Seit Wochen ist das niederösterreichische Städtchen Neulengbach aus dem Häuschen. Immerhin gastiert Ende März der Weltfußball im örtlichen Wienerwaldstadion. Längst gibt es für das Champions-League-Viertelfinale keine Karten mehr, und wer am Spieltag keinen Platz auf den rund dreihundert Plastikschalensitzen der Haupttribüne ergattern kann, wird auf eine der denkmalschutzverdächtigen Holzbänke der Gegengerade ausweichen müssen. Als Begleitung empfehlenswert ist dabei eines der selbstgemachten Speckstangerl, die zum Pflichtprogramm bei den Neulengbach-Heimspielen gehören. Idyllisch ist das Ambiente allemal, das die fünfmalige Weltfußballerin Marta Vieira da Silva bei ihrem Gastspiel am 29. März zu Gesicht bekommen wird.
Pressing gegen die Favoritinnen
Seit 2012 kickt die Brasilianerin für den in der Nähe von Stockholm angesiedelten Tyresö FF, ein international besetztes Ensemble mit schwedischen, amerikanischen, brasilianischen und norwegischen Stars. Ende März stehen zwei Begegnungen in der Runde der letzten Acht zwischen den Österreicherinnen und den schwedischen Vizemeisterinnen an. „Das Team von Tyresö ist sowohl körperlich als auch mental irrsinnig schnell“, sagt Neulengbach-Trainer Johannes Uhlig. Im Februar war er auf einer UEFA-Trainer-Konferenz in Stockholm zu Gast und konnte dort ein Vorbereitungsspiel der Viertelfinalgegnerinnen beobachten. „Sie spielen ein interessantes 4-3-3-System, und vorne verfügen sie mit der Amerikanerin Christen Press über eine pfeilschnelle und technisch brillante Stürmerin, die fast aus jeder Situation treffen kann. Wir werden diesem System taktisch mit einem Mittelfeldpressing zu begegnen versuchen.“ Uhlig ist die ungleiche Ausgangslage vor dem Spiel bewusst. „Tyresö verfügt über ein Jahresbudget von zwei Millionen Euro und trainiert siebenmal pro Woche. Unser Budget liegt bei einem Zehntel davon, und trainieren können wir maximal drei- oder viermal pro Woche“, sagt er.
Im Gegensatz zum Tyresö-Trainer Tony Gustavsson muss Johannes Uhlig einem Vollzeitbrotjob nachgehen, er ist Assistent am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. Uhlig hat das Serienmeisterteam aus dem Wienerwald 2010 übernommen und arbeitet seither gemeinsam mit seiner Co-Trainerin Sabine Brand an einer Verbesserung der Rahmenbedingungen. Von professionellen Strukturen nach skandinavischem oder deutschem Vorbild ist der SV Neulengbach dennoch weit entfernt. Dass es dem Team trotzdem gelungen ist, heuer erstmals das Champions-League-Viertelfinale zu erreichen, verdankt es auch einem Quäntchen Losglück. Statt großer Namen wie Turbine Potsdam und Olympique Lyon zog Fortunas Händchen mit dem türkischen Team Konak Belediyesi eine bewältigbare Achtelfinalhürde. Die Neulengbacherinnen stiegen mit einem Gesamtscore von 6:0 auf.
Neulengbacher Fünfjahresplan
Entscheidender als das Losglück ist die sportliche Entwicklung, die das Team unter Trainer Uhlig genommen hat. „Als ich geholt worden bin, habe ich mit dem Vereinsvorstand einen Fünfjahresplan vereinbart, der auch beinhaltete, dass wir am Ende das Viertelfinale der Champions League erreichen“, sagt er. Dass dies nun schon im vierten Jahr geklappt habe, sei erfreulich – noch wichtiger sei allerdings die stetige Verbesserung der leistungsbestimmenden Faktoren, wie Uhlig es nennt: „Das betrifft sowohl die Quantität als auch die Qualität des Trainings, die Arbeit an der physischen Verfassung, am individual- und teamtaktischen Verhalten und nicht zuletzt die Erweiterung der personellen Ressourcen im Betreuerstab.“
Im Gespräch mit Uhlig wird der professionelle Ansatz des Sportwissenschaftlers immer wieder deutlich. Und das in einem Bereich, dessen Potenzial in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor geringgeschätzt wird. Auch wenn sich das langsam ändert, wie die 22-jährige Mittelfeldspielerin Stefanie Kremener sagt: „Wir haben im Winter einige Testspiele gegen U15- und U16-Burschenteams ausgetragen. Am Anfang haben sie uns unterschätzt, aber als sie gemerkt haben, wie gut wir sind, haben sie großen Respekt bekommen. Einige von ihnen haben auch gewusst, dass wir in der Champions League spielen und haben uns nach dem Spiel viel Glück gewünscht.“ Die U16 der Floridsdorfer Columbia wurde 2:0, die U15 des Wiener Sportklubs 4:2 besiegt – eine wichtige Erfahrung in Hinblick auf das Spiel gegen die schnellen und kräftigen Kickerinnen von Tyresö.
Glaube ans Wunder
„Ich glaube nicht, dass viele Burschen oder Männer das auf sich nehmen würden, was die Mädchen hier leisten“, sagt Uhlig. Er meint damit nicht nur die intensive Vorbereitung, sondern die Tatsache, dass die meisten Spielerinnen einer geregelten Arbeit nachgehen oder studieren und teilweise stundenlange An- und Abreisen zum Training in Kauf nehmen. Die Verteidigerinnen Alexandra Biroova und Lucia Harsanyova pendeln unter der Woche sogar zwischen Neulengbach und Bratislava, wo beide studieren. „Neulengbach ist eines der besten Frauenteams in Mitteleuropa, und ich bin glücklich, ein Teil davon zu sein“, sagt Biroova, die seit 2009 für Neulengbach spielt und sich derzeit auf den Abschluss ihres Jus-Studiums vorbereitet. „Ich hoffe, dass ich anschließend noch weiter Fußball spielen kann“, sagt sie.
Noch intensiver als die Frage nach der beruflichen Zukunft beschäftigt Alexandra Biroova im Moment das Spiel gegen Tyresö. „Ich gehöre zu den Menschen, die an Wunder glauben“, sagt sie. „Wir haben auf so eine Chance lange gewartet, und jetzt ist sie da.“ Ihre Kollegin Lucia Harsanyova ergänzt: „So oder so, das sind die Spiele, für die wir Fußball spielen.“ Und die 26-jährige Stürmerin Nina Burger gibt im neunten Jahr ihrer Vereinszugehörigkeit eine unmissverständliche Devise aus: „Wer nicht gewinnen will, braucht gar nicht erst kommen!“