Rund 300 Fans sind zur Premiere des Films „Immer wieder geht die Sonne auf“ in die Linzer Tabakfabrik gekommen. Sie zünden Bengalen und besingen ihre Helden der letzten 20 Jahre, allen voran den Langzeitpräsidenten Hermann „Commandante“ Schellmann und die früheren Spieler Samir Hasanovic und Valentine Duru. Nur einer wird ausgepfiffen: der fantechnisch blau-weiße, aber politisch blaue Vizebürgermeister Detlef Wimmer. Sportlich gab es für die Fans des Zweitligisten zuletzt wenig zu feiern. Umso besser schmeckt das Bier an diesem Abend, die Party in der Tschickbude klingt mit „DJ Dan“ von den Hiphop-Haudegen „Texta“ und dem punk- und skalastigen „BlauCrowd“-DJ-Team erst weit nach Mitternacht aus.
Fusion versus feindliche Übernahme
Tschickbude nennt der oberösterreichische Volksmund die ehemalige Linzer Tabakfabrik, den heutigen Vereinssitz des FC Blau-Weiß Linz. Die Arbeiter gingen jahrzehntelang dorthin aber nicht nur in die Schicht, sondern auch auf den Sportplatz des SV Austria Tabak. Doch Anfang der 1990er Jahre endete die Ära der Linzer Werksvereine. Die Vereinigten Österreichischen Stahlwerke waren im Zentrum der Krise der verstaatlichten Industrie gestanden und ließen den Bundesligisten SK VÖEST Linz fallen. Der Verein suchte unter wechselnden Namen nach einer Identität und neuen Geldgebern. Als FC Linz ging er 1997 im Lokalrivalen LASK auf. Die Verantwortlichen versuchten das Manöver als Fusion zu verkaufen, obwohl im Namen und in den Vereinsfarben nichts mehr an den Arbeiterklub erinnerte.
Architekt des vermeintlichen neuen Großvereins LASK Linz war der FC-Linz-Funktionär Franz Grad. Für den Film „Immer wieder geht die Sonne auf“ hat Regisseur Dominik Thaller Archivaufnahmen mit Grads skurrilen Argumenten für die Eingliederung der Blau-Weißen in den LASK ausgegraben. „Der LASK hat die größere Tradition. Das ist bewiesen – mit 51 Prozent“, sagte Grad nach der Liquidation des FC Linz und schloss daraus: „Das ist der Markenname.“ Zugleich beteuerte er, dass es sich um eine Fusion handle. Die Fans sehen die Aktion hingegen bis heute als feindliche Übernahme ihres Vereins. Walter Friedel vom Fanklub „Blau Weiß Chaoten on Tour“ erinnert sich in der Dokumentation an ein absurdes Detail des Versuchs, die blau-weißen Fans vom LASK zu überzeugen: „Das Einzige, was vom SKV übriggeblieben ist, war der blaue Punkt am ‚i‘.“
Wie das Ende des FC Linz nimmt auch die Gründung des FC Blau-Weiß als legitimer Nachfolgeverein breiten Raum im Film ein. Die triste Situation des Werksklubs Austria Tabak kam einer Gruppe Fans, die sich mit dem LASK nicht anfreunden konnten, zu Hilfe. Sie gewannen Spediteur Hermann Schellmann, der schon als Kind beim SK VÖEST auf der Tribüne stand, als Investor und Präsidenten des neuen Klubs.
Im Donaupark
„Austria Tabak ist ohne Sponsor, ohne Geld, ohne Zuschauer dagestanden, aber sie hatten eine Mannschaft und einen Sportplatz“, sagt Schellmann im Film. „Wir haben Zuschauer gehabt, viele Ideen und einen Elan.“ Der FC Blau-Weiß Linz benannte den Tabak-Sportplatz in Donauparkstadion um. Dessen 2.000 Plätze waren meist gut gefüllt, mangels Bundesliga-Tauglichkeit muss der nunmehrige Zweitligist seine Heimspiele heute jedoch im öden Betonoval auf der Gugl austragen. Den mühsamen Weg des Vereins aus der viertklassigen Landesliga in die unteren Regionen des Profifußballs verkörpert auch im Film der ehemalige Kapitän Samir Hasanovic wie kein anderer. Andreas Kump, Blau-Weiß-Aktivist der ersten Stunde und ehemaliger Sänger der Indiepopband „Shy“, erinnert sich an einen Cupspieltag. Die Amateurkicker sollten am Abend die Profis vom Kapfenberger SV aus dem Bewerb werfen. Hasanovic fuhr in seiner Arbeitskleidung an Kump vorbei, der noch 15 Jahre später ins Schwärmen gerät: „Das ist so unglaublich Blau-Weiß – der Typ, der bis in den Nachmittag hinein Fenster putzt, sich dann umzieht und die Profis weghaut. Da war ich unglaublich stolz auf den Samir und auf uns alle.“
Hasanovic selbst nennt das erstmalige Aufeinandertreffen von Blau-Weiß mit dem LASK im Jahr 2002 das schönste und geilste Spiel seiner Karriere. Vor 8.000, überwiegend blau-weißen, Fans gewann der Regionalligist 3:1 gegen den Zweitdivisionär. Und auch dazu liefert Regisseur Thaller einen Beitrag aus dem Archiv. „Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass diese Fusion ein Fehler war, bei diesem Derby wurde er erbracht“, sagt der Kommentator eines lokalen Fernsehsenders angesichts der damaligen jahrelangen Abstinenz der drittgrößten Stadt des Landes in der höchsten Spielklasse.
Danke Franz Grad!
Immerhin hat diese Abstinenz bei Blau-Weiß Freiräume für die Entwicklung einer vielfältigen Fanszene eröffnet, die im Film ausführlich abgebildet wird. Gegen Ende sitzt Kump lächelnd auf der Tribüne des Linzer Stadions und sagt: „Danke, Franz Grad, dass du dich einfach nicht auskennst und uns so den FC Blau Weiß Linz ermöglicht hast.“
Spannungen innerhalb des Blocks und das zwischenzeitliche Auftreten von rechtsextremen Fans führten 2007 zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Tribüne ohne Rassismus“, an der Regisseur Thaller maßgeblich beteiligt war. Die „ARGE TOR“ vermietet Flächen einer Werbebande mit antirassistischer Botschaft vor dem Fanblock weiter, veröffentlicht Sampler mit Musik aus der Fanszene, organisiert Konzerte und fördert mit den Einnahmen den Nachwuchs und Integrationsprojekte.
„Eine Besonderheit des blau-weißen Anhangs ist die Affinität zur alternativen Musikszene“, sagt Regisseur Thaller. „Bands wie ‚Shy‘, ‚Texta‘ und ‚Kommando Elefant‘ sind bekennende Blau-Weiße.“ Diese Besonderheit kommt auch Thallers Film zugute – und der Filmpräsentation und Geburtstagsparty in der Tschickbude. Zwei Wochen nach dem rauschenden Fest mit der filmischen Zuspitzung von 20 Jahren Höhen und Tiefen verlieren sich 917 Fans auf der Gugl. Wacker Innsbruck bugsiert die Blau-Weißen mit einem 2:1-Sieg auf den letzten Tabellenrang der zweiten Liga. So mancher Anhänger dürfte sich mit dem Filmtitel getröstet haben, denn auch im Winter scheint die Sonne zumindest an manchen Tagen.
Filmtipp:
Dominik Thaller
„Immer wieder geht die Sonne auf“
(Zack Prack Productions 2017)