Es ist kein Buch für die Handtasche, und auch der Coffee Table sollte für die fast vier Kilo Fußballgeschichte, die es auf mehr als 500 Seiten ausbreitet, besser stabil sein. Man ahnt schon beim Durchblättern, dass viel Arbeit in „125 Jahre. Vom VfB zum 1. FC Lokomotive Leipzig“ geflossen ist.
In Deutschland dürfte es wenige Vereine geben, die eine kompliziertere Geschichte haben als der heutige Viertligist 1. FC Lokomotive Leipzig – das Buch beginnt mit einem Stammbaum. Der VfB Leipzig war 1903 der erste Meister, in der DDR spielte Lok Leipzig vor zehntausenden Zuschauern Europacuppartien gegen Benfica, Tottenham und Napoli im Zentralstadion. Wie so vieles in Leipzig trägt es heute einen anderen Namen, dort spielt jetzt RB Leipzig. Nach einem Jahr in der Bundesliga als VfB, Abstiegen und Insolvenzen wurde der 1. FC Lok 2004 neu gegründet und spielt dort, wo auch die DDR-Lok zu Hause war: im Bruno-Plache-Stadion in Probstheida.
Die Autoren schildern diese Geschichte voller Brüche und Zusammenbrüche, voller Abschlüsse und Neuanfänge mit viel Liebe zum Detail und ohne die eine Epoche der Vereinshistorie gegen die andere auszuspielen. Damit auch der DFB der Rechnung der 125-Jahre-Chronik folgt und alle Vereinserfolge anerkennt, ist die Fusion des heutigen 1. FC Lok mit dem insolventen Rechtsnachfolger VfB nötig. Bis zum 130. Jubiläum sollte das gelingen.
ballesterer: Der Verein, über den Sie schreiben, hat viele Namen getragen. Was hält seine Geschichte zusammen?
Marko Hofmann: Zum einen sind das die Meistertitel des VfB Leipzig, auf die sich die Nachfolgevereine bis 1945 und dann ab 1991 berufen haben. In der DDR hat man mit diesem Erbe eines bürgerlichen Vereins wenig anfangen können. Aber dafür war das Bruno-Plache-Stadion ein wichtiger Bezug und ist noch heute ein Identifikationsobjekt.
Was ist den Lok-Fans ansonsten an der Geschichte ihres Vereins wichtig?
Die drei Meistertitel liegen zwar lange zurück, aber sie unterscheiden uns von dem neuen ungeliebten Verein in der Stadt. Die haben wir RB Leipzig voraus. Wichtig sind auch die Europacuperfolge und die FDGB-Pokal-Siege in den 1980er Jahren. Für die Fans ist aber auch die Zeit nach der Insolvenz 2004 identitätsstiftend. Der Aufstieg von der dritten Kreisliga bis in die vierte Liga ist mit dem Gefühl verbunden: „Man kriegt uns nicht klein.“
Das Buch enthält viele Fotos. Es sind Eintrittskarten, Medaillen, Pokale, Wandgemälde, ein Vermessungsplan des Stadiongrundstücks abgebildet. Stammt das alles vom eigenen Dachboden?
Mein Mitautor Thomas Franke sammelt seit Jahrzehnten, das war ein großer Fundus. Durch frühere Buchprojekte haben wir viele Leute getroffen, die uns ihr Material zur Verfügung gestellt haben. Wir kennen inzwischen auch viele ehemalige Spieler, dadurch haben wir zum Beispiel deren Medaillen abbilden können. Und es gibt Zufallsfunde: Der ehrenamtliche Stadionhistoriker in Probstheida hat bei Reinigungsarbeiten unter der Tribüne über 100 Jahre alte Dokumente zum Nationalteamspieler Camillo Ugi gefunden.
Der Abschnitt zum Nationalsozialismus fällt relativ knapp aus. Woran liegt das?
Wir hätten gern mehr dazu gemacht, aber die Quellenlage war schwierig. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Dokumente verschwunden – oder einfach nicht aufbewahrt worden. Wir wissen, dass Vorstände des VfB Leipzig zurücktreten mussten, weil sie jüdischer Herkunft waren und dass es mehrere jüdische Spieler gab. Was aus ihnen geworden ist, wissen wir nicht. Das ist sehr bedauerlich. Der Verein hat kein offizielles Archiv, und die gesellschaftlichen Brüche haben ihre Spuren hinterlassen. Die bürgerliche Geschichte des VfB ist nach 1945 nicht gepflegt worden, nach der Wende hat man wiederum die DDR-Geschichte von Lok vergessen wollen.