„Wir wollen eigentlich nicht mehr über Clemens Tönnies reden. Dazu haben wir alles gesagt.“ So beginnt das Gespräch mit Susanne Franke, Vorstandsmitglied der „Schalker Fan-Initiative“, die sich seit 1992 gegen Rassismus im Fußball einsetzt. Was zu Tönnies zu sagen ist, ist simpel. Der Schalker Aufsichtsratschef hat im August in einer Rede vor Unternehmern seine Idee zur Bekämpfung des Klimawandels skizziert: Man solle in Afrika Kraftwerke finanzieren, denn „dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“. Für Franke und die „Schalker Fan-Initiative“ ist klar: Nach solch einer rassistischen Aussage kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.ballesterer: Sie haben mit Fans viele Gespräche über die Aussage von Clemens Tönnies und die Folgen geführt. Ist Ihre Einschätzung konsensfähig?
Susanne Franke: Die meisten sind sich einig, dass diese Aussage rassistisch ist. In der Diskussion ist jedoch häufig eine zweite Frage dazugekommen: Ist jemand, der sich rassistisch äußert, ein Rassist? Damit ist die Debatte in eine völlig andere Richtung gegangen.
Das ist auch das Fazit der Ethikkommission des DFB. Die Aussage sei rassistisch, Tönnies habe aber glaubwürdig gemacht, dass er kein Rassist sei.
Nehmen wir einmal an, das ist so: Ein Mensch ist kein Rassist, hat aber eine rassistische Aussage getätigt. Was tut er dann, sobald er damit konfrontiert ist? Er könnte sich zur Sache äußern und sich aufrichtig entschuldigen – und zwar bei denen, die er beleidigt hat. Wäre das gleich nach der Rede passiert, würden wir heute nicht miteinander sprechen. Die Aufrichtigkeit ist das Kernthema. Es hat jedoch nur eine knappe Entschuldigung an alle Schalker wegen der sogenannten törichten Aussage gegeben.
Die fehlende Entschuldigung bei denjenigen, die rassistisch beleidigt worden sind, hat auch der ehemalige Schalker Hans Sarpei kritisiert. Ex-Spieler Gerald Asamoah hat Tönnies’ Worte als rassistisch bezeichnet. Welche Wirkung hat das gehabt?
Das hat unsere Wahrnehmung bestätigt. Asamoah hat sich nur einmal zu Wort gemeldet, Sarpei, der in sozialen Medien sehr präsent ist, hat sich mehrfach geäußert – und ist dann selbst angegriffen worden. Das heißt, nicht einmal die beiden – als schwarze Deutsche – durften sich beleidigt fühlen. Wer der Meinung war, es brauche eine ordentliche Entschuldigung, ist sofort zum Teil einer sogenannten Hetzjagd gemacht worden. Die Diskussion ist insbesondere in den sozialen Medien völlig überdreht.
Wie kommt man von diesem Punkt wieder weg?
Im Kern geht es nicht um Clemens Tönnies. Reden wir zur Sache: Was beleidigt Menschen? Was ist rassistisch? Man muss darüber sprechen, was Rassismus und was Diskriminierung ist, wie sie funktionieren und wie man sich dafür entschuldigt. All das müsste man ernsthaft besprechen, und das würden wir sehr gerne tun.
Tatsächlich tut das die „Schalker Fan-Initiative“ schon seit 1992. Sie haben sich als eine der ersten Fangruppen in Deutschland im Stadion gegen Rassismus engagiert. Was bedeutet die aktuelle Debatte für Ihre Arbeit?
Dass wir anders ansetzen müssen, nämlich genau mit solchen grundsätzlichen Gesprächen. Wir haben vor dieser Debatte vermutet, dass der Konsens breiter ist. Angesichts der langen Arbeit, die nicht nur von uns, sondern auch von anderen Fangruppen und vom Schalker Fanprojekt geleistet worden ist, haben wir mit etwas anderem gerechnet. Wir haben gedacht, wir wären schon woanders.
Nämlich wo?
Wir haben Veranstaltungen zum Thema Antiziganismus organisiert, wir haben zu Sexismus und Homophobie gearbeitet, die Ausstellung „Fan.Tastic Females“ zu weiblichen Fankulturen ist in Gelsenkirchen gewesen. Wir haben geglaubt, dass wenigstens beim Thema Rassismus schon Einigkeit herrscht. Doch selbst das scheinbar Einfache – nämlich die Definition von Rassismus – ist nicht so einfach zu vermitteln. Eins ist klar: Das, was wir tun, ist nicht hinfällig, sondern notwendig.
In den vergangenen 15, 20 Jahren ist es viel um Sensibilisierung in den Kurven gegangen, um Schulungen für Ordner und Schiedsrichter im Umgang mit diskriminierenden Rufen und Symbolen. Sind rassistische Funktionäre dabei übersehen worden?
Das ist eine interessante Frage. Aber ich glaube nicht, dass es in diesem Fall daran liegt. Die Erklärung liegt eher in der Tiefe. Die Frage ist, wie tief sind solche Überzeugungen in meinem Menschenbild verankert? Bin ich davon überzeugt, dass Menschen gleich sind oder nicht? Wie chauvinistisch ist meine Sicht auf die Welt? Wie sehr erhebe ich mich über andere? Also im Grunde: Welche Rolle spielen Machtstrukturen?
Zum Erstrundenspiel im DFB-Pokal hat es in der Schalker Kurve eine große Choreografie gegen Rassismus – und Tönnies – gegeben. Beim ersten Heimspiel dann gar nichts mehr. Ist die Fanszene gespalten?
Ja, das war aber nie anders. Es gibt so viele Leute, die sich als Fans bezeichnen: Vereinsmitglieder, organisierte und unorganisierte Fans, Ultras, Allesfahrer und solche, die sagen, dass sie nach einem Abstieg ihre Dauerkarte abgeben würden. Wir sollten also nicht so tun, als sei alles vorher eine heterogene Masse gewesen. Die Frage „Wie verstehe ich mich als Schalke-Fan, was ist mir wichtig?“ kommt jetzt eben stärker heraus. Es wird sichtbar, dass hinter dem Fansein ganz unterschiedliche Gründe und Wertesysteme stehen. Beim Einstieg von Gazprom als Sponsor haben wir ähnliche Diskussionen gehabt. Damals ist es darum gegangen, was wichtiger ist: das Geld oder die Moral.
Erhoffen Sie sich noch eine positive Wendung?
Ich warte nicht auf ein großes Ereignis, das die Debatte in Wohlgefallen auflöst. Jeder Moment, in dem ein Gespräch eine andere Wendung nimmt, ist ein guter. Wenn mir jemand sagt „Mir hätte so etwas vielleicht auch herausrutschen können, aber jetzt habe ich drüber nachgedacht, und ihr habt recht, das geht nicht“, ist schon etwas Positives passiert.