Eskerrik asko! Agur! Das hätte man sich von Jokin Aperribay zumindest erwartet: Danke und ciao. Doch der Präsident von Real Sociedad wollte seinem Spieler Inigo Martinez zum Abschied keine Rosen streuen, als er Anfang Februar vor die Presse trat. Auch die Tatsache, dass Athletic Bilbao die festgesetzte Ablösesumme von 32 Millionen für den 26-jährigen Martinez bezahlt hatte, konnte den in der Panzer- und Geschütz-industrie tätigen Aperribay nicht besänftigen. Weder wünschte er dem Ex-Abwehrchef alles Gute für die Zukunft, noch dankte er ihm für die gemeinsamen Jahre. Stattdessen wurde die Kampagne „Ya es historia“ – „Es ist bereits Geschichte“ präsentiert. Trikots von Martinez konnten gratis gegen die eines anderen Spielers umgetauscht werden. Die Maßnahme sollte nicht zuletzt dazu dienen, den neuen Leiberlsponsor medial zu platzieren. Um seinen ungebrochenen Kampfeswillen zu bezeugen und die Fangemeinde zu motivieren, griff Aperribay zu einem für Nicht-Spanier und Vegetarier nur schwer verständlichen Sprichwort: „Es ist die Stunde gekommen, das ganze Fleisch auf den Grill zu werfen. Damit die, die hier sind, das Trikot mit Stolz tragen!“
Zerschlagene Träume
Tatsächlich kam Martinez’ Wechsel für Real Sociedad zu einem unangenehmen Zeitpunkt: zwei Tage vor Transferschluss, mit gerade sechs Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. In der Vergangenheit hat der Klub bereits den Abgang von Spielern wie Xabi Alonso und Antoine Griezmann verdauen müssen. Doch der Wechsel von Martinez zu Athletic Bilbao ist eine andere Geschichte. Er spielte seit seinem 13. Lebensjahr bei Sociedad, wurde 2011 quasi auf Anhieb Stammspieler in der Innenverteidigung. Durch seine physische Präsenz und das trotz junger Jahre ruhige Auftreten zog er bald Interesse an. Viel Interesse. Fast alle aktuellen Viertelfinalteilnehmer der Champions League wurden in der Vergangenheit gerüchteweise als zukünftige Arbeitgeber ins Spiel gebracht, nur Sevilla schien immer zu arm zu sein, um mitbieten zu können. Doch aus den Wechseln in die ganz große Fußballwelt wurde nie etwas.
Martinez spielte Saison um Saison bei Real Sociedad und schickte sich an, Kapitän und Vereinslegende zu werden. Und nun das. Sportlich ist der Transfer eher ein Um- als ein Aufstieg. Den Schritt in die Welt der Champions League hat hingegen Martinez’ Vorgänger bei Bilbao gemacht, Aymeric Laporte. Der baskische Franzose wechselte um kolportierte 65 Millionen Euro zu Manchester City. Genug Geld, um Ersatz zu finden, aber eben nicht irgendeinen. Athletic Bilbao spielt traditionell nur mit Basken. Damit war alles vorbereitet für ein klassisches Verräterszenario. Erschwerend kommt hinzu, dass Martinez 2014 bei einer Pressekonferenz seine Loyalität zu Sociedad beschworen und einen Transfer zu Bilbao ausgeschlossen hatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Athletic kommt und dem Feind 30 Millionen gibt“, zitierte ihn etwa die Tageszeitung ABC. „Es ist eine Frage des Stils. Ich würde niemals auf die andere Seite wechseln. Nie!“
Verrat oder Rückkehr
Jeder der drei Kernprovinzen des Baskenlands scheint eine spezielle Rolle zugeteilt: Alava mit der politischen Hauptstadt Vitoria, Guipuzcoa mit dem touristisch und kulturell attraktiven San Sebastian, Vizcaya mit dem Wirtschaftsmotor Bilbao. Je nach Provinz hält man zu Alaves, Real Sociedad oder Athletic. Aus der Vizcaya kommt auch Martinez. Er war seit Kindheit Athletic-Fan, wurde jedoch von der Nachwuchsakademie Lezama abgelehnt. Ob man seinen Wechsel nun als Rückkehr zum Lieblingsverein, Verrat am Ausbildungsverein oder Wechsel in Torschlusspanik werten will – ihm steht ein schwerer Gang bevor. Das hat die Geschichte gezeigt.
Denn Martinez ist nicht der erste Spieler, der die Seiten wechselt. Die Presse hat für dieses Phänomen sogar einen eigenen Ausdruck geprägt: die AP-8 kreuzen. Diese Autobahn verbindet die Städte Bilbao und San Sebastian. Real Sociedad hat sich in den 1980er Jahren vom baskischen „Reinheitsgebot“ verabschiedet. Bilbao brauchte hingegen dringend Basken und hat sich wiederholt beim blau-weißen Nachwuchs bedient. Ein drastisches Beispiel ist der Fall Joseba Etxeberria. Er war die Perle der Real-Sociedad-Akademie Zubieta, brillierte in Nachwuchsteams national und international. Nach lediglich sieben Spielen für die Kampfmannschaft von Real Sociedad wechselte er 1995 zu Athletic Bilbao und wurde dort mit 514 Ligaspielen zur Klublegende. Bei seinem ersten Spiel im Anoeta-Stadion in San Sebastian wurde er beschimpft, bespuckt und mit Wasserflaschen beworfen. Nach einer heftigen Strafe flogen in der Folge zwar keine Flaschen mehr, das war es dann aber schon mit den Freundlichkeiten.
Angebot und Nachfrage
Ende April steht nun das nächste Derby im Anoeta an. Um herauszufinden, ob auch Inigo Martinez bei diesem Spiel und womöglich für den Rest seiner Karriere mit einem feindlichen Empfang in San Sebastian rechnen muss, begibt sich der ballesterer in das Fanforum „Aupa Athletic“ und bittet um eine Einschätzung. Neben Verdächtigungen, ein Spion aus San Sebastian zu sein, gibt es auch ernstgemeinte Antworten: „Das mit den Flaschen war extrem. Damals hat Etxeberria mit einem Doppelpack ein 0:2 aufgeholt. Aber es stimmt schon, die Fans von Real Sociedad sind nachtragend. Auf Inigo werden sie keine Flaschen werfen, denn die Gesetze sind heute um einiges schärfer. Aber sie werden ihm nie verzeihen. Und wenn er sich zur Ruhe setzt, und die Jahre ziehen ins Land, auch dann werden sie ihn noch hassen.“ Ist das die Jahresgage von kolportierten fünf Millionen wert? Wieso tut er sich das an?
Immerhin über die Motive des Verkaufs findet sich eine Antwort. Bei der Pressekonferenz kam Sociedad-Präsident Aperribay schließlich doch nicht umhin, einige Worte über Martinez zu verlieren: „Kein Verein hat so viel Geld für Inigo zahlen wollen. Barcelona nicht, Inter ebenso wenig. Athletic sind die ersten.“