„Anton Polster, du bist leiwand, schiaß an Hattrick, oda zwa“
Das fünfte Element
Hip-Hop ist im deutschsprachigen Raum die umsatzstärkste Musikrichtung. Und Fußball ist der beliebteste Sport“, sagt der Rapper Monobrother. Der Wiener gilt als eines der größten Rap-Talente Österreichs. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Monobrother bekannt, als er im März 2014 die Nominierung für den Amadeus-Award ablehnte und das österreichische Musikgeschäft kritisierte. In Fußballkreisen gelang ihm der Durchbruch schon früher: mit „Ilco #24“, seiner, wie er sie nennt, Ode an die „Kretzn“ Ilco Naumoski, und „Verteilerkreisflavour“, einem Lied von Fans für Fans der Wiener Austria, das er im Duett mit dem Rapper Kreiml aufnahm.
Die beiden Songs sind Teil einer mittlerweile unüberschaubaren Menge an Beiträgen auf YouTube, die rappend und scratchend den Fußball, Vereine, Spieler und Fans feiern. Eine Playlist mit deutschsprachigen Rapnummern umfasst hunderte, mehr oder weniger professionelle Videos von „Ich lieb’ mein Verein“ bis „Südkurve München“, von „Wenn unsere Fackel brennt“ bis „Grün-weiße Krieger“.
Getrennte Welten …
Ende der 1980er Jahre war eine solche Nähe noch nicht abzusehen. In den wenigen Clubs, in denen Hip-Hop gespielt wurde, sammelte sich nur eine Handvoll Auserwählter, die Platten scratchten und Selbstgereimtes performten. Sie taten das streng nach US-amerikanischem Vorbild, weder verbunden mit dem Fußball als althergebrachter Freizeitkultur noch mit der aufkeimenden Jugendbewegung der Ultras in den Stadien.
Bis Mitte der 1990er Jahre waren Sport oder gar Fußball in der Wiener Szene kein Thema, sagt DSL. Der in Wien-Erdberg aufgewachsene DJ, voller Name Stefan Biedermann, voller Künstlername DJ Super Leiwand, wird heute als Hip-Hop-Legende gehandelt. Als Host-DJ der ersten und wichtigsten österreichischen Hip-Hop-Radiosendung „Tribe Vibes“, die bis heute jeden Donnerstag auf fm4 läuft, prägte er ab Anfang der 1990er eine ganze Generation. Daneben bespielte er regelmäßig die „Basic“-Partys im Wiener Lokal Bach, die erste überregional bekannte Hip-Hop-Partyreihe der Stadt. DSL widerspricht dem Einwurf, Fußball und Hip-Hop hätten damals eben auch unterschiedliche soziale Schichten angesprochen. Neben den Mittelschichtskids, die mit Hip-Hop in Verbindung gebracht wurden, fanden sich auch rauere, proletarische Jugendliche ein: „Es waren nicht nur die Braven im Bach, sondern auch arge Typen.“ Gemeinsam mit anderen Pionieren war DSL auch am Album „Austrian Flavors“ beteiligt, der ersten Rundschau von österreichischem Rap auf Vinyl. Die Texte auf der 1992 erschienenen Platte sind alle auf Englisch, deutschsprachige Rhymes galten als absolutes Tabu.
Am anderen Ende der Stadt hielten zu dieser Zeit Transparente und Megafone Einzug in den Stadien. Die Fans hörten damals laut Ritchy von den Droogieboyz alles – nur nicht Hip-Hop. „Die dominanteste Musik in den Kurven waren die Böhsen Onkelz, die wurden am Fußballplatz rauf- und runtergespielt“, sagt er. „Auswärts im Bus war es aber meist doch die Schlagerkassette.“ Ritchy und sein Partner Guilty haben mit Titeln wie „Grüne-weiße Krieger“ den musikalischen Geschmack der Rapid-Fans nachhaltig beeinflusst. Sie stehen heute wie wenige andere im deutschsprachigen Raum für harten Kurvenrap und für Hip-Hop als Kultur der Straße. Für Kreiml – Fan des Stadtrivalen Austria – verkörperten sie das Verschmelzen von Fantum und Straßenrap in bis dahin einzigartiger Weise: „Mit den Droogieboyz hat man dann vermehrt Rap einer Kurve zugeordnet. Davor habe ich das nicht beobachtet.“
… nehmen Kontakt auf
Die Grundlagen der Beziehung zwischen Fußballfans und Hip-Hop wurden mit dem Aufstieg und der Etablierung von Deutsch-Rap ab Mitte der 1990er Jahre gelegt. „Seitdem auf Deutsch gerappt worden ist, haben sich viel mehr Leute aus allen Bevölkerungsschichten angesprochen gefühlt“, sagt DSL. „Weil der Fußballplatz der Ort ist, wo alle Teile der Gesellschaft repräsentiert sind, ist es logisch, dass sich Hip-Hop auch im Fußball manifestiert.“ Mit dem Fußball und seinen Fans näherte sich der Hip-Hop auch der eigenen Lebenswelt. Viele der jüngeren Rapper, die Verbindungen zum Fußball suchen, wie Monobrother, Kreiml und die Droogieboyz, droppen ihre Texte im Dialekt.
Dabei galt Dialektrap in den Anfängen des Hip-Hop als verpönt. Während die Kurve Dialekt sprach, bevorzugten die meisten Rapper bis weit in die 1990er Jahre Hochdeutsch mit starkem Einschlag aus dem Nachbarland. Nachdem sich die Szene ab Mitte der 1990er vom amerikanischen Vorbild entfernte, wurde ab Mitte der 2000er Jahre auch dieses Element im Rap aus Österreich schwächer.
Ballbuben
Die Verknüpfung ihrer musikalischen Ambitionen mit dem Fußball war oft ein Brückenschlag zur eigenen Biografie. Bei den meisten Gesprächspartnern stand der Fußballplatz noch lange vor den ersten zaghaften Auftritten am Mikrofon oder hinter den Plattenspielern. Die Entscheidung fiel früh: „Bist du ein Kind, das in den Park kicken geht oder nicht?“, drückt es Guilty aus. Dabei gab es für manche jedoch frühe Rückschläge, wie Monobrothers Erfahrung von einem Probetraining bei der Austria zeigt: „Man hätte schon mit Trainingsanzug und Fußballschuhen antanzen sollen, und ich bin mit einer Bermuda-Short und Turnpatscherl aufgetaucht. Der Trainer hat mir dann gesagt, dass ich mich über die Häuser hauen soll.“
Der Innsbrucker DJ DBH hingegen hat sogar Vereinsfußball für einen österreichischen Bundesligisten gespielt, wenn auch nur in der Jugendmannschaft. „Im Verein hat damals keiner Hip-Hop gehört“, sagt er. „Es war ganz klassisch: Die, die Hip-Hop gehört haben, haben Basketball gespielt.“ Mittlerweile habe sich das verändert: „Ich bin mir sicher, dass in den Kabinen von Jugendmannschaften heute überall Hip-Hop läuft.“ Gemeinsam mit MC Manuva bildete DBH in den 1990er Jahren eines der erfolgreichsten österreichischen Rapprojekte: Total Chaos. Obwohl sie auf dem Sampler „Austrian Flavors“ noch mit einer englischsprachigen Nummer vertreten waren, gehörten die Tiroler zu den Ersten, die sich der Muttersprache bedienen sollten. Während sie in der Musik ein Traumpaar bildeten, waren DBH und Manuva, wenn es um Sport ging, umso gegensätzlicher ausgerichtet. Manuva verschrieb sich dem Basketball und den Chicago Bulls, DBH dem Fußball und Wacker Innsbruck. Der mit dem fußballaffinen bürgerlichen Namen Holger Hörtnagl ausgestattete DJ spielte nicht nur bis zu seinem 13. Lebensjahr für seinen Klub, sondern war auch Balljunge: „Das ist nur gegangen, wenn man beim Verein gespielt hat. Ich war also vier bis fünf Saisonen bei jedem Heimspiel. Nicht im Publikum, sondern am Feld. Das habe ich echt geliebt.“ Einmal habe er sogar dem großen Hansi Müller den Ball für einen direkt verwandelten Corner im Europacup vorgelegt, sagt DBH.
Neben Total Chaos gilt das Linzer Kollektiv Texta als eine der wichtigsten österreichischen Hip-Hop-Combos. Deren Rapper Huckey, mit bürgerlichem Namen Harald Renner, spielte im Nachwuchs für einen Linzer Kleinstverein: „Ich war bei den Mini-Knaben von ASKÖ Ebelsberg, im Linzer Süden“, sagt er. „Dort hat es einen starken VÖEST-Anhang gegeben. Wir Mini-Knaben sind dann mit dem Mannschaftsbus zu den Spielen gefahren worden.“ Die Liebe zur VÖEST und ihrem Nachfolgeverein Blau-Weiß Linz ist für ihn deshalb bis heute eine natürlich gewachsene Sache. „Mit sieben Jahren wirst du als Kicker eines Schlumpfvereins zu den Spielen geführt – dort hast du dann ein Erlebnis, das dich prägt.“
Unterschiedliche Fanwelten
Im Verein spielte DSL zwar nicht, aber er besuchte schon in jungen Jahren die Spiele der Wiener Austria: „Ich war mit dem Papa Ende der 1970er Jahre bei den Europacupspielen gegen Dynamo Moskau und Dynamo Dresden. Da war das Happel noch nicht das Happel und es hat auch noch kein Dach gehabt. Bei dem Moskau-Spiel ist der Hubert Baumgartner zum Elfmeterkiller geworden.“ Ein echter Fußball- oder gar Austria-Fan war er da aber nach Eigendefinition noch lange nicht, und eigentlich blieb das bis in die Mitte der 1990er Jahre so. Die Berührungspunkte zwischen Fußball und Hip-Hop waren bei DSL bis dahin auf die sonntäglichen Matineen am Wiener-Sportclub-Platz beschränkt, die er mit anderen DJs nach langen Nächten aufsuchte. Bis es zur Verlagerung seines Lebensmittelpunktes in den Norden Deutschlands kam: „Seit ich in Hamburg bin, habe ich 80 Prozent der Menschen über Fußball kennengelernt.“
„ballesterer wü mi razen, der Droog red mim Tschusch, oiso bitte hoit die Pappn“
Der erste echte Fußballfan aus der österreichischen Hip-Hop-Szene sei für ihn Huckey gewesen, sagt DSL. „Echt“ deshalb, weil die Anhänger in zwei Lager zu trennen seien: „Der Graben verläuft zwischen dem Fußballpublikum, das nur WM, EM und Champions League schaut, und jenen, die auch im Tagesgeschäft sind. Die einen sind Fußballinteressierte, die anderen Fans.“ Huckey meint dazu: „Als Fan weiß man das ja: Man kommt zu den Spielen, und es ist oasch. Wir sind nicht der FC Bayern, aber es macht Spaß. Trotz aller Trauerarbeit, die wir leisten müssen.“ Diese unterschiedlichen Arten des Fantums findet Monobrother auch innerhalb der Hip-Hop-Szene: „Manche Leute gehen zwar auf ein Hip-Hop-Open, waren aber noch nie bei einem Jam im B 72, wo es ums Eingemachte geht.“
Das Spektrum der Hip-Hop- und Fanwelten bietet jedoch noch andere Variationen, mit denen sich die Künstler auf unterschiedliche Weise identifizieren. So ist Ritchy besonders den erlebnisorientierten Rapid-Fans verhaftet, während DSL Gewalt am liebsten so weit wie möglich aus dem Weg geht. Gerade in Jugendjahren war das nicht immer möglich: „Ich war früher oft im Schlepptau meines Bruders auf Partys, wo die Mods, Skins, Italos und Scooter-Boys waren. Da hat es auch schon Jugendgruppen gegeben, die sich regelmäßig auf die Pappn gehaut haben. Bei den Hip-Hop-Sachen habe ich dann weniger krasse Wickel erlebt.“
Aber nicht jeder rappende Fußballfan ist Ultra oder Hool. Monobrother beschreibt die Gruppe, mit der er gemeinsam mit Kreiml zu den Spielen der Wiener Austria geht, so: „Zum Hooligan-Dasein fehlt uns die Gewaltbereitschaft, zum Ultra-Dasein die Organisation. Das hindert uns aber nicht daran, uns 90 Minuten die Stimmbänder aus dem Leib zu schreien.“
Weite Hosen und Raiders-Leiberl
Der Fußballplatz war für Ritchy die erste wirkliche Jugendkultur. „Ich bin in einer Zeit der Mods und Skinheads aufgewachsen, das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wenn ich am Bahnhof in Hütteldorf ausgestiegen bin, sind da die Burschen mit den Doc Martens und den Hosenträgern gestanden“, sagt er über den Rapid-Anhang der 1980er Jahre. Ob er nicht ausgelacht wurde, als Hip-Hopper der frühen Stunde in diesen Kreisen, mit seinem Kapuzenpullover und den weiten Hosen? „Ich hatte den Vorteil, dass ich bekannt war. Natürlich habe ich mir einen blöden Schmäh nach dem anderen anhören müssen. Später haben auch andere angefangen, weitere Hosen zu tragen, und dann waren die Doc Martens nicht mehr so gemütlich.“ Am alten Tivoli war DBH zur fast gleichen Zeit weniger selbstbewusst: „Wenn ich auf die Nord gegangen bin, habe ich mich angepasst. Mit der dicken Raiders-Jacke und der weiten Jeans, die ich damals immer getragen habe, wäre das nicht so lustig gewesen. Da wäre ich einmal durchgegangen und fünfmal blöd angeredet worden.“
Anders als in Österreich hatte Hip-Hop in den USA schon in den Anfangstagen einen engen Bezug zum Sport hergestellt, vor allem zum Basketball. Neben dem Musikgeschäft bot Sport für Schwarze eine der wenigen Aufstiegschancen. Am deutlichsten illustriert wurde die Symbiose von einem American-Football-Team: 1982 übersiedelten die Oakland Raiders nach Los Angeles, bald darauf sollte der Gangsta-Rap dort seinen ersten Höhepunkt erreichen. Die Raiders wurden zu einem Fixpunkt der Hip-Hop-Kultur, so sehr, dass sich selbst im weit entfernten Innsbruck die erste Rap-Combo Jacken mit ihrem Logo überstreifte. „Als ich meine erste Raiders-Jacke gekauft habe, wusste ich nicht mal, ob das ein Baseball-, Basketball- oder Football-Team ist“, sagt DBH. „In Innsbruck haben wir einmal zufällig Amis getroffen, und ich hatte ein Raiders-Leiberl mit einer Rückennummer an. Die haben zu mir gesagt: ‚Cool, you know this guy, he scored this and that.’ Ich hatte keine Ahnung, wovon der eigentlich redet.“ Zeitgleich setzte bei DBH langsam ein Umdenken ein: „Dann habe ich bei den Auftritten in der Linzer Kapu mit der Wacker-Dress aufgelegt.“
Hymnen an den Herzensverein
DSL galt in den 1990ern zwar als bester Hip-Hop-DJ Mitteleuropas, sein erstes fußballerisches Outing wurde aber zur mehr akzeptierten als wertgeschätzten Single. Ihr eingängiger Titel: „Anton Polster, du bist leiwand“, erschienen 1997. Der Großteil der Szene fand die Hymne auf den Nationalteamstürmer laut DSL absurd bis deppert. „Auf Hip-Hop-Jams ist das damals nicht gelaufen“, sagt auch DBH. Die Entstehungsgeschichte zu dieser mittlerweile teuer gehandelten Vinylrarität geht so: „Eigentlich ist es zuerst darum gegangen, dass ich einen Banner malen wollte“, sagt DSL. „Ich bin immer bei den Qualifikationsspielen für die WM 1998 gewesen. Da die meisten Banner von Fanklubs sind, habe ich mir gedacht: Ich brauche jetzt auch einen Fanklub.“ Dafür hat er sich das Fantasieprodukt „Fanclub Erdberg“ einfallen lassen, der Banner sei dann bei drei Qualifikationsspielen gehangen. „Im Zuge dessen ist mir die Idee von dem Lied gekommen, es ist dann in nur einem Tag entstanden“. Einmal konnte DSL dem Geehrten sogar persönlich die Nummer vorspielen, nach der Hörprobe folgte der Satz: „Des hobt‘s gut gmocht Burschn.“
„Anton Polster, du bist leiwand“ war nicht die erste österreichische Nummer mit einem Hip-Hop-Beat, die den Fußball und seine Helden feierte. Schon zur Saison 1994/95 erschien auf dem Rocksampler „The Spirit of Linz“ die Nummer „Die Zukunft ist Blau-Weiß“ vom Linz Süd Kartell. Hinter dem optimistischen Titel standen unter anderem Rapper Huckey und der Großteil der übrigen Texta-Crew. DBH erinnert sich noch an den Abend im Linzer Lokal Kapu, an dem das Lied uraufgeführt wurde, und an die Heimreise von diesem Jam zurück nach Innsbruck. Vehement bedrängte DBH den Total-Chaos-MC Manuva, nun Gleiches für seinen Lieblingsverein umzusetzen. Über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren habe er ihm damit in den Ohren gelegen, aber: „Es ist nie auch nur eine einzige Zeile dabei rausgekommen. Wenn ich MC gewesen wäre, hätte ich mich in der Nacht noch hingesetzt und den Text geschrieben.“
Unlustiger Heterokult
„Wenn ich rappe, kann ich nur über das erzählen, was ich erlebe oder was ich sehe“, sagt Ritchy von den Droogieboyz. Genauso wie er berichten die meisten Rapper vor allem von sich selbst, von den eigenen Ansichten, von ihrer engsten Umgebung. „Wir sind wie Reporter“, sagte einst der amerikanische Gangsta-Rapper Eazy-E. Für Hip- Hop-Gruppen, die sich aus der Fußballkurve heraus gründen, liegt es daher nahe, über ihren Verein, seine Fans und deren Aktivitäten zu berichten. „Hip-Hop bietet dir die Möglichkeit, dich zu artikulieren“, sagt DSL. „Du haust die Message ausse, das machen die Ultras ja auch.“ Ganz ähnlich sieht das Monobrother: „In einem sich zu Tode disziplinierenden Machtapparat muss man sich Luft verschaffen, und da sind sich Fantum und Rap, Fußball und Hip-Hop sehr ähnlich.“ Hier treffen sich die Ultras und Rapper in ihrem eigentlichen Ziel: Nach außen zu wirken, indem man die eigene Identität deutlich werden lässt. Spruchbänder, Doppelhalter, Zaunfahnen, oft genug mit gereimten Sprüchen, entsprechen den Textzeilen der Hip-Hopper.
Zu einer szenetypischen und stilechten Performance zählt sowohl in der Kurve als auch auf Hip-Hop-Jams die Inszenierung von harter Männlichkeit. Bis heute sind Hip-Hop- wie Fanszenen männlich dominiert, Frauen sind unterrepräsentiert oder ganz ausgegrenzt. „Besonders kam das in der Deutsch-Rap-Phase von 2002 bis 2010 zum Vorschein, die teilweise vergleichbar mit jener von Blau-Schwarz in der Politik ist“, sagt Monobrother. „Das wirkt noch ziemlich nach. In dieser Phase wurde eigentlich nur ein Satz gesagt: ‚Ich bin ein Mann.’ Das war der pure Heterokult.“
Auch im Stadion fehlt dem Austria-Fan heute die Selbstironie. „Der Schmäh ist bei vielen Massengesängen total abhanden gekommen.“ Das führt er auch auf das dominante Erscheinungsbild der Kurve zurück: „Früher war das Stereotyp eines Fußballfans ein fettleibiger Voki-Träger mit Bierfahne und Schal, heute ist er austrainiert und tätowiert, mit New-Balance-Schuhen, Militärhaarschnitt und auf Koks. Das ist sinnbildlich für die heutige Gesellschaft, die keinen mehr duldet, der sich gehen lässt.“ Für Monobrother ist ein Militarisierungsprozess nicht von der Hand zu weisen: „Heutzutage hat jede Subgruppierung ihre eigene Armee. Die Hip-Hop-Armee gibt es genauso wie die Fußball-Armee, und alle glauben, sie haben die wahren Werte gepachtet.“ Hip-Hop und Fankultur würden sich demnach auch darin annähern, ein männliches Rollenklischee zu etablieren, das noch dazu der Leistungsgesellschaft entspricht. Wie die Party-Armee der Büroarbeiter.
Der moderne Hip-Hop
Jeder einigermaßen Eingeweihte kann heutzutage die vier Elemente des Hip-Hop aufsagen: MC-ing (das Rappen), DJ-ing (das Auflegen), B-boying (das Breakdancen) und Graffiti (das Sprayen). Gemeinsam mit seinem Innsbrucker Seelenverwandten DBH fügte Huckey Mitte der 1990er dem Hip-Hop Fußball als fünftes Element hinzu. Sie gründeten ein Fußballturnier mit dem Namen „Das 5. Element“. Erstmals wurde es 1996 im Anschluss an den damals größten österreichischen Hip-Hop-Jam „Stay Original“ veranstaltet. Allerdings war der Name umstritten, wie DBH erzählt: „Das ist echt nicht gut angekommen, einige Leute haben das überhaupt nicht lustig gefunden. So nach dem Motto: Könnt ihr machen, aber nennt es nicht ‚Das 5. Element’.“ Zur Freude einiger Dogmatiker wurde das Turnier Ende der 1990er Jahre in „Manfred-Linzmaier-Fußballturnier“ umbenannt, nach einem Spieler, der bei oberösterreichischen wie Tiroler Mannschaften tätig war. „Auf dem Pokal ist eine Autogrammkarte von Manni Linzmaier draufgepickt, wo er eine persönliche Widmung an mich geschrieben hat“, sagt DBH. Irgendwann sei die Karte dann runtergefallen und war verschollen. „Aber der Name ist geblieben.“
Würde DBH heute noch von Fußball als fünftem Element sprechen? „Nein, weil es das dritte oder vierte Element gar nicht mehr gibt. Teilweise gibt es ja nicht einmal mehr das Element DJ.“ Dabei war das Hochhalten der vier Elemente einst gleichbedeutend mit dem Kampf gegen die Kommerzialisierung von Hip-Hop, sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum. DSL konnte schon früher wenig damit anfangen: „Kommerzialisierung ist wie die Luft, die dich umgibt“, sagt er. Davon blieben auch Hip- Hop und Fußball nicht unberührt. Huckey meint: „Es gibt halt viele große böse Wölfe: Einmal ist es eine Major-Plattenfirma, einmal ein Konzern wie Red Bull.“
An Red Bull scheiden sich die Geister der beiden Kulturen: Während es bei den organisierten und anderen kritischen Fans eine eindeutige Position gegenüber dem Getränkehersteller gibt, ist die Situation in der Hip-Hop-Landschaft nicht so klar. Red Bull ist ein wichtiger Szenesponsor, darüber hinaus sind manche von der Qualität der Red-Bull-Events beeindruckt. „Sie stecken viel Geld hinein, aber mit einem nachvollziehbaren Hintergedanken“, sagt Huckey. „Es ist ja nicht so, dass sie dabei nichts rausziehen, das ist nicht nur großzügiges Mäzenatentum.“ DBH zufolge geht es Red Bull vor allem um neue Inhalte: „Sie kommen dadurch billig zu verwertbarer Musik. Red Bull braucht viel davon, weil sie so viele Videos und Produktionen machen.“
Würden die fußballaffinen österreichischen Hip-Hopper selbst auf Red-Bull-Veranstaltungen spielen? Monobrother sagt: „Red Bull labelt die Künstler sehr aufdringlich und imagebeladen. Die Marke verkörpert die vom Konzern vorgegebenen Werte: einerseits Flügel und Freiheit, aber auch Gehorsam und Disziplin. Das ist eine ziemlich schizophrene Melange.“ Seine Schlussfolgerung lautet deshalb: „Ich werde mich davor hüten, bei expliziten Red-Bull-Events aufzutreten. Andererseits werde ich nicht jeden Flyer nach Red Bull-Beteiligung absuchen. Das wäre scheinheilig, denn was macht die Raiffeisen-Bank sympathischer?“
Hip-Hop und Fußball haben einiges gemeinsam. Beide Sparten erlebten fast zur selben Zeit, zu Beginn der 1990er-Jahre, den endgültigen Siegeszug der Kommerzialisierung. Ebenso wie sich Fußballfans teilweise dagegen auflehnten, spaltete sich die Hip-Hop-Szene in einen Mainstream und einen Underground – mit fließenden Grenzen. Dass sich beide Jugendkulturen den damit verbundenen Herausforderungen und Debatten überhaupt stellen können, zeigt die Kraft der Bewegungen. Wahrscheinlich sind es die letzten großen jugendlichen Kollektive unserer Zeit –nach all den Jahren haben sie zueinander gefunden.
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