Ein erfolgreiches Abschneiden bei einer WM hat immer auch mit Glück zu tun. Dieses war den Südkoreanern bei der Gruppenauslosung nicht vergönnt. Mit Titelverteidiger Deutschland, Mexiko und Schweden, das in der Qualifikation Italiens WM-Träume platzen ließ, hat der zweifache Asienmeister eine schwere Gruppe erwischt. Dabei war schon der Weg nach Russland kein leichter: Ein torloses Remis gegen Usbekistan sicherte der Mannschaft von Teamchef Tae-Yong Shin erst am letzten Spieltag Platz zwei hinter dem Iran und damit die direkte Qualifikation. „Südkorea ist zur WM gestolpert“, sagt auch Richard Windbichler. Der Innenverteidiger spielt seit Jänner 2017 in der südkoreanischen K-League für Ulsan Hyundai. Der Spielplan der 12er-Liga ist nicht auf große Erfolge des Nationalteams ausgerichtet, nach dem 14. Spieltag Ende Mai pausiert sie rund sieben Wochen, nimmt den Betrieb jedoch noch während der WM wieder auf. Acht Stunden Zeitverschiebung herrschen zwischen Österreich und Südkorea. Während der Tag in Wien gerade erst begonnen hat, geht er für Windbichler in seiner Wahlheimat bereits zu Ende. Trotzdem nimmt sich der 27-Jährige bestens gelaunt Zeit für ein Telefonat mit dem ballesterer.
ballesterer: Wie lebt es sich in Südkorea?
Richard Windbichler: Sehr gemütlich, für mich geht es hier nur um Fußball. Wenn ich nicht bei einem Training oder Spiel auf dem Platz stehe, bin ich meistens daheim. Die Leute sind sehr zuvorkommend, hilfsbereit und freundlich. Respektvoller Umgang ist enorm wichtig. Etwas übertrieben gesagt: Wenn du irgendwo deine Tasche vergisst, musst du keine Angst haben, dass sie gestohlen wird, eher legt dir noch jemand etwas dazu.
Wie schätzen Sie den südkoreanischen Fußball im Vergleich zum europäischen ein?
Fußball ist Fußball. Technisch sind die Spiele hier sehr gut, im taktischen Bereich gilt es aber noch einiges aufzuholen. Im Nachwuchsbereich müsste intensiver geschult werden.
Welchen Stellenwert haben Fußball und das Nationalteam?
Baseball ist hier der mit Abstand wichtigste Sport. Bei unseren Spielen kommen gerade einmal 7.000 bis 8.000 Zuschauer. Aber sobald es um das Nationalteam geht, werden die Leute patriotisch, dann sind die Stadien voll.
Das Team hat achtmal hintereinander an der WM teilgenommen. Liegt das an der Qualität der Mannschaft oder an der fehlenden Konkurrenz?
Ich denke schon, dass es auch an der fehlenden Konkurrenz liegt. In Gruppen mit Thailand und Usbekistan qualifizierst du dich halt relativ problemlos.
Der Altersschnitt des Teams liegt bei 28,1 Jahren, ist also relativ hoch. Wird zu wenig auf die Jugend gesetzt?
Das ist ein ganz interessanter Punkt. In Südkorea bist du mit 22, 23 Jahren noch ein Talent. Wenn du es in Europa in diesem Alter noch nicht geschafft hast, ist es vorbei. In meinen Augen werden südkoreanische Spieler viel zu spät gefördert. In Europa gehören 17-, 18-Jährige bei manchen Topklubs schon zum Kader der Kampfmannschaft.
Mit Hee-Chan Hwang steht voraussichtlich auch ein Spieler von Red Bull Salzburg im Kader. Wie werden seine Leistungen wahrgenommen?
Lange Zeit gar nicht. Erst mit seinen Auftritten in den Qualifikationsspielen im vergangenen Jahr haben ihn seine Landsleute registriert und erkennen seine Leistungen an. Die Bundesliga ist eben nicht die Premier League.
Aktuell spielt mit Heung-Min Son von Tottenham Hotspur nur ein Spieler bei einem europäischen Topklub.
Einen einzelnen Spieler herauszuheben, das wird hier nicht gemacht. Was zählt, ist der Teamspirit. Als neutraler Beobachter muss man aber sagen: Son ist derjenige, der den Unterschied machen kann. Wenn offensiv etwas gehen soll, dann über ihn.
Welche Stärken hat das Team?
Südkoreaner werfen immer alles rein. Bei Champions-League-Spielen gegen japanische Teams ist mir aufgefallen, dass die zwar mehr Pässe spielen und mehr Ballbesitz haben, die südkoreanischen Teams aber meistens gewinnen, weil sie nie aufgeben. Ihre körperliche Spielweise wird gegen Deutschland aber eher zum Nachteil werden.
Neben Deutschland sind noch Mexiko und Schweden in der Gruppe. Südkorea ist dort der Außenseiter, oder?
Deutschland spielt in einer eigenen Liga, die werden vorneweg marschieren. Die anderen Teams haben wahrscheinlich ungefähr die gleichen Chancen auf Platz zwei. Es ist auch für Südkorea nicht unmöglich aufzusteigen. Das wäre ein Riesenerfolg.
Südkorea steht in der aktuellen Weltrangliste nur auf dem 61. Platz, hinter Teams wie WM-Debütant Panama.
Hinter Panama? Wahnsinn eigentlich – gut, solche Ranglisten sagen nicht viel aus. Als Underdog musst du immer mehr reinhauen und noch mehr investieren als die Anderen. Und natürlich brauchst du Glück. In drei Spielen kann man schon vier Punkte machen und aufsteigen.
Herrscht in Südkorea Vorfreude auf die WM?
Davon hätte ich nichts bemerkt. Ich möchte aber nichts Falsches behaupten, ich spreche die Sprache nicht. Vielleicht gibt es voll die Euphorie, nur ich bekomme sie nicht mit.
Zum Schluss: Was trauen Sie den Südkoreanern zu?
Es wird in der Gruppe einen Dreikampf um Platz zwei geben. Hoffentlich geht ihnen etwas auf, und sie können Werbung für den südkoreanischen Fußball machen. Die Leute sollen sehen, dass hier nicht nur Alibifußball gespielt wird.
Richard Windbichler (27) begann seine Karriere beim FC Admira-Wacker Mödling, im Sommer 2015 wechselte der Innenverteidiger zur Wiener Austria. Seit Jänner 2017 steht er beim südkoreanischen Erstligisten Ulsan Hyundai FC unter Vertrag.