1.338 Menschen stehen Sonntagnachmittag bei minus 2 Grad auf einem Trampelpfad mit matschigem Untergrund. Daneben und ein paar Meter weiter unten verläuft die Südosttangente, eine der meistbefahrenen Straßen Österreichs. Eigentlich hatten sich die Rapid-Fans gemeinsam nach Favoriten aufgemacht, um ihre Mannschaft im Derby gegen die Austria zu unterstützen. Doch das Stadioninnere wird keiner von ihnen sehen. Denn knapp zwei Stunden vor Spielanpfiff, um 15.06 Uhr, kommt der Marsch zum Stillstand. Hundert Meter hinter der von der Polizei im Vorfeld definierten Sicherheitszone werden die Rapidler von der Polizei angehalten. Sie ist mit mehr als 500 Polizisten im Einsatz.
Die Fans können jetzt weder nach vorne noch nach hinten aus, wo von der Exekutive ebenfalls abgeriegelt wird. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Sie werden hier stundenlang stehen bleiben. Die weiter vorne Stehenden erreicht die Polizeidurchsage, wonach alle Eingekesselten einer Identitätsüberprüfung unterzogen werden. Nach und nach werden alle 1.338 Rapid-Fans kontrolliert und abgetastet. Danach erhalten sie eine Wegweisung. Wer aus dem Polizeikessel kommt, muss die Sicherheitszone rund um das Franz-Horr-Stadion verlassen, aber nicht Richtung Spiel. Die Polizei argumentiert die Maßnahme damit, dass Schneebälle und pyrotechnische Gegenstände auf die Fahrbahn geworfen wurden. Am Montagnachmittag veröffentlicht die Polizei auf Twitter Hubschrauberaufnahmen, auf denen zumindest zu sehen ist, wie Schneebälle geworfen werden. Pyrotechnik, von der die Polizei noch am Matchtag schreibt, ist nicht zu sehen. Dies sei später passiert, erklärt Sprecher Harald Sörös auf Nachfrage des ballesterer. Die Fans erheben Vorwürfe: Das Anhalten und Einkesseln sei von langer Hand geplant gewesen.
„Dann eskaliert es halt“
Zahlreiche Kameras des Verfassungsschutzes waren im Bereich der Engstelle in Stellung gebracht. Stapelweise lagen A4-Zettel sogenannter Wegweisungen bereit, in denen den Fans erklärt wird, dass sie die Sicherheitszone nach Erhalt des Papiers unverzüglich zu verlassen haben. Polizeisprecher Sörös betont, dass die Wegweisungen bei jeder Veranstaltung dieser Größenordnung vorgedruckt bereitlägen.
Beim Sprecher der Solidargemeinschaft „Rechtshilfe Rapid“, Helmut Mitter, verfestigt sich der Eindruck, dass es sich bei der Einkesselung der Polizei keineswegs um eine Reaktion auf etwaige Wurfgeschosse auf die Autobahn sondern vielmehr um eine von langer Hand geplanten Aktion handelte. „Seitens der Polizisten gab es keinerlei Hektik. Es wirkte alles von langer Hand geplant“, sagt Mitter. „Als die Einkesselung begann, habe ich den Einsatzleiter funken gehört, wie er sagte: ‚Los geht’s!’“ In der Sicherheitsbesprechung zu Beginn der Woche habe es laut „Rechtshilfe Rapid“ die Ankündigung der Polizei gegeben, dass womöglich ein Kessel durchgeführt werde. „Wir haben eher mit Provokationen am Einlass gerechnet, aber nicht damit, dass sie uns nicht ins Stadion lassen“, sagt Mitter.
„Wenn man sich die Vorkehrungsmaßnahmen ansieht, macht das schon den Anschein, dass die Polizei einen Vorwand gesucht hat, um uns festzuhalten“, meint Rapid-Fan Christof Specht, der sechs Stunden lang im Polizeikessel ausharrt, ehe er um kurz nach 21.00 Uhr hinaus darf. Da ist das Derby seit zweieinhalb Stunden abgepfiffen. Die Austria hat Rapid mit 6:1 geschlagen. Im abgesperrten Bereich gefangen haben die Fans nichts zu essen, kein Wasser und keine Möglichkeit, Toiletten aufzusuchen. Dass die Aktion genau bei der engsten Stelle direkt neben der Autobahn passierte, sei kein Zufall, glaubt Specht. „Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Polizei nach Gründen gesucht hat, eine Matchdemonstration zu vollziehen“, sagt er. Auf Twitter hat er aus dem Kessel über die Geschehnisse berichtet. „Man kann in dieser Enge nicht aus. Es ist beklemmend, dort zu stehen.“ Specht erzählt gegenüber ballesterer.at auch, dass er immer wieder versucht habe, mit den Polizisten in Dialog zu treten. „Auf meinen Hinweis, dass vielleicht nicht alle Leute ihre Nerven bewahren können, meinte der Polizist: ‚Dafür sind wir da. Dann eskaliert es halt. Wenn die Fäuste fliegen, werden die, die es wollen, Schläge bekommen.“
„Keine moderne Polizeiarbeit“
Um halb sieben trifft Rapid-Präsident Michael Krammer beim Polizeikessel ein. Sein Verein liegt zu diesem Zeitpunkt 1:5 im Rückstand. Krammer bleibt bis zum Schluss um 21.55 Uhr. Da werden die letzten Rapidler aus der Sicherheitszone weggewiesen. Am Montag kritisiert der Präsident die Polizei scharf. „Ich habe als ehemaliger Offizier des Bundesheers großes Verständnis für rechtsstaatliche Prinzipien. Was ich am Sonntagabend erlebt habe, hätte ich aber im Rechtstaat Österreich nicht für möglich gehalten.“
Auch der Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter, Florian Klenk, ist vom Vorgehen der Polizei überrascht. „Es war klar, dass die Rapidler nicht in Warnweste und Zweierreihe zum Derby kommen werden“, sagt er. „Ich habe aber den Eindruck, dass die Polizei einfach klare Kante zeigen wollte. Moderne Polizeiarbeit war das nicht.“ Ergebnis des Einsatzes war eine Anzeige und eine verwaltungsrechtliche Festnahme. Weitere Ermittlungen laufen. Dafür wurden über 1.300 Rapidler über mehrere Stunden von der Polizei festgesetzt. Die Frage der Verhältnismäßigkeit stellt sich – auch für Krammer. „Ich halte das für skandalös“, sagt er.
Gegenstand der Einsatzstrategie der Polizei war bislang, die gemeinsame Anreise der Auswärtsfans zuzulassen. Dadurch erhoffte man sich, Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fangruppen zu verhindern und den Überblick auf das Geschehen behalten zu können. „Ich gehe beim Marsch mit, weil es normalerweise ein Sicherheitsfaktor ist, wenn man geschlossen zum Stadion geht“, sagt Specht. „Ich hatte auch die Hoffnung, dass die Austria die Route für Auswärtsfans endlich ändert. Diese enge Stelle neben der Autobahn muss ausgelassen werden.“ Sollte ein stundenlanger Polizeikessel zum Regelfall werden, werden Fanmärsche in Zukunft wohl ohnehin die Ausnahme sein.