„Hallo, wir sind die Altacher“, „Guten Morgen, wir vertreten die Fanszene der Austria Salzburg“, „Grüß euch, wir sind aus Lustenau.“ Mit diesen und ähnlichen Sätzen stellen sich an diesem Samstagvormittag Anfang Jänner 15 österreichische Fanszenen einander vor, über 60 Leute sind ins Central gekommen. Im Veranstaltungsort in der Linzer Innenstadt findet der erste alternative Fankongress statt.Er ist ein bemerkenswerter Tag. Zwar fehlen die Fans der Wiener Austria und des GAK, sonst aber sind alle bekannten Kurven vertreten. Rivalitäten wie jene zwischen Austria Salzburg und Wacker Innsbruck scheinen für diesen Tag vergessen. Außerdem sind Medienvertreter ausdrücklich erwünscht – zumindest für die erste Stunde des Kongresses, der mit einer Pressekonferenz eröffnet wird. Gefolgt ist der Einladung nur der ballesterer. „Der ganze Aufwand hat sich trotzdem gelohnt“, sagt Helmut Mitter von der „Rechtshilfe Rapid“. „Wir haben uns einen Tag lang vernetzen können. Das ist gerade jetzt sehr wichtig.“ Auf den öffentlichen Teil folgen vier Workshops. Die Teilnehmer diskutieren dort über Ticketpreise, Anstoßzeiten, Stadionverbote und Repression.
Ka Matinee wär schee
Wozu der Kongress eine Alternative ist, zeigt sich drei Stunden nach dessen Auftakt. Es ist 13.00 Uhr, eineinhalb Kilometer stadtauswärts auf dem Linzer Froschberg: Auch die Bundesliga hält ihren Fankongress ab, in den Seminarräumen der oberösterreichischen Landwirtschaftskammer. Zum vierten Mal gibt es diesen Kongress. Geladen sind neben Vertretern aus den Kurven auch die Fanbeauftragten der Vereine, die jeder Profiklub benennen muss. Häufig übernehmen Vereinsangestellte diese Funktion, bei kleineren Klubs sind es oft Fans, die ehrenamtlich als Ansprechpartner dienen. Die aktiven Gruppen lehnen die Einladung aber erstmals ab. „Das ist schade“, erklärt die Bundesliga auf Anfrage des ballesterer. „Wir verstehen diesen Schritt nicht.“
Es ist der jüngste Höhepunkt einer Auseinandersetzung, deren Ende nicht in Sicht ist. Im Sommer haben die Fans den Dialog mit der Bundesliga eingestellt. Die Erteilung von Stadionverboten stand im Mittelpunkt der Kritik. Für dasselbe Vergehen würde man je nach Verein unterschiedliche Strafen bekommen, erklärten die Fans. „Die Bundesliga hat auf unsere Kritik nicht reagiert“, sagt Mitter. „Die Situation ist die gleiche wie noch im Sommer.“
Im Laufe der Vorstellungsrunde im Central erzählen die Gruppen von ihren Anliegen. Die Abgesandten der Lustenauer Austria beschweren sich über die Sonntagsmatinee in der zweiten Liga, für ein Match in Ried hatten sie sich letztes Jahr um drei Uhr früh auf den Weg machen müssen. Der Salzburger Austria droht die Polizei regelmäßig damit, die Einsatzkosten dem Verein weiterzugeben. „Das würde uns in existenzielle Schwierigkeiten stürzen.“ Doch die Fans haben auch gemeinsame Probleme: Sie wüssten nicht, nach welchen Kriterien Stadionverbote vergeben werden, die Vereine würden eine immer frühere Anmeldung von Spruchbändern verlangen, und das Verhalten der Polizei und der Ordnerdienste sei je nach Spielort unterschiedlich.
Auch wenn sich der alternative Fankongress mit seiner Ansetzung gegen die Bundesliga richtet, stehen in erster Linie deren Mitglieder in der Kritik. Die Klubs sind es, die den Kurs der Liga bestimmen. Im höchsten Ligagremium, der Klubkonferenz, hat jeder Verein eine Stimme. Vor allem jene Klubs, die keine aktiven Fangruppen haben, könnten oder wollten sich um deren Anliegen nicht kümmern, erklären die Fans. Stattdessen würden sie immer wieder repressive Maßnahmen einfordern, wie sich bei den vergangenen Fankongressen gezeigt habe, sagt Mitter. „Es bringt nicht viel, wenn ich mit dem Mattersburger oder Salzburger Fanbeauftragten immer wieder bei den Basics anfangen muss.“ Die Bundesliga unternehme zu wenig, um die Klubs in die Pflicht zu nehmen, stattdessen würde sie sich in heiklen Fragen schnell darauf ausreden, dass die Klubs Verbesserungen verhindern würden.
Kongress gegen Klubs
Nach der Vorstellungsrunde taucht neben dem restlichen Unmut noch ein ganz praktisches Problem auf: Die Bundesliga hat als Lizenzierungsbestimmung festgeschrieben, dass die Fanbeauftragten der Klubs am Fankongress teilnehmen müssen. Allerdings an jenem, den die Bundesliga organisiert. Die Liga hatte den Termin bereits weit im Voraus festgelegt, erinnerte in der Woche davor noch einmal per E-Mail daran und wies darauf hin, dass die Teilnahme auch eine Voraussetzung für eine Förderung aus dem Sicherheitstopf ist. Aus Angst vor Sanktionen müssen jene Teilnehmer, die auch Fanbeauftragte sind, zu Mittag also in Richtung Landwirtschaftskammer aufbrechen. „In unserer Situation können wir uns keine Provokation leisten“, sagt ein Fanvertreter vom finanziell angeschlagenen FC Blau-Weiß Linz. Die anwesenden LASKler verzichten auf Sticheleien.
Die Bundesliga kann die Aufregung der Fans nicht nachvollziehen.„Wir haben in den letzten drei Jahren sämtliche Anliegen gesammelt und den Entscheidungsträgern entsprechend vorgelegt. Dabei wurde auf eine Reihe von Vorschlägen der Fans eingegangen“, heißt es aus der Geschäftsstelle. Da wären zunächst infrastrukturelle Verbesserungen in der Lizenzierung: Seit Sommer müssen die Gästesektoren in der Bundesliga überdacht sein, Dixi-Klos gelten nicht mehr als Sanitäreinrichtungen, und Fangnetze dürfen keine Sichtbehinderung mehr darstellen.
Auch den Unmut rund um das Thema Stadionverbote versteht die Bundesliga nur teilweise. Denn das neue Gremium, das die Fans so stört, sei ein strukturelles Zugeständnis an sie gewesen. Davor verhängten zwei Kommissionen, eine der Bundesliga und eine des ÖFB, Stadionverbote. Jetzt gibt es nur mehr eine – in der keine Vertreter der Polizei sitzen. Auch das war eine Forderung der Fans. Zudem ist die Bundesliga auch davon abgekommen, Geisterspiele und Sektorsperren auszusprechen. Im Sanktionskonzept der Bundesliga, das im vergangenen Juli in Kraft trat, ist das festgeschrieben.
Die Liste der Kompromisse, die dem ballesterer vorliegt, überzeugt die Fans allerdings nicht. „Nur die Abschaffung der Kollektivstrafen war eine Forderung von uns“, sagt Mitter. Die Situation bei den Stadionverboten habe sich durch das neue Gremium keineswegs verbessert, das Vorgehen sei weiterhin intransparent. „Im Endeffekt haben die Klubs das Sagen“, sagt Mitter. „Wir wollten eine Vereinheitlichung. Die ist nicht passiert.“ Eine Woche nach dem Kongress schicken die Fangruppen eine gemeinsame Stellungnahme aus, ihre Vernetzung wollen sie fortsetzen. Während die Bundesliga-Klubs unter fehlender Einigkeit leiden, sind ihre Fans immerhin schon einen Schritt weiter.