Kurz nach dem Abpfiff des WM-Finales 2010 kam Bewegung in den sonst eher ruhigen Ort: „Alle strömten auf den Hauptplatz, um zu feiern. An diesem Tag fühlten wir ganz deutlich, dass wir ein bedeutendes Dorf sind.“ Daran hat der pensionierte Historiker Rafael Cortes, der dem Sender BBC Mundo diesen feierlichen Moment schilderte, einen gehörigen Anteil. Er hat den Verein „Cuna del Futbol Espanol“, Wiege des spanischen Fußballs, gegründet und ist Co-Autor eines gleichnamigen Buchs. Nicht zuletzt dank seiner beharrlichen Arbeit steht nun vor dem örtlichen Stadion eine Statue, die auf den Ehrentitel der Stadt hinweist. Zudem gibt es eine eigene „Cuna del Futbol Espanol“-Hymne und Veranstaltungen mit prominenten aktuellen und ehemaligen Fußballern.
Dabei hat das heute so unscheinbare Minas de Riotinto auch für historisch interessierte Besucher ohne Fußballaffinität schon einiges zu bieten. Seit der Bronzezeit wird in der Gegend Kupfer, Gold und Silber abgebaut, von den Phöniziern über die Römer bis hin zum spanischen Staat. Dann kamen die Engländer. Und mit ihnen der Fußball.
Von der Hasenjagd zum Fußball
1873 erwarb die eigens gegründete Rio Tinto Company die Schürfrechte. Und noch einiges dazu, wie Cortes anmerkt: „Man hat das ganze Dorf verkauft. Nicht nur die Minen, sondern auch den ganzen Grund, die Straßen, die Häuser, den Dorfplatz.“ Die Bilanz des englischen Gastspiels fällt zwiespältig aus. Die Minen und die spanischen Arbeiter wurden gnadenlos ausgebeutet, die Umweltverschmutzung war selbst für damalige Verhältnisse skandalös. Jeglicher Protest wurde mit brutaler Waffengewalt erstickt. Es wurde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft errichtet, mit einem eigenen Viertel für die britischen Beschäftigten, das durch eine Mauer vom Rest des Ortes getrennt war. Neben Arbeitsplätzen brachten die neuen Bewohner aber auch Kultur und Infrastruktur in die abgeschiedene Region.
An Sonntagen widmeten sie sich ihren liebsten Sportarten. Neben Golf, Cricket, Polo und Golf stand auch der Fußball am Programm. Die Spanier, die ihre Freizeit bis dato mit Kartenspielen und der Hasenjagd verbrachten, waren zunächst skeptisch. Anfangs durften sie sich lediglich als Balljungen einbringen, und auch der 1878 gegründete Rio Tinto Football Club war ein rein englischer Verein. Mit der Zeit jedoch mischten sich die Gäste in den Bars unter die Einheimischen und brachten ihnen die Regeln des Spiels nahe. So manche ausrangierte Fußballstiefel wurden verschenkt, notdürftig repariert und von örtlichen Kickern weiterverwendet. Nachweislich haben sich die Spanier ab 1890 an den Spielen beteiligt. Ob sich das fast körperlose, technisch versierte Tiki-Taka bereits damals entwickelte, weil die angestammten Bewohner kleiner und schmächtiger als ihre Gegner waren, darf bezweifelt werden. Im Überschwang der jüngsten Titelgewinne ist diese These im Dorf dennoch erörtert worden.
Die Mine florierte, und mit ihr wuchs Minas de Riotinto von einem 2.000-Seelen-Dorf zu einem Städtchen mit 12.000 Einwohnern. 1917 soll es 26 Fußballmannschaften im Ort gegeben haben, die eine lokale Meisterschaft ausspielten. Von dieser Blütezeit ist heute nicht mehr viel zu sehen. 1954 verkauften die Engländer die Mine an den spanischen Staat und verließen Andalusien. Nach dem allmählichen Niedergang des Bergbaus ist die Einwohnerzahl auf 4.000 geschrumpft. Durch die Mondlandschaft der ehemaligen Minen kann man heute mit einem wildromantischen Touristenzug zuckeln. Von den einst 26 Mannschaften ist nur Riotinto Balompie übrig geblieben. Der ganze Stolz des Orts sind Jose Carlos Fernandez und Fidel Chaves de la Torre, die mit Aufsteiger Cordoba in der Primera Division spielen.
Wackelige Wiege
Bei aller Fußballhistorie in Minas de Riotinto: Offiziell ist der 1889 gegründete heutige Zweitligist Recreativo Huelva aus der andalusischen Provinzhauptstadt der älteste eingetragene Fußballklub Spaniens, denn die Engländer hatte ihren Verein damals nicht angemeldet. Auch in Huelva waren jedoch Beschäftigte der Rio Tinto Company, die vom dortigen Hafen aus eine Eisenbahn zu den Minen bauten, an der Vereinsgründung beteiligt. Als Wiege des spanischen Fußballs will Historiker Cortes Minas de Riotinto dennoch sehen, weil hier die ersten Partien auf spanischem Grund ausgetragen worden sind.
Allerdings sind nun Zweifel an der Haltbarkeit dieser Behauptung aufgetaucht: Ein galizischer Lokalhistoriker hat im Archiv des Faro de Vigo, der ältesten Zeitung Spaniens, gekramt und angeblich Beweise gefunden, dass ein Exiles FC schon 1876 regelmäßig in Vigo gekickt haben soll. Wo die Wiege des spanischen Fußballs wirklich hingehört, lässt sich also noch nicht abschließend beantworten. Sicher ist nur: Den Fußball haben die Engländer nach Spanien gebracht, und er hat sich prächtig entwickelt.