„Es war totenstill“, sagte er später über die 79. Minute im Finale der WM 1950 in Brasilien. In diesem Moment geschieht das Unvorstellbare: Alcides Ghiggia trifft zum 2:1 für Uruguay. Brasilien ist geschockt, Uruguay ist Weltmeister. Das Tor macht Ghiggia weltberühmt. Die Stimmung im Stadion beschrieb der Stürmer später so: „Nur drei Menschen haben mit einer einzigen Bewegung das Maracana zum Schweigen gebracht: Frank Sinatra, der Papst und ich.“ Am 13. Juli findet erneut ein WM-Finale im Maracana statt: Wird wieder ein uruguayischer Stürmer Brasilien schocken?
Die Stars des aktuellen Teams haben das Potenzial dazu. Edinson Cavani und Luis Suarez bilden die Offensive bei Uruguay und hätten wohl bei fast jedem WM-Teilnehmer einen Stammplatz. Suarez ist der erfolgreichste Torschütze Uruguays, war der beste Torschütze der WM-Qualifikation in der Südamerika-Gruppe und 2011 bester Spieler der Copa America. Bis zum Redaktionsschluss schoss er in 30 Ligaspielen 30 Tore für den FC Liverpool. Damit lässt er Spieler wie Cristiano Ronaldo, Diego Costa und Lionel Messi beim Goldenen Schuh hinter sich und Liverpool von dem ersten Meistertitel seit 1990 träumen.
Suarez’ Läuterung
Doch Suarez ist nicht nur ein begnadeter Stürmer, sondern sorgte auch für einige Skandale auf dem Platz. Bissattacken gegen Gegenspieler und rassistische Beleidigungen gegenüber Manchester Uniteds Patrice Evra brachten ihm lange Sperren ein. Bei der letzten Weltmeisterschaft in Südafrika war er maßgeblich dafür verantwortlich, dass Uruguay gegen Ghana im Elfmeterschießen gewann und ins Halbfinale einzog. Sein Beitrag war allerdings kein Tor, sondern ein Handspiel auf der Linie, um einen Treffer Ghanas zu vereiteln.
Solche Eskapaden sollen aber nun der Vergangenheit angehören. Uruguays Trainer Oscar Tabarez sagte in einem Interview: „Er hat sein Spiel und seine Einstellung verbessert. Er ist an den Problemen, die er in England gehabt hat, gewachsen.“ In der Premier League sammelte Suarez in dieser Saison erst fünf Gelbe Karten. Schlagzeilen beschränken sich zunehmend auf sportliche Erfolge. Das veranlasste das Fußballmagazin When Saturdary Comes, Suarez auf dem Cover der Mai-Ausgabe unter dem Titel „Amazing season for Liverpool“ mit der Sprechblase „I haven’t been banned for anything“ abzubilden. Sowohl von den englischen Journalisten als auch von seinen Kollegen in der Premier League wurde er zudem zum Spieler des Jahres gewählt – auch mit Evras Stimme.
Cavanis Stärke
In Sachen Torgefährlichkeit steht Edinson Cavani seinem Sturmpartner Suarez in kaum etwas nach. 16 Treffer in 29 Ligaspielen bei Paris Saint-Germain und 78 Tore in 104 Spielen vorher bei der SSC Napoli zeugen von seiner Qualität. Doch Cavani kann man nicht auf seine Tore reduzieren. „Er opfert sich für die Mannschaft auf“, sagte sein Ex-Trainer Walter Mazzarri. Bei gegnerischen Ecken nutzt er oft seine Kopfballstärke, um den Ball zu klären und dann mit raumgreifenden Schritten direkte Gegenstöße einzuleiten. Neben seinen beiden aktuellen Stars hat Uruguay auch noch Diego Forlan im Kader. Der Altmeister erhielt bei der letzten WM den Goldenen Ball als bester Spieler des Turniers, in Brasilien wird er wohl nur von der Bank ins Spiel kommen. Für ein Tor ist er jedoch immer gut.
Beim Confed-Cup 2013 zeigten Suarez und Cavani schon, wozu sie in der Lage sind, und schossen jeweils drei Tore. Uruguay scheiterte im Halbfinale knapp an Brasilien und lieferte sich im Spiel um Platz drei ein Duell auf Augenhöhe mit Italien, das es im Elfmeterschießen verlor. Seit den letzten Turnieren hat sich das Team nach Meinung von Cavani weiterentwickelt. Die vielen Spieler, die in Europa aktiv sind, hätten die Mannschaft mental gestärkt: „Wir gehen jetzt auf das Spielfeld, um zu gewinnen und nicht, wie manchmal in der Vergangenheit, um zu warten, dass der Gegner einen Fehler macht“, sagte er dem australischen Sender SBS.
Tabarez’ Flexibilität
Ein wichtiger Faktor für diese Veränderung ist auch Trainer Oscar Tabarez. Der 67-Jährige hat in seiner ersten Amtszeit als Nationaltrainer Uruguays von 1988 bis 1990 für eine Abkehr vom garra charrua, dem kampfstarken und mitunter brutalen Spiel, gesorgt. Körperlicher Einsatz ist nun nur noch ein Teil des uruguayischen Spiels. Seit 2006 ist Tabarez wieder als Nationaltrainer im Amt und hat dem Team verschiedenste Spielsysteme beigebracht. Seine Mannschaft kann zwischen einem 4-4-2, 4-3-3, 3-4-1-2 oder auch einem 4-2-3-1 wechseln und so auf jeden Gegner reagieren.
Das macht Uruguay, neben der herausragenden Offensive, so gefährlich: Es ist kaum vorherzusagen, in welchem System die Mannschaft antreten wird. 2010 führte Tabarez Uruguay zum ersten Mal nach 40 Jahren wieder unter die besten Vier bei einer Weltmeisterschaft. Mit dem anschließenden Gewinn der Copa America im Jahr 2011 setzte das Team das nächste Rufzeichen. Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien heißen die Gruppengegner Costa Rica, England und Italien. Vor allem die Spiele gegen europäische Teams sieht Edinson Cavani als besondere Herausforderung: „An diese Spiele erinnert man sich ein Leben lang, und gegen England und Italien können wir Geschichte schreiben und uns tolle Erinnerungen verschaffen.“
Tolle WM-Erinnerungen hat auch Alcides Ghiggia – und die Brasilianer haben ihn ebenfalls nicht vergessen. 50 Jahre nach dem WM-Sieg wurde er bei der Einreise ins Nachbarland von einer 20-Jährigen gefragt, ob er der Ghiggia sei. Als er bejahte, sagte sie: „In Brasilien fühlen wir diesen Moment immer noch.“