Am 14. März 1938 ging alles sehr schnell, das Sekretariat der Wiener Austria wurde polizeilich gesperrt, der komplette Vorstand kurz darauf abgesetzt. Nur wenige Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich stand der Klub unter kommissarischer Verwaltung. Das „Vergehen“ der früheren Vorstandsmitglieder: Sie wurden von den Nazis als Juden klassifiziert. Doch wer sich erwartet, dass die Geschichte der Wiener Austria im Nationalsozialismus eine reine Opfererzählung sei, sollte „Ein Fußballverein aus Wien“ lesen.
Das Buch von Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik, Rudolf Müllner und Johann Skocek ist das Resultat einer zweijährigen wissenschaftlichen Untersuchung. Obwohl es die Jahre 1938 bis 1945 im Untertitel trägt, beginnt es bei den vielen Zuschreibungen an die Austria in der Zwischenkriegszeit – vom bürgerlichen Verein über den Judenklub bis zum wienerischsten Klub. Und es endet mit den ähnlich vielfältigen Rollen, die der Verein nach 1945 spielen sollte – als Botschafter eines neuen Österreichs und als Projektionsfläche dringend gewünschter Akte des Widerstands.
Die Marke
„Ja und nein.“ – Matthias Marschik vermeidet im ballesterer-Gespräch einfache Antworten. „Ja, die Austria war im Nationalsozialismus ein normaler Verein. Sie sollte ein Aushängeschild dieses beschwingten Walzer-Wiens werden“, sagt er. „Aber nein, die ökonomische Basis ist komplett umgemodelt worden, und die Entfernung des jüdischen Vorstands ist radikal, strikt und sofort erfolgt.“ Dieses Spannungsverhältnis zwischen Normalem und Außergewöhnlichem durchzieht das gesamte Buch, zumal es nicht nur für die Austria gilt, sondern für den ganzen Fußball in Österreich. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass die Meisterschaft bis zu den letzten Kriegstagen weitergeführt wurde. Bei der Austria zog der Bruch auf der Funktionärsebene keinen Bruch im Spielbetrieb nach sich. Die Meisterschaft ging wie gewohnt weiter, der Kader blieb im Wesentlichen zusammen. Im Oktober wurde der lokale SS-Chef Ernst Kaltenbrunner zum Ehrenpräsidenten ernannt und ein neuer Vorstand gewählt. Dabei handelte es sich aber nicht um eine Übernahme von oben oder außen, ein Großteil der neuen Funktionäre hatte einen Austria-Bezug. „Viele Mythen stimmen nicht“, sagt Marschik. „Zum Beispiel, dass die jüdischen Spieler des Klubs vertrieben worden seien – es hat damals schlicht keine gegeben. Oder dass die Austrianer früher als andere Fußballer einrücken mussten – das verlief jahrgangsmäßig.“
Ab März 1938 wurde der Klub in den Medien zunächst als „SC Ostmark“ bezeichnet, doch keine vier Monate später war der Name „Austria“ wieder gebräuchlich. Ein offizieller Antrag auf eine Umbenennung taucht in den Archiven nicht auf. „Vermutlich war das einfach vorauseilender Gehorsam des Kommissarischen Leiters Hermann Haldenwang“, sagt Marschik. Die Nazis hätten sich an der Bezeichnung „Austria“ als Erinnerung an den früheren Staat nicht gestört. „Etliche Industrieunternehmen haben den Titel Austria behalten. Die Austria war eine Marke im europäischen Fußball. Wenn ich über ‚Großdeutschland‘ hinaus Werbung machen will, brauche ich den Namen.“ Der Klub mit seinem schönen Spiel sollte den Wiener Fußball repräsentieren – als Teil des Deutschen Reichs. Dass die Austria auch so wahrgenommen wurde, verdeutlichten die Auftritte im Frühling 1941 im besetzten Dänemark. Als die Wiener den Arm zum Hitlergruß hoben, kam es auf den Zuschauerrängen zu Tumulten und Pfiffen. Ähnliche Episoden lassen sich auch bei der Admira, Rapid und der Vienna finden, die damals erfolgreich Fußball spielten. „Ein Fußballverein aus Wien“ trägt viele dieser Geschichten zusammen, neben neuen Erkenntnissen bauen die Autoren auf den Forschungsergebnissen der letzten 20 Jahre auf, die auch in der ballesterer-Reihe „Fußball unterm Hakenkreuz“ veröffentlicht wurden.
Die Menschen
Das Buch setzt die Austria in den größeren Kontext des Wiener und nationalsozialistischen Fußballs. Die Autoren schlagen aber nicht nur den großen Bogen, sondern oft auch den kleinen. Immer wieder wird der Haupttext durch Exkurse zu einzelnen Biografien unterbrochen. Die Geschichten der vertriebenen Funktionäre werden ebenso erzählt wie jene von Opportunisten, Profiteuren und Tätern. Die Flucht und Ermordung des Klubmanagers Robert Lang findet ebenso Platz wie das Schicksal von Präsident Emanuel Schwarz, der nach 1945 als einziger vertriebener Funktionär zum Klub zurückkehrte. Die Geschichte des SA-Manns Hans Mock, der gerne mit Hakenkreuzbinde zum Training erschien, erhält ebenso Raum wie die der Stars Karl Sesta und Matthias Sindelar, die nach der Abschaffung des Profifußballs Betriebe „arisierten“. Und nicht alle Details ließen sich klären. „Wir haben keine Unterlagen zur Wohnung Sindelars gefunden“, sagt Marschik. „Aber es steht zu vermuten, dass er sie auch ‚arisiert‘ hat.“
Die Biografien lesen sich nicht nur deshalb spannend, weil sie mitunter Geschichten längst vergessener Funktionäre ans Licht bringen, sondern weil sie Ambivalenzen zeigen. Da gibt es das komplizierte Beziehungsgeflecht um Walter Nausch, der mit seiner jüdischen Frau Margarethe in die Schweiz auswanderte, aber im Austausch mit dem neuen Austria-„Vereinsführer“ und NSDAP-Mitglied Bruno Eckerl blieb, der als Rechtsanwalt versuchte, die Enteignung von Margarethe Nausch abzuwenden. Eckerl vertrat vor Gericht auch den jungen Ernst Stojaspal, Stürmer bei der SG Reichsbahn, der sich 1944 eine Verletzung zufügen ließ, um nicht mehr an die Front zu müssen, und wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt wurde.
Das Buch zeigt eine Bandbreite an Verhaltensweisen in der Diktatur und geht damit über eine Geschichte des Fußballs hinaus. „Auch wenn all diese verschiedenen Handlungen politisch sind, heißt das nicht immer, dass die Motive politisch sind“, sagt Marschik. „Das ist für das Verständnis des Nationalsozialismus extrem wichtig: Es gibt nicht nur Nazis und Widerstandskämpfer. Das Nebeneinander ist das Spannende.“