Netflix hat den Fußball entdeckt – und setzt dabei ebenso auf große Namen wie auf Fankultur. Die erzählerischen Freiräume können die Produktionen des Streaminganbieters aber nicht nutzen, sie scheitern an der Spannung, die der Fußball nur live erzeugt.
Die Kamera schwebt über den Dächern einer Industriestadt hin zu einer Kathedrale. Menschen gehen hinein, drinnen erhebt der Priester die Stimme zum Gebet. Die Gemeindemitglieder, deren malerisch wirkende Physiognomien von einem harten Leben erzählen, hören andächtig zu. „Lasset uns beten, für den Sunderland Football Club und unsere Stadt“, sagt der Geistliche. Die Szene stammt aus der Dokuserie „Sunderland ’Til I Die“. Sie handelt vom Abstieg des Sunderland AFC aus der Premier League 2017 und der Bedeutung des Klubs für die nordenglische Stadt. Die Serie wurde für den Streamingdienst Netflix produziert und stieß auf überwiegend positive Kritiken, die Dreharbeiten für die zweite Staffel laufen bereits.Erfolglose Suche
„Sunderland ’Til I Die“ ist kein Einzelfall, Netflix bietet immer mehr Titel an, die sich um Fußball drehen. Die filmische Verarbeitung des Sports stößt jedoch auf ein Problem: Das Spiel selbst und die ihm innewohnende Spannung, die darin besteht, dass nicht nur der Ausgang, sondern auch die Spielzüge immer wieder aufs Neue ungewiss sind, verweigern sich der Darstellung. Denn das Ergebnis ist bereits bekannt. So wird jede filmische Nacherzählung nicht einfach nur zur Deutung des Spiels, sondern zur Suche nach der einstmals gewesenen Spannung des Spiels.
Der Serie „Juventus Turin. Der Rekordmeister“, ebenso 2018 erschienen, merkt man diese erzählerische Not an. „Der Verein wird von einer Tragödie erschüttert“, heißt es aus dem Off in der Folge zum Champions-League-Achtelfinale im März 2018 gegen Tottenham. Im Hinspiel hat Juventus einen 2:0-Vorsprung aus der Hand gegeben, die Partie endete unentschieden. Illustriert wird dies in der Serie durch den Anblick enttäuschter Spieler, die Sequenz nach dem Abpfiff zeigt mehrere Sekunden lang den Turiner Nachthimmel. Danach ist zu sehen, wie sich Trainer Massimiliano Allegri vor der Presse erklären muss. Eine halbe Stunde – in der Realität: drei Wochen – später folgt das Happy End: Die Turiner gewinnen in London 2:1 und ziehen ins Viertelfinale ein. Irgendwie wussten wir ja schon davon.
Das Infomercial setzt auf den großen Namen und dessen Inszenierung, doch es bleiben Schauwerte ohne Tiefe.
Infomercial und Sozialromantik
Es ist unschwer zu erkennen, was Juventus von der Serie hat: schöne Bilder von Festen, auf denen dankbare Fans mit der Eigentümerfamilie feiern, Szenen mit gut bezahlten Stars, die tiefe und bescheidene Gedanken über ihre Verbindung zum Sport äußern. Der tränenreiche Abschied Gianluigi Buffons zeigt nicht nur dessen Emotionen, sondern auch die emotionale Reaktion auf diese Emotion. Aber hat der Zuseher deswegen auch Emotionen? – Das Infomercial setzt auf den großen Namen und dessen Inszenierung, doch es bleiben Schauwerte ohne Tiefe. „Die Fernsehgelder in Italien sind niedriger als in anderen Ländern“, sagte Juventus-Marketingchef Federico Palomba nach der Premiere der Serie. „Wir müssen neue Kanäle finden. Es geht nicht nur um Sport, es geht auch um Entertainment.“
In England sind die Fernsehgelder höher als in Italien, doch die finanzielle Not des Sunderland AFC war ein Grund für den damaligen Eigentümer Ellis Short, dem Filmteam die Kabinentüren zu öffnen. Er hoffte, die Serie würde Investoren anziehen. Die brauchte es dafür jedoch gar nicht, der Klub wurde noch während der Dreharbeiten von einem neuen Eigentümer übernommen. Die Herangehensweise in Sunderland ist dennoch eine gänzlich andere als in Turin. Nicht die Stars oder inszenierte Dramatik stehen im Vordergrund, sondern die Stadt selbst. „Niemand liebt Fußball wie Sunderland. Niemand braucht Fußball wie Sunderland“, heißt es im Werbetext. Die Serie zeigt jedes Pub dieser Stadt, begleitet Buffetkräfte und sitzt am Tisch mit dem Management. Offenbar wurde jeder der rund 174.000 Einwohner Sunderlands belästigt, um die Verbindung von Fußball, Fankultur und der Arbeiterklasse in Leinwandgröße produzieren zu können. Das alles sieht aus, als hätte Ken Loach Regie geführt. Das hat er nicht, doch Netflix achtete bei der Auswahl der Partner auf das Verkaufsargument street credibility. Der Streamingkonzern engagierte eine Produktionsfirma, die eng mit dem Klub verbunden ist, ihr Name Fulwell 73 ist eine Referenz an eine Tribüne im früheren Stadion Roker Park und das Jahr, in dem der Klub den FA Cup gewann. „Sunderland ’Til I die“ sieht man den Wunsch an, kommerziell auch ohne Stars erfolgreich zu sein – die Zielgruppe sind an Fankultur Interessierte. Das Konzept geht auf: „Bemerkenswert, eine wunderbare Serie“, schrieb etwa der Guardian. Noch euphorischer wurde Sports Illustrated: „‚Sunderland ’Til I Die‘ enteilt trotz der misslichen Lage des Klubs der Konkurrenz.“
Dass sich Fußball und Entertainment kommerziell aufschaukeln, ist eine alte Geschichte. Auch für Netflix – seit 2014 auf dem deutschsprachigen Markt aktiv – und seine Geschäftsinteressen macht das Spiel gerne seinen Diener. Quoten, wie sie Champions-League-Partien garantieren, spielen für den Streaminganbieter dabei eine untergeordnete Rolle. Das Geschäftsmodell besteht nicht im Anbieten von Werbeplatz, sondern im Vertreiben von Flatrate-Abos. Um diese zu verkaufen und die bestehenden Abonnenten bei der Stange zu halten, ist es nicht genug, fiktionale Eigenproduktionen und Fremdtitel anzubieten. Das Publikum muss dort abgeholt werden, wo es sich gerade befindet. Da darf die populärste Sportart der Welt nicht fehlen. Das hat auch die Konkurrenz erkannt. Bei Amazon Prime läuft seit August „Inside Borussia Dortmund“, auch andere große Produktionsfirmen setzen schon eigene Fußballprojekte um.
Um dem Spannungsdilemma des Fußballfilms zu begegnen, setzen die Netflix-Angebote auf unterschiedliche dramaturgische Strategien. „Forbidden Games. The Justin Fashanu Story“ etwa erzählt die tragische Geschichte des ersten Profifußballers, der seine Homosexualität öffentlich machte. Der Film setzt auf Interviews und assoziative Bilder, nachgestellte Szenen und sogar Standbilder, es gibt eigentlich nur einen Spielausschnitt. Nachgestellte Szenen verstärken die History-Channel-Ästhetik. Fashanus Aufenthalt im Waisenhaus wird durch das Abfilmen eines Kindes auf einer kahlen Treppe illustriert. Fußball und Fankultur treten in den Hintergrund, das eigentliche Thema ist der Umgang der Medien mit Homosexualität im Fußball. Die schlichte Ästhetik wird dadurch wettgemacht, dass die naheliegende Heroisierung Fashanus nicht bedient wird, stattdessen liefert der Film das Porträt einer zwiespältigen Persönlichkeit. Als 1998 ein 17-Jähriger angibt, einen sexuellen Übergriff durch Fashanu erlitten zu haben, bringt dieser sich in einer Garage um. Der tragische Schluss kennt nur Verlierer, das Narrativ wandelt zielsicher am schmalen Grat zwischen Verständnis und Anklage.
Ganz anders funktioniert „Antoine Griezmann. The Making of a Legend“: Da ist der – auch körperlich – kleine Antoine, dessen Talent in Frankreich verkannt wird. Nur die Familie und ein Manager glauben an den Buben, bis er schließlich im fernen Baskenland Bestätigung findet, Teamspieler und Weltmeister wird. Obwohl die Geschichte Material für eine solide Erzählung bietet, wird die Biografie ohne Tiefgang abgehandelt. Es wirkt fast so, als würde man fürchten, Zuseher zu verschrecken. Selbst die Ereignisse um die Terroranschläge in Paris zeitgleich mit dem Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland im November 2015 – Griezmanns Schwester war im Bataclan, er im Stade de France am Platz – werden eigentümlich platt abgehandelt. Die Mischung aus Rags to riches und Bravo-Starschnitt ist kaum erträglich.
Klischees statt Authentizität
Die Beispiele stehen für unterschiedliche Strategien, mit denen die Netflix-Produktionen die beiden Pole fußballerischer Faszination bedienen: Zum einen glory hunting, also große Mannschaften, große Spieler und große Erfolge, zum anderen Alternativkulturen, also Fans, Vereine und Menschen. Schöne und große Momente sehen wir dort, wo im Narrativ das Spiel in den Hintergrund tritt, bei Persönlichkeiten und ihrer Entwicklung, wie etwa in „Forbidden Games“. Der große erzählerische Freiraum, den der Streamingdienst bietet – die Produktionen sind nicht auf 90 Minuten beschränkt, und das Gezeigte muss nicht in ein Programmschema gezwängt werden – kann aber nicht ausgeschöpft werden. Netflix heischt mit der fast repetitiven Inszenierung von Klischees zu sehr nach der Gunst des Fans, so gelingt es nicht, die Welt des Spiels in ihrer Gesamtheit abzubilden. Auch „Sunderland ’Til I Die“ wirkt letztlich wie die Cinemascope-Version alternativer Fußballkultur. Die Bilder lassen die Rauheit vermissen, sie sind nicht authentisch. Wer niemals im Stadion war, nie auf Auswärtsfahrt im zentimeterhohen Urin des Gästeklos gestanden ist und nie für eine Mannschaft eine Saison lang gezittert hat, mag das für das Echte und Wahre halten.
In der Kathedrale Sunderlands wird indessen weiter für den Verein gebetet. „Führe uns, um bei jedem Spiel unser Bestes zu geben.“ Cut auf jubelnde Ränge. „Hilf uns, den Zorn und die Wut zu vergessen, wenn unser Team nicht sein Bestes gibt.“ Schnitt auf wütende Fans. Die Kamera beginnt, um die inbrünstig betenden Menschen zu kreisen. „Hilf den frustrierten Bürgern von Sunderland, denn sie sind brave hart arbeitende Menschen, denn der Erfolg unseres Teams hilft, fördert unseren Erfolg und den unserer Stadt.“ Die Musik steigert sich dramatisch zum Finale, wir blicken in der abschließenden Totalen hinab auf die Stadt, um die es geht. Amen.