Häufig kommt es nicht vor, dass praktisch alle großen deutschen Medien Partei für Fans ergreifen. Nach dem Europa-League-Spiel von Borussia Mönchengladbach gegen Istanbul Basaksehir war es so weit: Die Gäste seien von der türkischen Polizei drangsaliert worden, so der einhellige Tenor. Die Worte von Gladbach-Sportdirektor Max Eberl, der von einer Polizeidiktatur sprach, fanden ähnlich viel Erwähnung wie der späte Ausgleich von Patrick Herrmann zum 1:1.
Die „Fanhilfe Mönchengladbach“ hat die Vorfälle dokumentiert: erzwungene Anreise per Bus zum Stadion, Ingewahrsamnahme von Fans aufgrund falscher Vorwürfe, übergriffige Polizisten und Kontrollen, bei denen eine Fahne mit dem alten Gladbacher Stadtwappen, das den Heiligen Vitus zeigt, beschlagnahmt wurde. Ein christliches Symbol sei nicht gestattet. Die mediale Aufregung entzündete sich an diesem Detail, umfasste aber die gesamte schikanöse Behandlung der Fans, die selbst auch befragt wurden. Völlig zu Recht.
Irritierend sind jedoch die Schlüsse, die einige aus dieser Recherche zogen, nämlich dass die Ereignisse von Istanbul total ungewöhnlich und nur durch ein autoritäres System zu erklären seien. „Ihnen wurde eine individuelle Anreise zum Spiel verboten, die Polizei zwang sie, mit Bussen zum Stadion zu fahren“, klagt etwa die Welt. Die Gladbacher Fans hätten wohl erwartet, dass sich die türkische Polizei wie die deutsche verhalten würde, mutmaßt die FAZ.
Journalisten kommen außerhalb der Pressetribüne wohl nicht viel herum, sonst wüssten sie es besser. Individuelle Anreisen verbucht die deutsche Polizei bei Auswärtsspielen etwa gerne als Zeichen von Konspiration und schickt die Fans nach langen Kontrollen und ohne Spielbesuch zurück nach Hause. Viel von dem, was den Gladbachern in Istanbul zugestoßen ist, ist für die Fans in der Liga Alltag, ganz ohne dass jemand Diktatur ruft. Und ohne dass sie dazu befragt werden, schließlich gibt es dann, anders als in Istanbul, ja Polizeimeldungen auf Deutsch.
Auf diese Ungleichbehandlung macht auch der Gladbach-Blog „Mitgedacht“ aufmerksam. In einem Eintrag wirft er die Frage auf, ob es die mediale Aufmerksamkeit für die Vorfälle auch gegeben hätte, wenn die türkischen Behörden nicht Anstoß am Heiligen Vitus genommen hätten. Die lässt sich einfach beantworten: Nein.