Den Karneval hat er im vergangenen Jahr zwar verpasst, dennoch sagt Louis Schaub beim ballesterer-Gespräch im Klubhaus des 1. FC Köln immer wieder, dass er sich hier wohlfühle. In der Aufstiegssaison lief es für Verein und Spieler rund. „Tore hätten es durchaus etwas mehr sein dürfen“, bilanziert Schaub seine drei Treffer und 13 Assists in 27 Spielen. Der Saisonstart in der Bundesliga verlief weniger gut, die Kölner stehen bei Redaktionsschluss mit sieben Punkten auf einem Abstiegsplatz. Das erste Tor ist Louis Schaub wenige Wochen nach dem Interview beim 3:0-Sieg gegen den SC Paderborn gelungen. Kurz vor Drucklegung wurde Achim Beierlorzer entlassen. Das Saisonziel ist klar: Klassenerhalt.
ballesterer: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort Fahrstuhlmannschaft hören?
Louis Schaub: Eine Mannschaft, die immer wieder auf- und absteigt. Den Begriff kenne ich natürlich.
Auch in Verbindung mit dem 1. FC Köln? Immerhin ist der Verein in den letzten zwei Jahrzehnten sechsmal ab- und wieder aufgestiegen.
Nein, eigentlich denke ich dabei nicht an Köln. Ich war ja die meiste Zeit nicht dabei, außer bei dem
Aufstieg in der vergangenen Saison. Aber es sagt schon etwas über diesen Verein, dass er aus schlechteren Zeiten immer wieder herauskommt.
Besteht die Gefahr, dass der Verein irgendwann nur noch als Gast in der Bundesliga betrachtet wird?
Auch wenn der Saisonstart für uns nicht so positiv verlaufen ist, sehe ich diese Gefahr nicht. Der Anspruch des 1. FC Köln muss es sein, keine Fahrstuhlmannschaft zu sein. Für mich gehört der Klub dahin, wo er gerade ist. Nämlich in die Bundesliga. Da wollen
wir uns langfristig festsetzen.
Wie fällt Ihr sportliches Fazit nach der Saison in der zweiten Liga aus?
Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Vor allem die Hinrunde ist für mich richtig gut verlaufen. Bis auf die letzten zwei Spiele habe ich immer von Anfang an gespielt. Das hat sich in der Rückrunde geändert. Die war wirklich etwas bitter. Kurz vor dem Rückrundenstart habe ich mich verletzt und war ein Monat raus. Danach habe ich ein bisschen gebraucht, um wieder in die Mannschaft hineinzukommen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt auch sehr erfolgreich. Das ist zwar sehr erfreulich für den Verein, aber nicht immer ganz hilfreich für einen selbst, um schnell in die Startelf zurückzukommen. Zum Ende habe ich aber wieder meine Spielminuten bekommen.
„Ich habe gemerkt, dass in meiner Entwicklung nicht mehr viel vorangegangen ist und wollte etwas Neues ausprobieren, mich verändern.“
Ende April, drei Spieltage vor dem Saisonende, hat der Verein den Trainer gewechselt. Markus Anfang ist als Tabellenführer entlassen worden. Wie erlebt man so etwas als Spieler?
Als Spieler muss man das so hinnehmen, das war eine Entscheidung der sportlichen Leitung. Schlussendlich haben wir mit dem Aufstieg unser Ziel erreicht. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass Markus einen großen Anteil daran gehabt hat. Er hat uns den Großteil der Saison betreut.
Sportlich sind Sie schnell in Köln angekommen. Wie haben Sie sich in den Alltag eingelebt?
Problemlos. Meine Familie hat sich von Anfang an sehr wohlgefühlt, das war mir wichtig. Es war auf jeden Fall der richtige Schritt für mich, und ich habe ihn in keinem Moment bereut.
Wieso haben Sie sich im Mai 2018 für Köln entschieden?
Ich habe gemerkt, dass in meiner Entwicklung nicht mehr viel vorangegangen ist und wollte etwas Neues ausprobieren, mich verändern. Das Angebot von Köln ist also zur richtigen Zeit gekommen.
Aber Sie sind zu einem Zweitligisten gewechselt, mit Rapid hätten Sie im Europacup spielen können.
Das war für mich nicht ausschlaggebend. Ich habe gewusst, dass Köln ein großer Verein ist – mit Höhen und Tiefen. Ich wollte Teil dieses Vereins sein. Jetzt im Nachhinein kann ich sagen: Es ist alles genau so aufgegangen, wie ich wir das vorgestellt habe.
Welche Unterschiede nehmen Sie zwischen der österreichischen Bundesliga und den beiden oberen Spielklassen in Deutschland wahr?
Man muss schon sagen, dass hier alles viel größer ist, auch in der zweiten Liga. Jedes unserer Heimspiele hat vor fast 50.000 Zuschauern stattgefunden. Das ist schon erstaunlich. Obwohl wir abgestiegen sind, waren die Fans von Anfang an voll da. Und so komisch es klingt, es hat eine große Euphorie geherrscht.
Ist dieser Unterschied auch hinsichtlich der fußballerischen Qualität spürbar?
Man kann das Zuschaueraufkommen nicht eins zu eins auf das fußballerische Potenzial übertragen. Sportlich ist die österreichische Bundesliga sicher nicht schlechter als die zweite Liga in Deutschland. Da braucht man nur auf das Abschneiden der österreichischen Klubs im Europacup schauen. Aber du spielst hier einfach jede Woche vor ausverkauftem Haus, das ist schon etwas anderes.
„Es ist nicht so, dass ich in der Kabine keine Scherze mache oder nicht auf dem Platz auch einmal ein bisschen lauter werde.“
In der heurigen Saison sind Sie nach Ihrer Verletzung im DFB-Pokal zunächst häufig auf der Bank gesessen. Fehlt Ihnen noch die körperliche Robustheit, um mithalten zu können?
Ich denke schon, dass ich in der Bundesliga bestehen werde. Wie gesagt, nach einer Verletzung kann es etwas dauern, bis man wieder für die Startelf infrage kommt. Dazu kam der Spielverlauf zu Saisonbeginn – der ist mir auch nicht zugutegekommen.
Welche Rolle hat Trainer Achim Beierlorzer für Sie vorgesehen?
Im 4-4-2 fühle ich mich auf der rechten Außenposition am wohlsten. Aber auch in anderen Systemen wie dem 4-2-3-1 gibt es Positionen, auf denen ich spielen kann. Im Vergleich zur Vorsaison ist der Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft größer geworden. Daher gilt umso mehr, dass die Aufstellung kein Wunschkonzert für uns Spieler ist.
Auf dem Platz agieren Sie meist offensiv. Nach außen hin sind Sie nicht als Lautsprecher bekannt. Welche Rolle spielen Sie abseits des Feldes?
Ich sitze in der Kabine in der letzten Ecke, das sagt wohl schon alles (lacht). Es stimmt schon, privat bevorzuge ich einen ruhigen Lebensstil. Aber es ist nicht so, dass ich in der Kabine keine Scherze mache oder nicht auf dem Platz auch einmal ein bisschen lauter werde.
Florian Kainz ist im Jänner ebenfalls nach Köln gewechselt. Mit ihm haben Sie schon bei Rapid zusammengespielt. Haben Sie eine besondere Verbindung?
Wir kennen uns schon richtig lange. Zum ersten Mal haben wir uns im Nationalteam getroffen, kurz danach ist er zu Rapid gekommen. Wir haben uns bei Auswärtsspielen auch schon ein Zimmer geteilt. Ich habe mich über seinen Wechsel sehr gefreut und ihm auch ein bisschen geholfen, sich in Köln einzuleben.
Sie haben auch den gleichen Berater. Hat er Sie vor dem Wechsel angerufen?
Nicht direkt. Wir haben uns immer wieder beim Nationalteam getroffen. Da hat er mich natürlich gefragt, wie es mir in der Stadt gefällt und wie der Verein so ist. Die Entscheidung hat er selbst treffen müssen, aber ich habe ihm schon erzählt, dass es hier toll ist.
Was gefällt Ihnen an der Stadt?
Eigentlich bin ich ja kein Typ, der in der Stadt wohnen will, aber wenn man sich hier das Trainingsgelände ansieht – mitten im Kölner Grüngürtel – kommt einem das gar nicht wie in einer Stadt vor. Bei der Wohnungssuche haben wir auch Wert darauf gelegt, in einen grünen Stadtteil zu ziehen. Der Verein hat uns geholfen, und wir konnten recht schnell unsere Wohnung beziehen. So ein Leben im Hotel, wie man es von manchen Fußballern hört, passt nicht zu mir.
„Als wir auf der Bühne gestanden sind und gemeinsam mit den Fans die Vereinshymne gesungen haben, habe ich gemerkt, wie sehr die Leute den FC lieben.“
Wie gestalten Sie Ihre trainingsfreie Zeit?
Die meiste Zeit verbringe ich mit meiner Freundin und unserem kleinen Sohn. Da machen wir Sachen, die man mit einem Kind macht. Wir gehen auf den Spielplatz und spielen Fußball, außerdem sind wir Stammgäste im Tiergarten.
Wie haben Sie den Kölner Karneval erlebt?
Leider habe ich ihn noch gar nicht miterlebt. Letztes Jahr bin ich am 11. November zum Nationalteam gereist. Am Rosenmontag war ich krank, da habe ich beim Umzug nicht mitmachen können. Ich habe mir den dann im Fernsehen angeschaut und freue mich jetzt schon auf dieses Jahr. Da will ich auf jeden Fall dabei sein.
Der Verein wirbt mit dem Slogan „Spürbar anders“. Ist da etwas dran? Haben Sie gespürt, dass der 1. FC Köln ein besonderer Klub ist?
Das erste Erlebnis, das sich mir eingeprägt hat, war die Saisoneröffnung im letzten Jahr. Der FC ist abgestiegen, alle waren traurig und enttäuscht. Und dann kommen trotzdem 50.000 Fans zur Saisoneröffnung und feiern uns. Als wir auf der Bühne gestanden sind und gemeinsam mit den Fans die Vereinshymne gesungen haben, habe ich gemerkt, wie sehr die Leute den FC lieben.
Mit dieser Verbundenheit gehen auch oft heiß geführte Diskussionen einher. Wie genau verfolgen Sie Geschehnisse wie die Debatte um das Trainingszentrum und den Vorstandswechsel vor wenigen Wochen?
Als Spieler bekommt man das natürlich mit, aber ich schaue nicht jeden Tag in die Zeitung, was jemand zu welchem Thema rund um den FC gesagt hat. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich bin für das Sportliche da. Letztendlich hat man als Spieler nicht so viel Einfluss auf das, was bei der Klubführung passiert.
Was sind Ihre Ziele in Köln?
Jeder hat gesehen, wie wir in die Saison gestartet sind. Das soll jetzt keine Ausrede sein, aber wir hatten ein schweres Auftaktprogramm. Das zeigt, dass es erst einmal unser größtes Ziel sein muss, so wenig wie möglich mit dem Abstieg zu tun haben. Da hilft nur: Punkte holen und Spiele gewinnen.
Dürfen sich die FC-Fans auf ein langfristiges Engagement von Louis Schaub freuen?
Das ist im Fußballgeschäft schwierig zu sagen. Wenn ich mich wohlfühle, bleibe ich gerne länger. Wenn der Klub aber sagt „Such dir lieber etwas anderes“, kannst du wenig dagegen tun. Momentan fühle ich mich aber sehr wohl und gehe jeden Tag mit Freude zum Training.
Sie legen für einen jungen Profi ein eher ungewöhnliches Verhalten an den Tag. Sie teilen Ihren Alltag weder auf Facebook noch auf Instagram. Wieso nicht?
Ich habe mir ehrlich gesagt noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Für andere, gerade junge, Spieler kann es eine gute Plattform sein, um sich zu präsentieren. Das verstehe ich auch. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich das brauche. Aber wer weiß, vielleicht stehe ich ja morgen auf und denke mir, da muss ich mich jetzt anmelden.
Sind Sie noch häufiger in Wien?
Wenn es sich ausgeht schon, aber während der Saison ist das eher schwierig. Kurz vor dem Treffen mit dem Nationalteam war ich eine Nacht daheim. Da besuche ich die Familie und versuche, alte Freunde zu treffen. Ansonsten habe ich dafür die Sommer- und Winterpause.
Stichwort Nationalteam. Unter Franco Foda sind Sie zuletzt nicht so richtig zum Zug gekommen. Wie optimistisch sind Sie, dass sich das bald ändert?
Darüber würde ich mich natürlich freuen. Aber wir haben die letzten Spiele ja nicht so schlecht gespielt, deswegen muss der Trainer auch nicht unbedingt etwas ändern. Für mich ist wichtig, dass ich hier in Köln viel und gut spiele. Dann bin ich zuversichtlich, auch weiterhin zum Nationalteamkader zu gehören. Es ist aber ganz egal, wer spielt, am Ende zählt nur, dass wir uns für die EM qualifizieren.
Louis Schaub (24) begann seine Karriere im Admira-Nachwuchs, ehe er als 13-Jähriger zum SK Rapid wechselte. 2012 debütierte der Offensivspieler für die Wiener, 2018 wechselte er zum 1. FC Köln. Seit 2016 gehört er regelmäßig zum Kader des österreichischen Nationalteams.