Josef Hickersberger ist im Legendenklub von Rapid und der Austria, mit denen er je zweimal Meister wurde. Er hat das Nationalteam zweimal bei Endrunden betreut und zahlreiche Titel mit arabischen Klubs geholt. Stolz auf seine Leistungen verspürt er trotzdem nicht.
Ein Porträt über ihn? Er sei doch keine Person öffentlichen Interesses mehr. „Oder wollen Sie einen Nachruf schreiben?“, fragt Josef Hickersberger zu Beginn des Treffens. Das mitgebrachte Schachbrett kommentiert er anerkennend: „Während der Kasernierungen vergeht die Zeit ja gar nicht, da habe ich viel Schach gespielt. Als Fußballer weiß man oft nicht zu schätzen, wie unglaublich viel Zeit man hat.“ Müsste Hickersberger eine Schachfigur sein, wäre er die Dame. „Sie ist am stärksten und hat die größte Freiheit.“ Dennoch besteht Hickersberger drauf, sich als blutigen Anfänger zu bezeichnen. „Besonders jetzt, nach dieser Insulte, wie das heißt“, sagt er. Im letzten Herbst hat ihn ein Schlaganfall getroffen. Dem hohen Blutdruck habe er nie weiter Beachtung geschenkt. „Ich habe ein Riesenglück gehabt. Es hat weder das Sprachzentrum noch sonst wichtige Areale getroffen.“ Das Gespräch mit dem ballesterer beginnt am Vormittag und wird bis in den Nachmittag hinein andauern. „Ich bin Pensionist. Ich habe Zeit“, sagt Hickersberger. Die habe er auch zuvor schon genießen können. „Ich bin ein Privilegierter. Mein ganzes Leben lang.“
Ein bisserl Fußball
Josef Hickersberger wird am 27. April 1948 in Amstetten geboren. Jeden Tag spielt er Fußball. Das Elternhaus liegt zwei Gehminuten vom Platz des Arbeitersportklub Amstetten entfernt. „Dort habe ich den ganzen Tag verbracht“, erzählt Hickersberger. Mit zwölf Jahren wird er beim ASK Amstetten aufgenommen. Geködert hätten sie ihn mit einem richtigen Paar Fußballschuhe. Die Stollen sind mit Nägeln an der Sohle befestigt, die Schuhe drei Nummern zu groß und so schwer, dass er kaum damit laufen kann. „Aber es waren meine ersten Fußballschuhe“, sagt Hickersberger. Zu Hause versteckt er sie, die Eltern dürfen davon nichts wissen. Wenn er am Sonntag spielt, gibt er vor, in die Kirche zu gehen. „Ich habe mir die Schuhe aus dem Keller geholt, unter der Jacke versteckt und bin zum Match“, erzählt er. „Lern was Gescheites“, habe der Vater, ein Prokurist in einer Sandalenfabrik, immer gesagt. Als der Vater dann doch Bescheid weiß, habe er gemeint: „Die werden dir nichts zahlen.“ Viele Jahre später, der Sohn spielt in der deutschen Bundesliga, fragt er ihn, was er bezahlt bekomme. „Also habe ich ihm gesagt, was ich monatlich verdiene. Er hat dann gesagt: ‚Was? So viel verdienst du in einem Jahr?‘ Das war das schönste Erlebnis.“ Ein einziges Mal geht sein Vater sogar zu einem Spiel. Das österreichische Nationalteam unter Leopold Stastny hat ein Testspiel in Amstetten. „Da ist er mit der Mama hingegangen. Der Stastny hat gewusst, was sich gehört: Ich habe angefangen, und Kapitän war ich auch noch.“
„Ernst Ocwirk ist extra nach Amstetten gefahren. Deswegen bin ich zur Austria gegangen. Rapid war auch interessiert, aber da ist niemand extra hergefahren.“
Seinen ersten Profivertrag unterschreibt der 18-jährige Hickersberger 1966 bei der Austria. Der damalige Trainer Ernst Ocwirk hat beim Elternhaus angeläutet. „Er ist extra nach Amstetten gefahren. Daraus habe ich messerscharf geschlossen, dass Interesse vorhanden sein dürfte“, sagt Hickersberger. „Deswegen bin ich zur Austria gegangen. Rapid war auch interessiert, aber da ist niemand extra hergefahren.“ Hickersberger macht in Amstetten die Matura und geht anschließend nach Wien. „Mein ursprünglicher Plan war, ein bisserl Fußball zu spielen und mir damit das Jusstudium zu finanzieren“, sagt er. Schnell sei ihm aber klar geworden, dass er nicht Anwalt werden wolle. Mit dem Hobby könne er mehr verdienen und angenehmer leben. „Das hat sich bestätigt. Ich habe das schönste Leben geführt, das man sich vorstellen kann.“
Kein Kontakt
Schon in den ÖFB-Jugendauswahlen fällt der zentrale Mittelfeldspieler auf. Hickersberger ist schlaksig, drahtig und technisch stark. „Ich war kein Athlet, ich war eine Flachse.“ Bei der Austria spielt er sich sofort in die Stammformation. Sechs Jahre lang sollte er bleiben, je zweimal Meister und Cupsieger werden. Mit 20 Jahren wird er erstmals ins Nationalteam einberufen. Sein Spielstil sieht keinen Gegnerkontakt vor. „Ich bin jedem Zweikampf aus dem Weg gegangen.“ Auch Kopfballduelle habe er stets vermieden, weil er früh erkennt habe, dass das sehr gefährlich werden könne. Als junger Spieler steht er direkt neben Johann Frank, als der in einem Kopfballduell einen Ellbogen ins Gesicht bekommt. „Das hat ihm die ganze Augenhöhle, das Jochbein eingedrückt“, erzählt Hickersberger und verzieht das Gesicht. „Ich habe es nur krachen gehört. Dann habe ich gesehen, dass das Auge heraushängt.“ In Österreich sei nie aufgefallen, dass er in keinen Kopfball gegangen sei. Doch dann wechselt er in die deutsche Bundesliga zu Kickers Offenbach – und fliegt auf.
Sein Trainer Gyula Lorant beginnt, mit ihm Kopfbälle zu trainieren. Wochenlang und immer, wenn es regnet. Die alten Lederbälle saugen sich mit Wasser an„Ich habe einen Eierschädel und unglaubliches Kopfweh bekommen. Aber ich bin ziemlich furchtlos geworden und habe sogar fünf oder sechs Kopfballtore erzielt.“ In Deutschland sei es ein anderes Spiel gewesen. Im Training habe man bis zum Umfallen laufen müssen. „Der Gyula Lorant ist draußen gestanden und hat eine Hand voll Kieselsteine aufgehoben. Nach jeder Runde hat er einen Stein weggeworfen. Wir haben nie gewusst, wie viele er noch hat. Es war furchtbar.“
Eine falsche Richtung gibt es nicht - Der Spaziergänger vom Augarten
Nach vier Jahren steigen die Kickers ab, Hickersberger unterschreibt 1976 einen Vertrag bei Bayern München. „Ich habe mich schon mit Beckenbauer, Maier und Müller spielen gesehen“, sagt er. Doch der damalige Manager hatte übersehen, dass das erlaubte Kontingent an ausländischen Spielern schon erschöpft war. Hickersberger wechselt zu Fortuna Düsseldorf. Dort lernt er Dietrich Weise kennen, der ihn maßgeblich beeinflussen wird. „Ich war von seinen Besprechungen und seiner Menschenführung sehr angetan und habe mir immer Notizen gemacht“, sagt Hickersberger.
Nach zwei Jahren wechselt er zur SSW Innsbruck, der Spielgemeinschaft aus Wattens und Wacker. „Wäre ich doch in Düsseldorf geblieben. Das war die schlechteste Entscheidung meines Lebens“, sagt Hickersberger. Die Trainingsverhältnisse sind katastrophal. „Wir haben auf einem Teppichboden trainiert, der auf Beton aufgelegt war. Dort habe ich mir meine Knorpelschäden geholt.“ Innsbruck gewinnt zwar überraschend den Cup, steigt aber ab. „Ich war permanent verletzt und habe meine Laufbahn beendet“, sagt Hickersberger. Mit 32 Jahren beginnt er die Trainerausbildung in Lindabrunn, unter der Anleitung von Leopold Stastny. Bei den Übungen spielt Hickersberger mit und verspürt dabei keinerlei Schmerzen. „Wollen Sie wirklich so aufhören?“, habe ihn Stastny gefragt und ein Probetraining bei Rapid vermittelt. Dort unterschreibt er einen Einjahresvertrag, gehört zu den Leistungsträgern und wird 1981 Meister. Ein Jahr hängt er noch dran und hört 1982 endgültig auf.
Nicht vorstellbare Niederlage
Nach dem Schach ist vor dem Spaziergang. Durch den Augarten in Wien-Leopoldstadt geht Hickersberger oft. Von seinem Balkon sieht er direkt auf den Park. Nur die Kinder, die am Nachmittag laut Fußball spielen, die würden manchmal stören. „Aber ich kann mich schlecht über fußballspielende Kinder beschweren“, sagt er. Es geht vorbei am Flakturm, durch ein dürres Gerippe von Ästen, das vor dem langen Winter eine grüne Allee war. Die nächste Weggabelung ringt dem Spaziergänger eine Entscheidung ab. Welche Richtung für ihn die richtige sei? „Das ist egal. Für mich gibt es keine richtige Richtung“, sagt Hickersberger. Angenehm, dann gibt es auch keine falsche.
Eindeutig ist für Hickersberger der Weg nach der aktiven Karriere. „Wenn man nichts lernt, bleibt man in dem Beruf, den man kennt.“ Hickersberger wird Trainer beim Badener AC und wenig später Co-Trainer von Teamchef Branko Elsner, den er aus Innsbruck kennt. 1987 löst Hickersberger Elsner ab und wird der jüngste Teamchef der Verbandsgeschichte. Er wird von allen Seiten kritisiert, Hans Krankl und Herbert Prohaska werfen ihm seine Unerfahrenheit vor. Doch Hickersberger schafft die Qualifikation für die WM 1990, bei der in der Gruppenphase Endstation ist. Nach dem Turnier folgt „der größte Misserfolg, den man sich nicht einmal vorstellen kann“ – die 0:1-Niederlage gegen Färöer. Lachen werde er darüber nie können, das sei eine todernste Angelegenheit. Es folgt die Trennung vom ÖFB.
1991 wird Hickersberger Trainer bei seinem Ex-Verein in Düsseldorf, dort aber nach acht Monaten entlassen. Nach dem zweiten Rückschlag innerhalb kurzer Zeit legt er eine Pause ein. Im Herbst 1993 übernimmt er die Austria. Ein Cup-Titel und ein zweiter Platz sind zu wenig, und er wird erneut entlassen. „Dann bin ich ein Jahr spazieren gegangen“, sagt er. Bis eines Tages der Klubbesitzer von Al-Ahli aus Bahrain anruft. Der Kontakt ist bei einem Trainingslager der Austria entstanden. Hickersberger unterschreibt bei Al-Ahli. „Ich habe es als Abenteuer gesehen“, sagt er. Wann genau er dann wo gewesen ist, weiß Hickersberger nicht mehr. Nach dem ersten Jahr wird er nebenbei Teamchef von Bahrain. Später folgen Stationen in Kairo und in den Vereinigten Arabischen Emiraten bei Al-Shaab und Al-Wasl.
Golf und Fatalismus
2001 wechselt der damals 53-Jährige nach Katar zu Al-Ittihad. Dort habe es nichts gegeben, außer einem Golfplatz. Kein Museum, keine Sehenswürdigkeiten. „Was ist mir übriggeblieben? Da habe ich halt nach dem Frühstück trainiert: Putting, Chipping, Bunker. Ich habe mir ein ganz ordentliches Handicap erspielt.“ Beim Mittagessen habe er sich Gedanken über die Trainingseinheit am Nachmittag gemacht. Den Trainerjob habe er aber nie vernachlässigt, Cup und Meisterschaft gewonnen. „Da kann ich mir nichts vorwerfen.“
Hickersberger lebt zu dieser Zeit alleine im Hotel. Das sei eine Einschränkung gewesen, aber zu akzeptieren. „Genauso wie die angenehmen Begleitumstände. Alle Verträge waren netto, es gab keine Steuern.“ In den Verträgen ist verankert, dass die jeweiligen Gebräuche zu akzeptieren sind. Für ihn spiele Religion keine Rolle, noch als Fortuna-Spieler sei er aus der Kirche ausgetreten. „Als ich gesehen habe, welchen Steuersatz sie einheben, habe ich mich erkundigt, wie ich austreten kann“, sagt er. „Am nächsten Tag war ich weg.“ In sieben Jahren trainiert Hickersberger sechs arabische Klubs. „Man wird da fatalistisch. Wenn du zweimal verlierst, kann der Scheich schon wieder die Geduld verlieren. Ich war prädestiniert für diese Jobs.“
Todesfall und Heiligsprechung
Im Mai 2002 erreicht ihn in Katar ein Anruf von Rapid-Präsident Günther Kaltenbrunner. Lothar Matthäus ist entlassen worden, die Stelle als Cheftrainer vakant. Kaltenbrunner möchte Hickersberger zu einem Hearing einladen. Doch der braucht einen plausiblen Grund, um mitten in der Saison nach Wien zu reisen. „Der Scheich hätte mich nicht einfach so fliegen lassen“, sagt Hickersberger. „Ich habe Rapid dann gesagt, dass sie mir einen Partezettel zuschicken sollen“, erzählt er. Dem Scheich sagt er, er müsse auf das Begräbnis eines alten Freundes in Wien. Dort erhält Hickersberger den Zuschlag. Als er zurückkommt, weiß der Klubbesitzer Bescheid. „Naiv wie ich war, habe ich das Internet unterschätzt.“ Der Scheich bestraft seinen Trainer: Statt einer komfortablen Limousine muss Hickersberger für die etzten Wochen einen alten, kleinen Toyota fahren. Nicht einmal der Zeugwart habe so ein Auto gehabt. „Zum Glück haben wir das Double gewonnen, sonst hätte er mich vielleicht auspeitschen lassen.“
Aus dem von Matthäus hinterlassenen Scherbenhaufen baut Hickersberger eine junge Mannschaft auf, die ein gepflegtes Kurzpassspiel zeigt. Daheim spielt Rapid die Gegner regelmäßig an die Wand, es ist die Zeit, in der Hickersberger das Stadion in „Sankt Hanappi“ umtauft. 2005 holt der Verein zum ersten Mal nach neun Jahren wieder den Meistertitel. „Das war wunderschön.“
Müsste Hickersberger eine Schachfigur sein, wäre er die Dame.
Der Erfolgslauf geht im Spätsommer weiter: Rapid erreicht die Gruppenphase der Champions League. Hickersberger ist auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit. Als er Verhandlungen mit dem ÖFB beginnt, um die Heim-EM 2008 als Teamchef zu bestreiten, singen die Fans: „Hicke, bleib bei uns!“ Heute ist er im Legendenclub von Rapid und der Austria – „Ein gar so Schlechter kann ich nicht gewesen sein.“ Stolz sei er aber auch darauf nicht, wie auf gar nichts in seinem Leben, wie er meint. Hätte er bei der EM 2008 den Titel gewonnen, wäre das etwas anderes. „Worauf soll ich stolz sein? Dass ich 70 bin? Das ist keine Leistung.“
Ehrgeiz treibt Hickersberger auch am Schachbrett an. Nach dem Remis im ersten Spiel will er gleich eine Revanche, danach ist aber Schluss. Heute habe er noch einen seiner seltenen Abendtermine wahrzunehmen. Eine Sitzung des Beirats von Rapid, dem er seit rund einem Jahr angehört, steht an. Als Hickersberger sich vom ballesterer verabschiedet, fällt sein Blick noch einmal auf das Schachbrett. „Spielen wir wieder nach der Reha?“
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