Die NV Arena, Heimstätte des Zweitligisten SKN St. Pölten, ist ausverkauft. 8.000 Zuschauer finden im Stadion in der niederösterreichischen Landeshauptstadt Platz. Heute wird hier Europa-League-Qualifikation gespielt, der PSV Eindhoven ist zu Gast. Phillip Cocu und seine WM-Stars Memphis Depay und Georginio Wijnaldum geben sich die Ehre. Die 70 Mitglieder der „Wolfbrigade“ haben die gesamte Kurve mobilisiert. Zettel für die Choreografie werden ausgelegt, Fahnen bereitgestellt, es herrscht geschäftiges Treiben auf den Rängen. Als die Mannschaften einlaufen, ist die Tribüne in die roten, gelben und blauen Vereinsfarben getaucht. 90 Minuten lang peitscht der Fansektor das Team lautstark nach vorne. Am Ende liefert St. Pölten einen großen Kampf gegen den übermächtigen Gegner.
Fanklub mit Monopol
„Wenn mir irgendwer vorher gesagt hätte, wir verlieren 0:1 und 2:3, hätte ich gesagt, okay passt, das nehme ich ungeschaut“, sagt Gregor Unfried, Obmann der „Wolfbrigade“. Beim Gespräch mit dem ballesterer in Wien am Ufer des Donaukanals ist er auch zwei Tage nach dem Rückspiel gegen Eindhoven noch heiser. Stolz schwingt in seiner Stimme mit, während er vom Spiel berichtet. „Das hätte niemand erwartet, dass wir irgendwann einmal irgendwo irgendwas international spielen.“
Die „Wolfbrigade“ hat einen weiten Weg hinter sich. Angefangen hat alles 2004 in der Regionalliga Ost. Die Initialzündung kam bei einem Heimspiel gegen die Vienna durch sieben Leute, die beschlossen, sich künftig unter ein gemeinsames Banner zu stellen. St. Pölten unterstützen, auswärts und daheim – darum ging es damals wie heute. Der SKN ist in der niederösterreichischen Landeshauptstadt immer noch ein klassischer Zweitklub hinter einem der Wiener Vereine. Unfried ist 2005 zur „Wolfbrigade“ gekommen, zu einer Zeit, die von Derbys gegen den Kremser SC geprägt war. Die Tradition des SKN St. Pölten mit seinen Vorgängerklubs und diversen Namenswechseln spielt für den Fanklub jedoch keine allzu große Rolle, sagt er. Zwar seien viele im Fanklub schon seit VSE-Zeiten, als der Verein bis Mitte der 1990er in der Bundesliga spielte, Anhänger, aber das sei mittlerweile Legende. „Wir denken gern an diese Zeiten zurück, aber das hat nicht wirklich großen Einfluss auf unsere jetzigen Sachen“, sagt Unfried.
Seit dem Aufstieg des Vereins in die Erste Liga 2008 hat sich auch der Fanklub professionalisiert. Arbeitsbereiche sind innerhalb der „Wolfbrigade“ klar verteilt. Für die Choreografie gegen Eindhoven zeichnen fünf Mitglieder verantwortlich, für Auswärtsfahrten hat man einen erfahrenen Busfahrer in den eigenen Reihen. Als einziger Fanklub in St. Pölten hat die „Wolfbrigade“ eine Monopolstellung. „Sicher wollen wir Präsenz zeigen und der dominanteste Fanklub in St. Pölten sein, würden aber nie gegen einen neuen Fanklub arbeiten“, sagt Unfried. Auch wenn der Support für die Mannschaft manchmal so aussehen mag – eine Ultragruppe ist die „Wolfbrigade“ nicht. „Wir würden uns sicher nicht so labeln, aber ich habe kein Problem damit, wenn uns jemand so nennt.“
Freunde und Feinde
Probleme, von denen Ultras ein Lied singen können, sind jedoch auch der „Wolfbrigade“ vertraut. „Sobald du dich als organisierte Fangruppe zeigst, wirst du als Bedrohung wahrgenommen. Als Einzelperson kannst du in den Horn-Sektor gehen, das würde keiner merken“, sagt Unfried. „Kommen wir mit dem Bus, auch wenn wir nur mit zehn Leute anreisen, kommst du sofort in diesen Käfig rein.“ Gute Beziehungen unterhält der Fanklub hingegen mit den Fans der Vienna und des Wiener Sportklubs, wie gemeinsam gestaltete Banner zu den FARE-Aktionswochen 2013 oder Soli-Spruchbänder in den Kurven für die antirassistischen „Ultras Braunschweig“ bezeugen. Auf die Frage nach der Rolle der Politik im Stadion sagt Unfried: „Ein gewisses antidiskriminierendes Grundverständnis ist keine Politik, sondern sollte eigentlich in jedem Menschen vorhanden sein. Nicht die Leute, die gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus sind, bringen Politik ins Stadion, sondern die, die homophob, sexistisch und rassistisch sind.“
Vorurteile abzubauen ist der „Wolfbrigade“ auch in anderer Hinsicht ein Anliegen: Im Frühjahr 2014 entwickelte der Fanklub mit Unterstützung der Antidiskriminierungsinitiative FairPlay ein Bildungsprojekt und lud eine Schulklasse zu einem Workshop ein, um Stadion und Fankultur vorzustellen. „Uns war es wichtig, das hirnrissige Bild des aggressiven Fußballfans aufzubrechen“, sagt Unfried. „Wir wollten ein anderes Bild von Fans vermitteln und zeigen, dass mit Fußball gesellschaftliche Werte transportiert werden können.“ Zum Abschluss fertigte die „Wolfbrigade“ mit den Schülern und Schülerinnen eine Choreografie an, die im Oktober im Heimspiel gegen den FAC zum Einsatz kommen soll.
Dann werden die Europacupspiele des Sommers gegen Botew Plowdiw aus Bulgarien und Eindhoven nur noch Erinnerung sein. „Es war eine Art Märchen. Einfach unvorstellbar, wie das alles abgelaufen ist“, sagt Unfried. Für das Auswärtsspiel in Eindhoven hat die „Wolfbrigade“ eine Busfahrt in die Niederlande angeboten. 24 Stunden Reisedauer, aber wie oft wird die Gelegenheit wiederkehren? – „Auswärtsfahrt zu PSV, das muss drin sein“, sagt Unfried. Für St. Pölten war das Rückspiel das vorerst letzte Match auf internationaler Ebene für einige Zeit. Das weiß auch Unfried. Nun heißt es wieder Ligaalltag, die mittelfristigen Ziele der „Wolfbrigade“ für ihren Klub sind jedoch ambitioniert. „Ich hoffe, dass wir aufsteigen, uns im Bundesliga-Mittelfeld etablieren können und dadurch eine echte Fußballkultur entstehen kann. Die Leute sollen sagen, dass St. Pölten ihr Erstklub ist.“