Wenn die Saison für den Liverpool FC ideal verläuft, wird er 67 Pflichtspiele austragen. Vorausgesetzt ist dabei, dass die Liverpooler in all ihren Pokalbewerben das Finale erreichen – und im FA Cup kein Spiel wiederholen müssen. Nicht mitgezählt sind Spaßturniere in den USA und Werbespiele in England, Schottland und der Schweiz. Geht die Rechnung auf, bestreitet der Klub drei Partien mehr, als bei der WM in Russland zu sehen waren. Bei einem derart dichten Programm kann es schon zu der einen oder anderen Terminschwierigkeit kommen – speziell im Vorweihnachtsstress.
Liverpool muss nun am 17. Dezember das Ligacupviertelfinale in Birmingham spielen, am Tag darauf das Halbfinale der Klub-WM in Doha. Statt stärker auf eine Verlegung des Cupspiels zu drängen, akzeptierte der Klub die Spielansetzung. „Alle Alternativen wären keine Lösungen, sondern weitere Probleme“, sagte Trainer Jürgen Klopp. Er wird voraussichtlich zwei völlig unterschiedliche Teams antreten lassen. Wenn sich der Klub bei Fans, Sponsoren und Veranstaltern nicht unbeliebt machen will, sollten beide zumindest irgendwie an den Champions-League-Sieger der Vorsaison erinnern.
Das Termindilemma macht offensichtlich, worum es im modernen Fußball geht: Alle wollen daran verdienen. Und das geht nun einmal am einfachsten, wenn man möglichst viele attraktive Begegnungen anbietet, um die sich möglichst viele TV-Sender in möglichst vielen Ländern streiten. An dem Wettstreit nehmen alle Ligen und Verbände teil. Im Fall von Liverpool liest sich das dann so: Der Klub bestreitet heuer sieben Bewerbe, je zwei davon werden von der Football Association und der UEFA und je einer von der Premier League, der English Football League und der FIFA organisiert.
Viel Entscheidungsspielraum haben die Klubs bei so mächtigen Partnern nicht. Das weiß auch Jürgen Klopp, der sagte: „Willst du wirklich Ärger mit der FIFA haben? Ich weiß nicht. Willst du wirklich Ärger mit der English Football League haben? Wahrscheinlich nicht.“ Was Klopp nicht dazu sagte, ist, dass sein Klub das Spiel um höhere Einnahmen auch perfekt beherrscht. Andernfalls könnte er auf sommerliche Showreisen verzichten, denn einen sportlichen Wert haben sie nicht.
Doch so wie andere Großklubs nutzt auch Liverpool jede Gelegenheit, um seine Marke zu stärken. Davon profitieren Klub wie Ausrichter. Turniere werden durch die Teilnahme großer Teams attraktiver, Klubs gewinnen durch zusätzliche – selbst sportlich bedeutungslose – Titel neben Antrittsgeldern auch Prämien, Werbewert und Reichweite. Irgendwann ist es dann unerheblich, ob der Kern der Mannschaft, die die Champions League gewonnen hat, auf dem Platz steht oder elf andere Männer, die ein rotes Trikot mit dem Liverbird auf der Brust tragen.
Nicht nur bei Liverpool ist das Management von Marke und Mannschaft für das Trainerteam eine sportliche und psychologische Herausforderung. Spielsystem, Taktik und Abläufe müssen von allen nahezu gleichwertig beherrscht, Einsatzminuten gut aufgeteilt werden. Am 17. und 18. Dezember wird Liverpool diesen mittlerweile weit verbreiteten Spagat nur möglichst augenscheinlich versuchen. Im Idealfall gelingen zwei Siege, die gut fürs Prestige sind. Und im schlimmsten Fall, wenn Liverpool in allen anstehenden Turnieren bei nächstbester Gelegenheit ausscheidet, kommt der Klub diese Saison auf 54 Pflichtspiele – das sind drei mehr, als bei der EM 2020 zu sehen sein werden.