Das richtige Timing ist eine große Kunst im Fußball. Joachim Löw hat damit zuletzt Schwierigkeiten gehabt. Nicht nur, dass der deutsche Teamchef keinen großen Umbruch in der Mannschaft vollzog, er verzichtete auch hinterher darauf – mit Ausnahme von Sami Khedira, der still und leise verabschiedet, und Mesut Özil, der laut und stillos hinausgedrängt wurde. Löw schien das Gespür für Timing abhandengekommen zu sein.
Dabei war er als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann einmal genau zur richtigen Zeit zum DFB gekommen: am Tiefpunkt. Im Sommer 2004 machten sich die beiden gemeinsam mit Manager Oliver Bierhoff an eine Revolution – offensives Spiel, taktische Flexibilität und moderne Methoden. Die Erwartungen an das Team waren gering, wohl so gering wie seit 50 Jahren nicht. Es gab alles zu gewinnen. Bis Löw, ab 2006 Teamchef, tatsächlich etwas gewann, dauerte es. Die Erwartungen wuchsen, die Zeit verging, und sie war nicht immer seine Freundin. 2008 und 2010 war Spanien besser, 2012 war Italien einfach da, und Löws Kritiker wetzten die Messer. Dann wurde er Weltmeister.
Nach dem Titel 2014 und dem Erreichen des EM-Halbfinales 2016 wirkte Löw entschlossen, einen Neuanfang zu wagen. Zum Confed-Cup 2017 reiste er mit einer jungen Mannschaft – und gewann. Bei der WM durften dann aber wieder mehrheitlich altgediente und auch alt gewordene Spieler ran – und schieden in der Vorrunde aus. Der Umbruch war vertagt. Dennoch durfte Löw nach halbgarer Selbstkritik und einiger Bedenkzeit des DFB bleiben. Den Abstieg aus der A-Division der Nations League nahm der Teamchef beinahe gelassen hin.
Die stoische Haltung hat er jetzt offenbar abgelegt. Anfang März teilte Löw drei Spielern mit, dass er sie künftig nicht mehr berücksichtigen werde: Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller. Nicht irgendwelche Spieler, sondern Weltmeister. Und – was wohl schwerer wiegt – Profis des FC Bayern. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. „Warum erst jetzt?“, sagten jene Journalisten, die sich den Schnitt schon früher gewünscht hätten. „Warum gerade jetzt?“, sagte der Verein, dem der Zeitpunkt in der entscheidenden Saisonhälfte nicht passte. „Warum so?“, sagten die Spieler, und darin schwang auch ein „Warum überhaupt?“ mit. Der Teamchef kann es niemandem recht machen.
Einen guten Zeitpunkt, um sich mit dem mächtigsten Verein des Landes anzulegen, gibt es nicht – weder im Frühjahr, wenn Entscheidungen fallen, noch im Herbst, wenn die Saison gerade richtig anläuft, oder dazwischen. Erst recht nicht, wenn man selbst umstritten ist. Doch um die Zeichen der Zeit nicht erneut zu übersehen, musste Löw vor Beginn der EM-Qualifikation handeln. Als Teamchef spielt er das lange Spiel, er rechnet nicht in Saisonen, sondern in Turnierzyklen. Es ist nicht sein Job, an die nächsten Partien des FC Bayern zu denken, sondern an die EM 2020 – und darüber hinaus. Das bedeutet aber auch, dass es für Löw in den kommenden 15 Monaten nichts zu gewinnen gibt. Die EM-Qualifikation wäre kein Sieg, sondern eine Selbstverständlichkeit, und jede schwache Partie wird als eine Niederlage des Teamchefs gewertet werden. Vielleicht gilt für ihn aber auch der Satz, der sich am besten mit dem Rücken zur Wand sagen lässt: „Es gibt nichts zu verlieren.“