Nur ein einziges Derby wurde in Europa sooft gespielt wie jenes in Wien. Das Aufeinandertreffen zwischen der Austria und Rapid heute um 17 Uhr wird das 328. der Geschichte sein. Nur die 414 Spiele zwischen den Rangers und Celtic in Glasgow übertreffen diesen Wert. Wie beim Old Firm treffen auch in Wien die beiden erfolgreichsten Vereine des Fußballs dieses Landes aufeinander. Über die Hälfte der in Österreich ausgespielten Meisterschaften gewann entweder Rapid oder die Austria. Rapid ist Rekordmeister, Austria Rekord-Cupsieger. Die Erfolge beschränkten sich zu dem nicht auf nationale Bewerbe. Beide Vereine gewannen in den 1930ern den Mitropacup, einen Vorläufer des Europapokals, die Austria sogar zwei Mal. Als Österreich 1954 den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft erreichte, stellten die Hütteldorfer zehn, die Austria vier Spieler. Das Derby war damals, als der österreichische Fußball auch international noch eine große Rolle spielte, ein Duell auf europäischem Topniveau.
Diese Zeiten sind heute vorbei. Den letzten Titel gewann Rapid 2008, die Austria 2013. Dennoch sind die Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften besonders – auch wenn sie, wie in der letzten Saison, fünf Mal stattfinden. Sie bieten Abwechslung zum Ligalltag, der an anderen Rivalitäten arm geworden ist. Das Derby kann aber auch die eigene Mittelmäßigkeit vergessen machen. Wenn wie heute der Sechste auf den Achten trifft, wird eine Niederlage zur Katastrophe. Der Sieger hat immerhin das gegen den Lokalrivalen gewonnen – und das ist viel wert. „Wenn du verlierst, musst du bis zum nächsten Mal leisetreten“, sagte Andreas Ogris einmal über das Derby. Es bleibt das Spiel der Spiele, auch wenn es kaum noch um Titel geht.
Der Rasen brennt, der Hass, oder zumindest die Abneigung, liegt in der Luft – und das nicht nur auf den Rängen. Steffen Hofmann der den Austrianern mit ausdrucksstarken Gesten Weinerlichkeit vorwirft, Raphael Holzhauser der in seiner Rolle als Feindbild aufgeht, Rapid-Reservisten die aufs Feld laufen. Die Derbys waren in unmittelbarer Vergangenheit so hitzig wie lange nicht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass auch die Vereinsfunktionäre nichts mit einander zu tun haben wollen. Bei maßgeblichen Beschlüssen der Bundesliga stimmten die Vertreter von Austria und Rapid in jüngerer Vergangenheit fast immer gegeneinander. Rapid forderte mehr Transparenz bei den Budgets der Vereine, die Austria war dagegen. Rapid machte sich für die Aussetzung von Kollektivstrafen stark, die Austria argumentierte dagegen. Nach dem letzten Derby, als rund 50 Rapidler aufs Feld und zum Gästesektor stürmten, wurde Rapid zu einer Strafe von 30.000 Euro verurteilt. Zu wenig, aus Sicht der Austria. „Aus der Sicht vieler Anhänger und Fußball-Interessierter seien dies keine Signale, um derartige Vorfälle in Zukunft zu verhindern“, erklärte der Verein per Aussendung.
Auch die Rekordmeister-Kampagne der Wiener Austria war zuletzt ein Fingerzeig in Richtung Hütteldorf. Auf Plakaten in der ganzen Stadt erklärten die Violetten, dass sie die meisten Meistertitel des Landes geholt hätten. Das Statement zog wissenschaftliche Gutachten beider Vereine nach sich, in der sie jeweils herausarbeiteten, dass sie es sind, die den Titel „Rekordmeister“ tragen dürfen. Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek sagte daraufhin der Krone „Ich dachte das sei ein Satireprojekt“ Der Kontakt zwischen den Geschäftsstellen in Favoriten und Hütteldorf ist, so heißt es, auf das Mindeste beschränkt.
Die Frage „Rapid oder Austria?“ ist auch eine Klassenfrage. Rapid ist der Arbeiterverein, die Austria der gutbürgerliche, so heißt es zumindest. Tatsächlich wurde Rapid 1897 als 1. Wiener Arbeiter-Fußballclub gegründet, zwei Jahre später folgte die Umbenennung. Der Vorläuferverein der Austria, der Wiener Amateur SV, ging hingegen aus dem Vienna Cricket and Football-Club hervor, der 1892 von englischen Bürgern in Wien gegründet wurde. Das erste Stadion bauten die Violetten in Ober St. Veit, einer noblen Wohngegend Wiens. Die Unterschiede verschwammen aber bald: Der Sporthistoriker Matthias Marschik schreibt im Sammelband „Alles Derby“: „Ein bürgerliches Management leitete die Vereine nach letztlich kapitalistischen Prämissen, und im Gegensatz etwa zu Glasgow– kein Spieler und kein Zuschauer wäre zurückgewiesen worden, weil er dem „falschen“ Lager angehörte.“ Der SK Rapid dachte zudem nie ernsthaft über einen Beitritt in den Arbeiterfußballverband nach. Er blieb im ÖFB und damit mit der Austria in einer Liga.
Trotzdem spielt die Erzählung von den sozioökonomischen Unterschieden zwischen den Vereine noch heute eine Rolle. Der SK Rapid betont seit der Übernahme der Austria durch Frank Stronach die proletarischen Wurzeln wieder verstärkt. Josef Hickersberger verglich das Derby 2002 mit „Duell zwischen einem lila Rolls Royce und einem grünen Golf Diesel“. Auch die Fans nehmen ihre Wurzeln ernst. Eines der Vorsängerpodeste des Block Wests ziert das rot-blau Wappen des 1. Arbeiter-Fußballclubs, auf Doppelhaltern spielen die Rapidler mit dem Image der Wiener Proleten. Die Austria hält dagegen. Auf ihrer Homepage formulieren der Verein „Anspruch, der etwas bessere, feinere und kultiviertere Fußballklub unserer Hauptstadt Wien“ zu sein. Vor allem in Abgrenzung zu den Rapid-Fans setzt die Austria ganz bewusst auf ihren bürgerlichen Ursprung. Auch der violette Anhang betonte diesen im ersten Derby dieser Saison. Er präsentierte eine Choreo, bei der die Austrianer zuerst ein Spruchband mit der Aufschrift: „Seit 1911 stehen wir über der Arbeiterklasse. Denn Austria Wien ist:“ Und dann eine Überollfahne: „Anders als die Masse“. Die Klassenfrage bleibt, auch im 21. Jahrhundert.