„Idiotische Krawallfans attackieren Polizei!“, titelte die Online-Ausgabe der Kronen Zeitung am Tag nach dem Wiener Derby zwischen der Austria und Rapid am 22. Oktober. Die Kollegen der lokalen Presse stießen in ein ähnliches Horn: „Die Polizei setzte mehrfach Pfefferspray ein, um Übergriffe auf Beamte zu unterbinden“, konnte man im Kurier über die Geschehnisse lesen. Die knappe Sachverhaltsdarstellung fußte auf einer Presseaussendung der Landespolizeidirektion Wien – und sie deckt sich kaum mit den Erzählungen der vor Ort anwesenden Fans.
Wahllos in die Menge
Anhand ihrer Aussagen lässt sich ein ungefährer Ablauf der Ereignisse skizzieren, die schließlich auf dem kaum beleuchteten Stadionparkplatz ihren Höhepunkt erreichten. So befand sich etwa Manuela D. in einer Gruppe von elf Leuten, die das Stadion einige Zeit nach Schlusspfiff verließ. Auf dem Vorplatz hatte sich eine größere Menge an Rapid-Fans gebildet, da rund um die Auswärtssektoren Gitter aufgebaut waren. „Plötzlich ist ein Polizeiwagen wie aus dem Nichts gekommen und in die Menschen um uns regelrecht hineingefahren“, sagt Manuela D. Sie erinnert sich an ein wildes Gedränge vor den Absperrgittern, durch die sie mit etwas Glück hindurchschlüpfte.
Ihre Freundin Susanne K. war von der Gruppe getrennt worden, als ihr ein junger Mann auffiel, der neben ihr auf die Knie sank. Während sie ihm aufhalf, traf sie der Pfefferspray der Polizei am Rücken. Auch Susanne K. gelangte schließlich durch die Gitter in Sicherheit vor den Einsatzkräften. Beide Frauen sprechen davon, dass dutzende Polizisten in voller Montur gegen die eingesperrten Fans vorgegangen seien, mit Schlagstöcken und Pfefferspray. Und beide erwähnen im Gespräch, dass sie keinen Anlass für diese Maßnahmen ausmachen könnten. „Es war den Polizisten scheißegal, wen es getroffen hat“, sagt Susanne K. „Die haben wahllos in die Menge gesprüht.“
Laut mehreren Aussagen anwesender Fans befand sich zum fraglichen Zeitpunkt, etwa 30 Minuten nach Spielende, keine der organisierten Gruppen des „Block West“ auf dem Stadionvorgelände, denen diese Aktion gelten hätte können. Stattdessen waren es zahlreiche Familien, die vor den Polizisten flüchten mussten. Doch der Einsatz hatte noch nicht sein Ende gefunden.
Parkplatzprobleme
Eine der Ursachen für die Amtshandlungen dürfte darin bestanden haben, dass Einsatzfahrzeuge – wie auch von Manuel D. erwähnt – durch die Menge fuhren, die Rede ist auch von angefahrenen Spielbesuchern. Als daraufhin einzelne Fans protestiert und auf die Autos geschlagen hätten, seien die Auseinandersetzungen losgegangen. Die Polizei rückte schließlich auf den hinter dem Stadion gelegenen Parkplatz vor, um dort abermals massiv Pfefferspray einzusetzen. Die drastischste Schilderung der folgenden Geschehnisse stammt von Monika B., die mit ihren Kindern im Alter von acht und zehn Jahren das Spiel besuchte. Ihr Bericht hat mit der Darstellung der Wiener Polizei wenig bis nichts gemein. Die Übergriffe, denen sie und ihre Familie ausgesetzt waren, haben sie dazu gebracht, eine Beschwerde an die Landespolizeidirektion zu übermitteln.
Nach dem Spiel ging Monika B. mit ihren Kindern zum Parkplatz und reihte sich in eine lange Schlange am Kassenautomaten ein. An die neben dem Parkplatz montierten Absperrgitter traten Polizisten, die mit Pfefferspray auf jene einsprühten, die sich durch die Gitter gezwängt hatten. So erwischte das Reizgas auch die Wartenden beim Automaten. „Ich bin aus der Schlange getreten und hab mit einigen anderen Leuten gerufen: ‚Da sind Kinder!’ Wütend hat uns ein Polizist geantwortet: ‚Dann bringt’s die Kinder weg!‘“, sagt Monika B. Ihren zehnjährigen Sohn hatte es bereits erwischt, auch ihrem anderen Sohn und dessen Freund tränten die Augen. Dennoch unterließen die Polizisten laut Aussage der Frau jegliche Hilfeleistung. Monika B. musste selbst die Rettung rufen, die Sanitäter kümmerten sich etwa eine Stunde lang um die Familie.
Während die Familie B. versorgt wurde, betraten die Einsatzkräfte nun den Parkplatz. Vor dem Bus des Fanklubs „Grüne Szene Weinviertel“ warteten die Insassen auf die Abfahrt, als etliche Polizisten auf sie zuliefen und ihnen ebenfalls Pfefferspray ins Gesicht sprühten. Wie die Betroffenen angeben, traf die Attacke auch ihren Fahrer, ebenso gelangte das Gas ins Businnere. Erst nach langwierigen Verhandlungen erklärte sich einer der Polizisten bereit, seine Dienstnummer preiszugeben.
Steine, Fackeln und Videos
Offen bleibt die Frage nach den Gründen für das Vorgehen der Polizei, das für viele Fans im wahrsten Sinne des Wortes einen bitteren Nachgeschmack trug. Konfrontiert mit den Aussagen der Fans erklärte Polizeisprecher Patrick Maierhofer auf Anfrage des ballesterer, dass der Auslöser für die Gewaltanwendung Attacken auf Polizeibeamte gewesen seien, und sprach von Angriffen mit Steinen und bengalischen Fackeln. Ob tatsächlich ein Polizeibus Fans angefahren habe, beziehungsweise wie es um den Pfeffersprayeinsatz beim Kassenautomaten stünde, dazu würden die Videoaufnahmen erst ausgewertet. Maßnahmen gegen einzelne Beamte seien nicht ausgeschlossen, sagt Maierhofer. Angesprochen darauf, ob der Gebrauch von Pfefferspray nicht im Vorhinein angekündigt werden müsse, meint Maierhofer, dass diese Vorschrift für die Polizisten bei einer Abwehr- und Notsituation nicht mehr gelte.
Bei der Rechtshilfe Rapid, einem Verein, der sich bei derartigen Vorfällen um Unterstützung betroffener Fans kümmert, haben sich bislang um die 20 Zeugen gemeldet. Einige von ihnen wollen Anzeigen und Maßnahmenbeschwerden gegen die Beamten einbringen.
Die Namen der Augenzeuginnen wurden von der Redaktion geändert.