„Juve, Juve vaffanculo!“ Die kleine Dalma spielt mit ihrem Vater, der von ihren Gesangskünsten beeindruckt ist und sich zerkugelt. Die Szene aus dem Wohnzimmer der Familie Maradona zeigt einen Mann Ende 20, der nicht weiß, wie er mit dem Großwerden umgehen soll. Dass ausgerechnet er der Größte aller Zeiten sein soll, macht seine Lage nicht einfacher. Nach preisgekrönten Dokumentationen über tote Helden und Heldinnen wie Ayrton Senna und Amy Winehouse widmet sich Regisseur Asif Kapadia in seinem jüngsten Film Diego Armando Maradona. Der lebt zwar noch, der Erzählstrang konzentriert sich aber auf einen abgeschlossenen Zeitraum: Maradonas sieben Jahre in Neapel von 1984 bis 1991. Die Geschichte beginnt mit dem Transfer des teuersten Spielers der Welt in die ärmste Stadt Europas, wie es in einem zeitgenössischen TV-Bericht hieß, und endet mit einer Verurteilung wegen Drogenbesitzes und der Flucht aus Neapel nach einem positiven Dopingtest. Dazwischen fällt die Krönung als bester Spieler der Welt, der auf wundersame Weise mit Argentinien Weltmeister wird und die bisher einzigen zwei Meistertitel Napolis holt.
Bis ans Ende der Welt
Kapadia setzt auf Archivmaterial, das durch starke Bilder glänzt. Neben Klassikern wie den Toren bei der WM 1986 und der Meisterfeier in Neapel zeigt er auch unbekanntere Szenen wie eine Autofahrt durch die Stadt zum San Paolo und eine Grillerei von Maradonas Vater im argentinischen Teamcamp. Durch die Geschichte führen aus dem Off Maradona selbst, Weggefährten wie seine frühere Frau Claudia Villafane und sein ehemaliger Mitspieler Ciro Ferrara und Journalisten. Maradonas Schwester Maria trifft eine zentrale Aussage, als sie erzählt, wie ihr Bruder mit 15 zum Ernährer der Familie wurde: „Eine große Bürde für einen allein.“
Sein früherer Fitnesstrainer Fernando Signorini darf dann die eigentliche Kernthese des Films formulieren. Sie handelt von zwei Persönlichkeiten: dem unsicheren, herzlichen Diego und der präpotenten Kunstfigur Maradona. „Ich habe ihm gesagt: Mit Diego gehe ich bis ans Ende der Welt, mit Maradona mache ich keinen gemeinsamen Schritt.“ Immerhin dürfte sich der Spieler seiner Unteilbarkeit bewusst gewesen sein, denn er antwortet, dass er ohne Maradona nie aus dem Armenviertel Villa Fiorito in Buenos Aires herausgekommen wäre.
Dieses Spannungsverhältnis unterstreicht Kapadia immer wieder. Er zeigt den beim Training groß aufspielenden Ballzauberer, den schmähführenden Mannschaftskapitän und den befreit tanzenden Privatmenschen ebenso wie den angespannten Spieler, den kalkulierenden Medienprofi und den manischen Drogenabhängigen. Besonders stark sind die Szenen, bei denen Gegensätze ineinander übergehen, etwa als am Tag nach dem WM-Titel ein Kamerateam im Teamquartier zu Besuch ist. Maradona richtet Grußworte an vier Frauen, deren Bilder an seinem kleinen Bettverschlag angebracht sind. Wie ein braver Verlobter grüßt er seine Lebensgefährtin Claudia, anschließend verweist er wie ein Teenager auf das Poster von Popstar Valeria Lynch, ehe er wie ein demütiger Katholik ein Madonnenbild küsst. Die Szene endet mit dem Schwenk auf ein Poster, das aus einem billigen Pornoheft zu stammen scheint – wie ein spätpubertierender Dillo posiert Maradona vor der nackten Frau.
Die unbeliebteste Person
Kapadia dreht die Gegenüberstellung zwischen dem liebenswerten Diego und dem unsympathischen Maradona auch am Platz weiter. Dort weicht das Bild dem Paar Genie und Wahnsinn, wie es sich im WM-Viertelfinale 1986 gegen den früheren Kriegsgegner England präsentiert. Maradona trifft zweimal – zuerst per Hand, drei Minuten danach dribbelt er die komplette englische Mannschaft aus und erzielt den Treffer, der später zum Tor des Jahrhunderts gewählt werden wird. Dazu ist im Film der Originalkommentar des argentinischen Reporters zu hören: „Kosmischer Drache! Von welchem Planeten ist dieser Mann?“
Zur kompletten Symbiose finden dann Diego, Maradona und Neapel. Die Siege Napolis führen zu monatelangen Feiern, Ohnmachtsanfällen und Herzinfarkten der Fans. Maradona wird verehrt, später vergöttert. Als er wegen eines sportmedizinischen Tests einmal Blut abnehmen geht, bringt der Labormitarbeiter die Probe in den Dom, wo das jährlich zum Wunder gerinnende Blut des Stadtheiligen San Gennaro lagert. Maradona nimmt die Rolle an, nach der Meisterschaft sagt er, dies sei der wichtigste Titel seiner Karriere, weil er ihn – anders als die WM 1986 – zu Hause gewonnen habe. Schlussendlich zerbricht er aber an der Symbiose, denn die neapolitanische Sonne wirft auch viele Schatten. Vor der Liebe der Fans gibt es ebenso wenig Entkommen wie vor der Camorra-Familie Giuliano, die sich Maradona am Ende wie ein privates Maskottchen hält. Inneritalienische Konflikte verkomplizieren die Situation weiter. Die Erfolgserlebnisse der vom Binnenrassismus gebeutelten Stadt währen nur kurz, spätestens mit dem WM-Halbfinale 1990 zwischen Argentinien und Italien in Neapel kommt es zur Eskalation. Wenig später ist Maradona laut einer Umfrage von La Repubblica die unbeliebteste Person des Landes.
Regisseur Kapadia greift zwar auf Vereinfachungen zurück, dennoch gelingt es ihm gut, Maradonas Wirken in einen größeren Kontext zu setzen. Der Film dokumentiert auch eine Medienwelt im Wandel, die ihre Stars produziert und brutal ins Rampenlicht drängt. Im Umgang mit dieser Überforderung zeigen sich Maradonas Ambivalenzen: Er verweigert, wenn er auf Journalistenfragen einsilbig und ironisch antwortet. Er protestiert, wenn er mit seinen Weltmeisterkollegen Spottlieder auf die Presse singt. Und er spielt mit, wenn er selbst die Siegerinterviews in der Kabine führt. Dass die Presse in dieser Auseinandersetzung am längeren Hebel sitzt, zeigt sich am Schluss, als Maradona 2004 in einem Fernsehinterview öffentlich vorgeführt wird. Unter Tränen berichtet der körperlich gezeichnete Star von seinen Aufenthalten in einer psychiatrischen Klinik. Spätestens dann bekommt man nicht nur mit Diego, sondern auch mit Maradona Mitleid.