Antalya, 4. Juni 2017. Im Play-off-Finale der zweiten türkischen Liga trifft Eskisehirspor auf Göztepe aus Izmir. Bei Göztepe ist die Euphorie nach 14 Jahren Erstligaabstinenz inklusive Abstieg in die Fünftklassigkeit groß, doch auch Eskisehirspor hat eine große Fangemeinde. Für den Verband und die Sicherheitsbehörden, die in den letzten Jahren auf stärkere Kontrolle und härtere Gesetze gesetzt haben, wird dieses Spiel zur Bewährungsprobe – und endet im Desaster. Trotz 1.600 eingesetzter Polizeikräfte verschaffen sich zahlreiche Anhänger ohne den Fanausweis Passolig Zutritt zum Stadion. Das Spiel, das live im Fernsehen zu sehen ist, wird mehrfach wegen Pyrotechnikeinsätzen auf beiden Seiten minutenlang unterbrochen. Göztepe steht am Ende als Aufsteiger fest. Knapp zwei Monate später werden 72 Fans, vor allem aus Izmir, festgenommen.
Gefängniszelle statt VIP-Loge
Mitte Oktober öffnet der 24-jährige Sabri Melek, einer der Angeklagten, lächelnd die Tür seiner Wohnung im Izmirer Stadtteil Bahcelievler und bittet herein. Während seine Frau Nesli Tee zu den mitgebrachten Baklava serviert, präsentiert er seine Göztepe-Devotionalien und die selbstgemalte „Against Modern Football“-Fahne. Das junge Paar ist seit sechs Wochen verheiratet und darüber überglücklich, denn beinahe wäre die Hochzeit geplatzt.
Am 18. August, um fünf Uhr morgens – Melek wohnt damals noch bei seiner Mutter – wird die Familie von zwei Polizeibeamten aus den Betten geklingelt. Sie durchsuchen die Wohnung nach Pyrotechnikartikeln und werden fündig. „Ich habe ein paar Silvesterraketen zu Hause gehabt, schießlich war ja eine Woche später unsere Hochzeit“, sagt Melek. „Dann haben sie mich zur Polizeistation gebracht. Auf dem Weg haben sie mir erklärt, dass wegen des Eskisehir-Spiels gegen mich ermittelt wird und ich sieben Tage in Gewahrsam kommen würde.“ Weshalb der Staat mit dieser Härte gegen zündelnde Fußballfans durchgreift, ist für Melek offensichtlich. „So etwas wie am 4. Juni hat man in der Türkei lange nicht mehr erlebt“, sagt er. „Das ist ein Warnschuss für alle Nachahmer, dass sie uns für Pyro tagelang einsperren können.“
In der Polizeistation warten bereits andere Inhaftierte. „Ich habe mich gewundert, welche Leute sie verhaftet haben. Es war einer dabei, der zum ersten Mal im Stadion war und einen Bengalen gezündet hat“, sagt Melek und verschluckt sich vor Lachen an seinem Tee. „Und ein Unternehmer, der die Spiele üblicherweise in der VIP-Loge neben unserem Präsidenten verfolgt.“ Mit Kabelbindern an den Händen werden die Beschuldigten in den Verhörraum geführt und befragt. Die Polizisten wollen wissen, wer am 4. Juni für den Pyroschmuggel und die Verteilung verantwortlich war. Immer wieder fragen sie nach bestimmten Personen und Gruppen der Fanszene: „Hattet ihr das Zeug von Oktay Yumruk, einem der Capos? Waren es die Jungs aus Tepecik? Oder vielleicht die Terroristen von ‚Viva Göztepe‘?“
Lasst mich raus, ich heirate!
Dass die Fans von Göztepe im Fokus der Polizei stehen, kommt nicht überraschend. Die Küstenstadt Izmir ist eine Hochburg der Laizisten, die Anhänger des Vereins gelten als regierungskritisch. Anders etwa als diejenigen aus Konya, wo die AKP von Präsident Recep Erdogan großen Rückhalt hat. Für Melek ist das der Grund dafür, dass die Klubs unterschiedlich behandelt werden. „Die Strafen für Konyaspor wegen Fanverfehlungen werden ständig reduziert, Göztepe bekommt für jeden Furz vier Geisterspiele“, sagt er. „Erst vor ein paar Wochen haben Konya-Fans den Platz gestürmt und einen Besiktas-Spieler mit einem Messer beworfen. Die werden nicht eingesperrt, weil die Leute in Konya nicht auf der vermeintlich falschen Seite stehen.“
Nach dem Verhör werden die Fans ins Gefängnis nach Antalya überstellt. Dort angekommen wird Melek allmählich klar, dass seine Hochzeit ernsthaft in Gefahr ist. Auf der Fahrt von Izmir nach Antaya kommt ihm immerhin der Zufall zu Hilfe. Der Polizist, der seine beschlagnahmten Sachen bewacht, schläft ein, so kann er unbemerkt sein Handy zurückstibitzen. „Ich habe das tun müssen. Wenn ich so kurz vor der Hochzeit nicht mit meiner Frau und meiner Mutter sprechen hätte können, wäre ich durchgedreht“, sagt er. „Vier Tage habe ich mein Handy benutzt, ohne dass es jemand gemerkt hat. Dann habe ich mit Oktay telefoniert, aber sein Telefon ist abgehört worden. Die Polizisten haben unsere Zelle gestürmt, mich geohrfeigt und angeschrien, sie wüssten, dass ich mit Oktay Yumruk telefoniert habe.“ Damit ist Melek sein Handy wieder los. „Die Zeit danach war unerträglich“, sagt er. „Ich bin in der Zelle auf- und abgegangen und habe gerufen: ‚Ich heirate, wir fahren nächste Woche in die Flitterwochen, lasst mich hier raus!‘“
Am Tag der Hochzeit darf Sabri Melek sich schließlich mit dem von Göztepe gestellten Anwalt besprechen. Er wird dem für Terrorverfahren zuständigen Gericht überstellt. Aus der Festnahme wegen Pyrotechnikvergehen wird für ihn und 45 weitere Verhaftete eine Anklage wegen Anstiftung zum Aufruhr und der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die übrigen 26 sind wegen Sachbeschädigung angeklagt. Melek erhält zwar keine Haftverlängerung, muss sich aber zweimal wöchentlich – auch während der Göztepe-Spiele – melden und darf nicht ausreisen. Die bereits gebuchten Flitterwochen in Mexiko sind damit passé. „Das Wichtigste ist, dass ich hier bin, das Geld ist doch egal“, sagt Melek. „Wenigstens habe ich es noch zu meiner Hochzeit geschafft.“ Meleks Bruder holt ihn ab, es geht im Höchsttempo zurück nach Izmir. „Ich hatte nicht mal Zeit, mich zu rasieren“, sagt Melek. „Ich habe mich einfach schnell in Schale geworfen und bin direkt zur Hochzeit gefahren. Dort habe ich Nesli gesehen – wie sie alleine unter den Gästen tanzt. Ich bin ihr wie gelähmt vor Glück in die Arme gefallen.“
Die Namen der Protagonisten wurden von der Redaktion geändert.