 mit anderen Möglichkeiten konfrontiert.
Die Adepten der Objektivität und die Verfechter des Leistungsgedankens, die im Fußball vor allem Arbeit sehen wollen, hielten sich natürlich an die Statistik. 1968 wusste man nicht, wie viele Kilometer jeder Spieler zurückgelegt, wie viele Zweikämpfe er gewonnen hatte und wie viele seiner Pässe angekommen waren. Ein transparenter Leistungsalgorithmus machte uns unmissverständlich klar, wer gewonnen hat – die Fleißigeren und Effizienteren.
Wenn in dem Staat in einem Staat, wie ihn die FIFA während ihrer Turniere errichtet, ein Spiel unentschieden endete, könnte man andererseits Demokratie simulieren. Wer Zugang zum Internet hat, dürfte über den Aufstieg abstimmen. Vor den Stadien müssen T-Shirts mit den Logos von Firmen, die nicht die Spiele sponsern, ausgezogen werden, selbst auf Fanmeilen dürfen nur die Getränke der Sponsoren ausgeschenkt werden, aber so hätte man immerhin das Gefühl, eine Stimme zu haben.
Besser wäre freilich, jeweils einen Spieler zum Jonglieren (Gaberln!) auszuwählen. Wer den Ball am längsten in der Luft hielte, hätte das Spiel für seine Mannschaft entschieden. Und die Sponsoren hätten viel Zeit für Produktplatzierungen.