Die Menschen drängen sich am Stephansplatz. Der Dom lockt die Leute ebenso wie der Christkindlmarkt, dessen Hütten die Kirche umstellen. Die Wärme an diesem Dezembertag macht den Anblick der gigantischen und kitschigen Weihnachtsdekoration etwas seltsam, doch da ist noch etwas, was nicht ganz passt. Schafft man es an den Menschenmassen vorbei an die Hinterseite des Doms, steht dort, weit weg von Hütteldorf, ein aufblasbarer Werbeträger des SK Rapid. Nicht ganz in Topform sondern etwas geknickt weist dieser auf eine Veranstaltung hin, die heute hier stattfindet: Der Verein stellt ein Buch vor: „Glaube. Liebe. Rapid“. Und das im Club Stephansdom in Kooperation mit dem Wiener Dom Verlag. Sieben Spieler sind zum Pressegespräch gekommen, darunter Kapitän Stefan Schwab, Tormann Richard Strebinger und Dejan Ljubicic, der am Cover des Buches abgedruckt ist. Stadionsprecher Andy Marek moderiert, „Rapid-Pfarrer“ Christoph Pelczar im grün-weißen Messgewand liefert Gedanken und Stichworte. Er ist das Gesicht im Austausch zwischen katholischer Kirche und dem SK Rapid.
Rapid ist päpstlich
Denn es ist nicht die erste Medienaktion, bei der Rapid mit der katholischen Kirche kooperiert. Im Mai besuchte die Mannschaft den Vatikan und wurde dort von Jorge Bergoglio (geistlich: Franziskus), dem Oberhaupt der Kirche, zu einer Privataudienz empfangen. Der Besuch beherrschte einen Tag lang die Sportberichterstattung Österreichs. Bei der langen Nacht der Kirchen, keine zwei Wochen nach dem Papstbesuch, war das Weststadion ebenso wie 800 Kirchen in Österreich geöffnet. Pfarrer Pelczar führte durch die Katakomben der Fußballanlage, Vereinsvertreter sprachen währenddessen über ihren persönlichen Bezug zur Religion. „Der Glaube ist für die Spieler enorm wichtig“, sagt der Pfarrer zu Beginn der Pressekonferenz. Der Verein holt sich die katholische Kirche an Bord und macht Werbung – für sich und die Kirche.
Fünf Tage vor der Buchpräsentation empfängt Pelczar ballesterer.at im Andachtsraum des Stadions, den es seit der Eröffnung des Weststadions gibt. An der Wand hängen Dressen von Spielern, die darauf ihre spirituellen Lebensmottos und ihre Unterschrift geschrieben haben. Pelczar trägt Pullover, Jeans und Turnschuhe, über eine Stunde nimmt er sich am Freitagnachmittag Zeit. Der Pfarrer ist lässig und schlagfertig, die Sprache manchmal derb. Aber wenn es um seinen Beruf geht, vertritt er klare Positionen. „Es gibt Dinge mit denen gehen Spieler zu mir und nicht zum Mentalcoach. Als Pfarrer sehe ich den Tod und die Liebe jeden Tag, so etwas kann man nicht so studieren wie Psycholgie. Das muss man erleben.“ Die Spieler nehmen das Angebot wahr, viele von ihnen besuchen vor Heimspielen den Andachtsraum. Es geht nicht nur um den Druck der Leistungssportler, sondern auch um private Probleme und Zukunftsängste.
Pelczar kommt bei den Spielern gut an. Drei Mal bedanken sich die versammelten Rapidler im Laufe der dreiviertelstündigen Veranstaltung bei ihrem Pfarrer. Er habe, sagen Marek, Strebinger und Schwab, nicht nur ein sehr spannendes Buch herausgegeben, sondern auch im Verein eine ganz besondere Rolle inne. Als Seelsorger steht Pelczar allen Vereinsangestellten für persönliche Gespräche zur Verfügung. „Es gibt niemanden der besser informiert ist als ich“, sagt der Pfarrer und grinst. „Aber ich bleibe natürlich verschwiegen.“ Durch diesen besonderen Kontakt zu den Akteuren sei das Buch überhaupt erst zustande gekommen. Die Spieler hätten das voran getrieben und nur zu gerne über ihren Glauben gesprochen. „Es war meine Idee“, sagt Pelczar. „Aber ich will für nichts Werbung machen. Hätten die Spieler das nicht unbedingt gewollt, ich hätte es nicht getan.“
Offenheit im Leitbild
Lange Zeit waren religiöse Gefühle bei Rapid eine sehr weltliche Angelegenheit. Der Meistertrainer von 2005, Josef Hickersberger, taufte das alte Hanappi-Stadion in „Sankt Hanappi“, den Fans war es heilig. Der Satz „Rapid ist Religion“ kam in den 1970ern auf und ist noch heute omnipräsent. Der langjährige Kapitän Steffen Hofmann wurde zum Fußballgott. Doch vor zwei Jahren nahm der Verein diese Schmähs auf eine neue Weise ernst. Im Sommer 2016 präsentierte Rapid im Zuge der Kampagne „Der SK Rapid Wien ist mehr als ein Verein, für seine Fans ist der SK Rapid Religion“ ein Kirchenfenster mit Hofmanns Abbild, hergestellt im Stift Schlierbach, und brachte es im Andachtsraum an. Dort befindet sich auch ein Altar samt Kreuz und der katholische Schutzheilige der Fußballer. Kurz zuvor hatte Kardinal Christoph Schönborn den Andachtsraum eingeweiht.
Diese Annäherung an die katholische Kirche blieb allerdings nicht unwidersprochen.„Ein Bekenntnis als Verein zu einem Religionsführer und zu einer bestimmten Religion hat nichts damit zu tun, wofür der SK Rapid stand und steht und ist das Gegenteil von Offenheit sondern ein Statement der Abgrenzung“, schreibt Rapid-Fan und Journalist Christian Bruckner im Fanzine-Unterwegs. Auch gegen den Umstand, dass der Andachtsraum zwar grundsätzlich für Menschen jeglicher Religion offen steht, in erster Linie aber von Katholiken verwendet wird, bringt Bruckner das Leitbild des SK Rapid in Stellung. „Der SK Rapid ist offen. Menschliche Vielfalt war und ist der Motor unseres Erfolgs“, heißt es dort.
Pfarrer Pelczar lässt diese Kritik nicht gelten. Er bemühe sich sehr wohl um den Kontakt mit Spielern anderer Konfessionen. So hängt sowohl von Boli Bolingoli, als auch von Albin Gashi ein Trikot an der Wand des Andachtsraums. Bolingoli ist freichristlich, Gashi, der zur Zeit in die Niederlande verliehen ist, Moslem. „Zu Albin habe ich einen sehr guten Draht“, sagt Pelczar. „Ich gehe ohne Vorurteile auf die Menschen zu.“
Zielgruppe Rapid
Dennoch hat vor allem die katholische Kirche etwas von der Glaubensoffensive des SK Rapid. Seit den 1970ern hat sich der Bevölkerungsanteil der Katholiken in Wien halbiert, auch in ganz Österreich ist er zwischen 2001 und 2014 von 75 auf 64 Prozent gesunken. Eine Studie der Akademie der Wissenschaften ergab im Vorjahr, dass bis 2046 nicht einmal mehr die Hälfte der österreichischen Gesellschaft katholischen Glaubens sein wird – ganz egal, wie sich die Zuwanderung entwickeln wird. „Wir sind froh, dass wir mit dem Buch Zielgruppen erreichen, die wir sonst nicht erreichen“, sagt Carl Rauch vom Domverlag. „Damit kommen wir in die Gruppe der Rapid-Fans hinein“. Bücher über Fußball finden sich sonst nicht im Sortiment des Verlags, der sich stattdessen darauf spezialisiert, die katholische Lehre zu verbreiten: Die Bibel verlegt er ebenso wie „Das neue Lektionar für den Gottesdienst“. Das Neue Testament hat sich in der Fassung des Domverlags bereits eine halbe Million Mal verkauft, von „Glaube.Liebe.Rapid“ wurden in der ersten Auflage 5.000 Stück gedruckt. „Wir hoffen, dass es bis zur zweiten nicht lange dauert“, sagt Rauch.
Bei der Buchpräsentation wird oft betont, dass der Glaube etwas Persönliches sei. Dejan Ljubicic schildert sein Kreuzigungsritual vor Spielen, Strebinger erzählt davon, wie er nach brenzligen Spielsituationen innehält und an Gott denkt. Das Buch, sagt auch Pelczar, lebt davon, dass die Akteure intime Einblicke in ihre spirituellen Lebenswelten geben. So etwas sei beispiellos. Auch die anwesenden Journalisten wollen den Spielern nicht zu nahe treten und formulieren ihre Fragen bewusst vorsichtig. „Jede Rapidlerin und jeder Rapidler soll es mit Religion halten, wie er oder sie das mag. Aber dies sollten sie als Privatpersonen tun“, schreibt Bruckner. Der Verein hat über den christlichen Glauben einiger seiner Spieler ein Buch herausgegeben. Es kostet 18,99 Euro.