Damir Canadi hat sich in Griechenland einen Namen gemacht. Sein junges Team ist am besten Weg, sich neuerlich für den Europacup zu qualifizieren. Im Interview spricht der Trainer von Atromitos über den griechischen Fußball, schwierige sechs Monate beim SK Rapid und seine Zukunftspläne.
„Alle haben sie mich mittlerweile hier besucht“, sagt Damir Canadi, als er den ballesterer Ende März in Athen begrüßt. „Außer Alexander Huber und Christian Hackl, die sind natürlich nicht gekommen.“ Mittlerweile rennt beim 47-jährigen wieder der Schmäh. Dabei versteckt der Wiener die Genugtuung gegenüber seinen Kritikern von der Presse nicht. Immerhin coacht er Atromitos bereits die zweite Saison und das erfolgreich. Eine derart lange Amtsperiode ist in Griechenland eine Seltenheit. Auch beim Klub aus Peristeri, einem Arbeitervorort Athens, war der Posten in den letzten Jahren ein Schleudersitz. Doch die gute Arbeit Canadis wird hier von allen Seiten anerkannt, in der Vorsaison wurde er gar zum Trainer des Jahres gewählt. Da darf es auch vorkommen, dass der Klub ein paar Spiele hintereinander verliert. Im März setzte es gegen die Top drei – PAOK Saloniki, Olympiakos Piräus und AEK Athen – Niederlagen. Dennoch liegt Atromitos weiterhin auf dem vierten Platz.
Auf Linie – Der frühere Trainer der Wiener Liga arbeitet sich nach oben
ballesterer: Sie sind jetzt die zweite Saison in Athen. Leben Sie gerade Ihren Traum?
Damir Canadi: Es ist wahrscheinlich für jeden Trainer das Ziel, irgendwann im Ausland zu arbeiten. Nach der Zeit bei Rapid war Griechenland eine ganz spezielle Herausforderung. Hier sind Trainerposten nicht gerade sicher. In meinem ersten Jahr hat es in der ersten Liga 21 Trainerwechsel gegeben, diese Saison waren es auch schon an die 20. Du bist hier als Trainer die wichtigste Person im Verein, aber auch der Erste, der gehen muss.
Atromitos liegt derzeit auf einem Europacupplatz. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Abschneiden?
Grundsätzlich muss sich Atromitos hinter den Topklubs einreihen, also Olympiakos Piräus, PAOK Saloniki, AEK Athen, Panathinaikos und Aris Saloniki. Üblicherweise bewegt sich der Klub zwischen den Plätzen sechs und zehn, jetzt schaffen wir es vielleicht zum zweiten Mal in Folge, uns für den Europacup zu qualifizieren. Wir haben zwar kein besonders hohes Budget, aber einen positiv verrückten Präsidenten, der unbedingt Erfolg haben möchte. Und wir haben einen tollen Sportdirektor, der Tag und Nacht für den Verein arbeitet und mich stark unterstützt. Ich bin keinesfalls alleine für den Erfolg verantwortlich.
Die griechischen Vereine werden zumeist von Oligarchen geführt, die nicht selten mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Atromitos-Präsident Giorgos Spanos ist 2014 wegen Treibstoffschmuggels verhaftet worden. Wie ist Ihr Verhältnis?
Wie Spanos in Konflikt mit dem Gesetz gekommen ist, kann ich nicht beurteilen. Das war vor meiner Zeit. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Er hat sich stark um mich bemüht und mir von Anfang an großes Vertrauen entgegengebracht. Mit seiner Unterstützung haben wir auch gleich einen großen Kaderumbruch bewältigt.
Sie haben mit relativ geringen Mitteln ein schlagkräftiges Team zusammengestellt. Gehört die Kaderplanung zu Ihren Stärken?
Ich denke schon. Ich habe ein gutes Netzwerk, bin sehr interessiert am Markt und möchte in Transfers stark eingebunden sein. Wir haben beim Kaderumbruch großen Wert darauf gelegt, Spieler mit der richtigen Mentalität und Geschwindigkeit zu holen. Eigentlich musst du hier aber jeden Sommer einen Umbruch machen, weil viele Spieler wechseln. Letztes Jahr haben wir mit Alexandros Katranis und Dimitrios Limnios zwei große Talente verkauft. Solche Transfers sind aus finanzieller Sicht sehr wichtig.
Mit Efthymios Koulouris und Amr Warda hat Atromitos zwei wichtige Spieler von PAOK ausgeliehen. Sind solche Leihgeschäfte das Erfolgsrezept von Atromitos?
Diese Spieler haben großes Potenzial, kommen bei ihren Vereinen aber nur wenig zum Zug. Bei uns bekommen sie Einsatzzeiten. Ohne Leihgeschäfte könnten wir uns Spieler wie sie nicht leisten, ihre Stammvereine zahlen ja auch einen Teil des Gehalts. Für sie ist es trotzdem ein lukratives Geschäft, da sich der Marktwert der Spieler steigert.
„Rapid war vor mir nicht erfolgreich, mit mir nicht erfolgreich und nach mir nicht erfolgreich.“
Damir Canadi
Welche Spielweise hat Ihr Team?
Mir ist eine gute Balance wichtig. Wir sind sehr gut im Umschaltverhalten in beide Richtungen, und die Mannschaft bringt sehr viel Leidenschaft auf den Platz. So ein Fußball gefällt mir: Wir zeigen, dass wir immer eine Leistung bringen, auf die man stolz sein kann – auch wenn wir einmal nicht gewinnen sollten.
Sie pflegen ein gutes Verhältnis zu „Fentagin“, der größten Fangruppe Ihres Klubs. Was zeichnet die Fans von Atromitos aus?
Sie geben alles und leben für den Verein. Mir ist von Beginn an großer Respekt entgegengebracht worden. Vor Kurzem haben sie mich wegen meiner Leistungen für den Verein geehrt. Diese Anerkennung hat mir eine große Freude bereitet.
Mitte März ist das Derby zwischen Panathinaikos und Olympiakos nach Ausschreitungen abgebrochen worden. Wie präsent ist die Gewalt im Fußball?
Grundsätzlich findet keiner, der im Fußball tätig ist, so etwas gut. Ich habe mit den Menschen hier sehr intensiven Kontakt, dadurch sehe ich das mittlerweile etwas differenzierter. Es geht häufig nicht um Fußball, oft führen viele kleine Auslöser zur Eskalation. Dabei kommen Dinge wie die allgemeine Lage in Griechenland zum Tragen. Die Menschen leiden unter der Wirtschaftskrise. Viele haben keinen Job, andere verdienen nicht das, was sie gerne verdienen möchten oder vor einigen Jahren verdient haben. Dann spielt auch der Basketball hinein, weil Rivalitäten dort noch einmal intensiver gelebt werden. Auch die Machtverhältnisse im Fußball inklusive Korruption sind ein Thema, Schiedsrichterentscheidungen werden oft in diesem Sinne interpretiert.
In den letzten Jahren war immer wieder von Spielmanipulationen zu lesen. Wie sehr haben Sie unter falschen Schiedsrichterentscheidungen gelitten?
Der Verband ist sehr darauf bedacht, mögliche Manipulationen in den Griff zu bekommen. Für einen Trainer ist es natürlich nicht leicht, wenn regelmäßig seltsame Entscheidungen getroffen werden. Oft weiß man nicht mehr, ob es einfach nur ein Fehler war oder vielleicht doch Korruption dahintersteckt. Wenn diese Entscheidungen in einer gewissen Häufigkeit passieren, hadert man selbstverständlich damit. Die Fans glauben sowieso nach jeder strittigen Entscheidung, dass ihr Klub hintergangen worden ist.
Sie haben Bruno vom LASK ausgeliehen und Armin Mujakovic von Rapid und Emanuel Sakic von Altach geholt. Wie intensiv verfolgen Sie den österreichischen Fußball?
Wenn es unser Zeitplan zulässt, schauen mein Co-Trainer Eric Orie und ich nicht nur die Bundesliga, sondern natürlich auch andere Ligen. Da ich in Altach, Simmering, bei der Fortuna und beim FAC schöne und erfolgreiche Zeiten verbracht habe, verfolge ich diese Vereine bis heute.
Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie die Entwicklung Ihres Ex-Vereins Rapid sehen?
Es ist viel Zeit vergangen, der Verein ist für mich mittlerweile weit weg. Rapid war vor mir nicht erfolgreich, mit mir nicht erfolgreich und nach mir nicht erfolgreich. Warum das so ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe vor Rapid sehr viele Erfolge gehabt und konnte auch danach wieder erfolgreich arbeiten. Das ist der Anspruch, den ich an mich stelle.
Wie sehen Sie rückblickend die Zeit bei Rapid?
Natürlich habe ich viel nachgedacht und lehrreiche Dinge mitgenommen. Ich versuche immer, mich zu hinterfragen und zu überlegen, was ich besser machen hätte können. Bei meinem Wechsel war ich mit Altach Tabellenführer. Wenn ich Zweiter hätte werden wollen, hätte ich auch in Altach bleiben können. Mein Ziel war es, der Trainer zu sein, der mit Rapid wieder Titel holt. Das ist mir nicht gelungen. Im Nachhinein war es sicher ein Fehler, mitten in der Saison zu wechseln. Ich habe es nicht geschafft, der Mannschaft eine Siegermentalität mitzugeben. Die ist speziell dann gefragt, wenn es nicht ums scheinbar schöne Spiel geht. Bei minus zwei Grad am WAC-Platz, auf dem sich der Ball 17-mal verspringt, muss man gewisse Tugenden mitbringen.
Woran ist es gescheitert?
Ich wollte die Spieler aus ihrer Komfortzone herausholen. Wenn die Spieler nicht das machen wollen, was der Trainer vorgibt, braucht das Team gar keinen Trainer mehr. Ich habe versucht, authentisch zu bleiben und mich für niemanden zu verändern. Ich passe mich immer den jeweiligen Gegebenheiten im Verein an, aber wie ein Team zu führen ist, ist Trainersache.
Ihr aktueller Spieler Amr Warda sagte über Sie, dass Sie wie ein Vater für ihn seien. Man nennt Sie hier den „Lehrer“. Warum haben Sie solche Beziehungen bei Rapid nicht aufbauen können?
Das müsste man wohl auch die Mannschaft fragen. Die war von einer erfolgreichen Zeit unter Zoran Barisic extrem geprägt. Jeder Spieler hatte seinen Status. Außerdem bin ich in den Spielen gegen Altach zu einem gewissen Feindbild avanciert. Es war dabei immer sehr emotional, vielleicht auch, weil ich als Wiener bei einem Klub gearbeitet habe, den man gerne als Dorfklub betitelt. Da haben sich Dinge über Jahre aufgebaut, die die Arbeit bei Rapid vom ersten Tag an schwierig gemacht haben. Es haben Trainer gekündigt, weil sie nicht mit mir zusammenarbeiten wollten. Spieler und Trainer waren intern sehr eng verbunden, der eine oder andere ist gemeinsam mit Spielern auf Urlaub gefahren. Andere waren Trauzeuge beim Masseur. So eine Situation habe ich bisher noch nie erlebt.
War es zu familiär beim eigentlich großen SK Rapid?
Für mich ist die Teamentwicklung zentral. Mir sind Kommunikation, Respekt und Akzeptanz sehr wichtig. So wie ich behandelt werden möchte, so möchte ich meine Mitmenschen behandeln. Das war mir bei Rapid so nicht möglich, und das habe ich vom ersten Tag an zu spüren bekommen. Als ich der Mannschaft erklärt habe, wie ich spielen lassen möchte, hat sich ein Spieler in den Spind gesetzt, sich das Handtuch vors Gesicht gezogen und gesagt: „Ich spiele sowieso, was ich will.“ Das war in der ersten Trainingswoche.
Wie kann man junge Spieler am Boden halten?
Im Vergleich zu meiner Generation hat sich einiges Grundsätzliches verändert: die Gesellschaft, die Erziehung zu Hause, die Einstellung der Eltern. Die Vereine sind mit den Akademien anders aufgestellt. Eltern junger Fußballer übernehmen nur mehr einen Teil der Erziehung, der Rest passiert außerhalb. Die Jungs kommen auch schon sehr früh drauf, welche Versprechen es im Fußball gibt. Auch hinsichtlich des Wohlstands, dem jeder eine andere Wertigkeit gibt. Das ist extrem geworden. Wenn der Trainer zu meiner Zeit gehört hat, dass wir Spieler übers Wochenende nach Kroatien gefahren sind, hat es dafür Strafen gegeben. Mittlerweile jetten Spieler mit Privatjets schnell einmal auf eine Insel. Das macht die Situation nicht einfacher. Heutzutage läufst du als Trainer Gefahr, es nur noch allen recht machen zu wollen. Um Erfolg zu haben, brauchst du aber Hierarchien.
Sonne vereinfacht die Dinge - Damir Canadi in Athen
Wie geht es Ihnen abseits vom Fußball in Griechenland?
Meine Eltern sind 1967 aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich gekommen. Diese Balkanwurzeln haben sie mir auch irgendwie mitgegeben. Mir gefällt die gesellige und freudvolle Kultur hier sehr gut, wie Alt und Jung zusammenleben und welchen Stellenwert Musik hat. Die Griechen trinken extrem gerne Kaffee, ich auch. Acht Monate Sonne im Jahr vereinfachen auch viele Dinge. Man geht raus, spürt die Wärme und lebt am Meer.
Wohin wird die Reise des Trainers Canadi noch führen?
Das Trainergeschäft ist schwer planbar. Natürlich habe ich Ziele. Als ich in der Wiener Liga gesagt habe, dass ich einmal in der Bundesliga arbeiten möchte, haben mich einige für verrückt erklärt. Ich versuche aber immer, das Höchstmögliche zu erreichen. Das wäre jetzt, in der Champions League zu spielen.
Panathinaikos und Olympiakos sind sicher schon auf den Trainer des Jahres aufmerksam geworden. Wäre ein Engagement bei einem der beiden reizvoll?
Ich wollte nach der Rapid-Zeit wieder Fuß fassen und Erfolge feiern. Auch wenn es 17 sehr erfolgreiche Jahre waren und nur sechs Monate, die nicht funktioniert haben, redet man gerne über genau diese Zeit. Hier habe ich mir nun eine große Wertschätzung erarbeitet, und es haben sich einige Möglichkeiten aufgetan. Man wird sehen, was passiert.
Damir Canadi (48) startete seine Trainerkarriere im Wiener Unterhaus, trainierte in der Regionalliga und der zweiten Liga. 2014 führte er den SCR Altach in die Bundesliga, anschließend erstmals in den Europacup. Nach einer kurzen Station beim SK Rapid ging er im Juni 2017 zu Atromitos.
In der Europacupsaison 1995/96 ist der SK Rapid im Flow. Mit Didi Kühbauer als Spielmacher, Trifon Iwanow als Libero und dem Sturmduo Christian Stumpf und Carsten Jancker steigert sich das Team Runde um Runde – bis zum Finale in Brüssel. lesen
Tobias Fuchs ist in der Nähe des Weststadions aufgewachsen, der Weg zu seinem SK Rapid war immer ein kurzer. Seit 14 Jahren begleitet er den ballesterer, seit zwei Jahren auch Züge. lesen