Nach dem Abstieg in die zweite Liga im vergangenen Sommer stand der FC Wacker Innsbruck vor einem Dilemma. Dem Klub gelingt es mit den bestehenden Strukturen nicht mehr, ein profitaugliches Budget aufzustellen. Die Tiroler müssen mit einem Etat von 3,2 Millionen auskommen, wobei davon lediglich 850.000 Euro für die Kampfmannschaft vorgesehen sind. Ein Profibetrieb wäre auf Dauer über Sponsoren und Transfererlöse wahrscheinlich nicht mehr zu bewerkstelligen. Der Verein hofft daher, Investoren für sich gewinnen zu können. Dafür jedoch war eine Statutenänderung notwendig, die eine Zweidrittelmehrheit der Vereinsmitglieder benötigte. Die wurde auf der Generalversammlung am 19. Jänner gesichert.
Zähe Verhandlungen
Pläne und Hoffnungen für eine bessere Zukunft sind in Innsbruck nichts Neues. Allzu oft wurde in der Vergangenheit das Blaue vom Tiroler Himmel versprochen, Identität und Name des Vereins verändert – und am Ende trat er doch auf der Stelle oder verschwand gar ganz von der Bildfläche, wie bei der Pleite des FC Tirol zu Beginn des Jahrtausends. Dementsprechend kritisch standen die Anhänger des Vereins der Statutenänderung gegenüber. Um Überzeugungsarbeit zu leisten, berief der Vorstand in den vergangenen Monaten drei Vereinsabende ein, auf denen ein gemeinsamer Weg für den Investoreneinstieg ausgearbeitet wurde. Federführend bei diesem Prozess waren der Rechtsanwalt Thomas Kerle, der den Vorschlag für die neuen Statuten entwarf, und Joachim Jamnig, der Vater des derzeit für den SCR Altach spielenden Ex-Wacker-Mittelfeldspielers Florian Jamnig. Kerle ist bei Wacker Innsbruck jetzt schon im Klubmanagement für den Bereich Recht und Finanzen zuständig, Jamnig im Vorstand, beide dürften nach einem Einstieg von Investoren eine größere Rolle im Verein spielen. Auch weil der aktuelle Präsident Gerhard Stocker angekündigt hat, künftig nicht mehr für dieses Amt kandidieren zu wollen. Den Funktionären standen die Vereinsmitglieder und die „Faninitiative Innsbruck“ gegenüber. Dem ballesterer erklärte der Fanzusammenschluss das eigene Selbstverständnis in diesem Diskussionsprozess: Die Initiative bemühe sich, „die Rechte und Ansprüche der organisierten Fanszene zu kommunizieren und zum Teil von Verhandlungen zu machen, um sie nachhaltig garantieren zu können“.
Wesentliches Element der Statutenänderung ist die Einführung einer zusätzlichen Form der Mitgliedschaft, den sogenannten Kernmitgliedern. Diese müssen einen höheren Mitgliedsbeitrag als ordentliche Mitglieder bezahlen, ihre Stimmanteile werden aber ebenfalls entsprechend erhöht. Die Kernmitgliedschaft soll also Investoren anziehen, die sich nach einem Einstieg über eine stärkere Mitbestimmung freuen dürfen. Um ihrem Einfluss Grenzen zu setzen, braucht es bei bestimmten Abstimmungen eine Dreiviertelmehrheit sowohl unter den ordentlichen Mitgliedern als auch den Kernmitgliedern. Das betrifft etwa Beschlüsse zu Statutenänderungen, zur Höhe der Mitgliedsbeiträge und zur Vereinsauflösung. Name, Wappen und Farben des Vereins sind in den Statuten festgeschrieben.
Kapital statt Politik
Die „Faninitiative Innsbruck“ kritisierte zwar den straffen Zeitplan der Verhandlungen und die spärlichen Informationen durch den Verein, das Fazit der Statutenänderung fiel aber positiv aus: „Es ist uns gelungen, einerseits alt bewährte Rechte und Werte aufrechtzuerhalten und gleichzeitig das Bekenntnis zur Fanarbeit unter den künftigen Rahmenbedingungen einzuholen.“ Ein weiteres Sprachrohr der Fanszene, die „Tivoli Nord“, appellierte in einer Aussendung an alle Vereinsmitglieder, den Prozess kritisch zu begleiten, sprach sich aber nicht grundsätzlich gegen das Engagement von Investoren aus. Wer genau die Interessenten für ein Investment sind, wurde bislang allerdings nicht öffentlich. Diese Intransparenz ist für die Fans ein weiterer Kritikpunkt. „Wir wissen nicht, welche Personen auf uns zukommen werden, was sie mit unserem Verein vorhaben und was nach ihnen kommen wird“, schreibt die „Tivoli Nord“ wenige Tage vor der Generalversammlung. „Wir wissen nur eines sicher: Geld regiert künftig den FC Wacker Innsbruck.“
Bei allen Bedenken hatte sich offenbar auch unter vielen Fans und Mitgliedern der Eindruck verfestigt, dass ein Weitermachen zu den bisherigen Bedingungen nicht möglich sei. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Verein vergeblich auf ein größeres Engagement des Landes gehofft hatte. Nach dem Aufstieg 2018 blieb die erhoffte Hilfe der Politik und der landesnahen Betriebe nämlich weitgehend aus. „Bei der fehlenden Unterstützung ist es vielleicht besser, von einem Investor als von der Politik abhängig zu sein“, sagt Vereinsmitglied Alexander Riedling dem ballesterer.
Ein neues Kapitel
Dem Aufruf zur Generalversammlung am 19. Jänner folgten mehr als 300 der 1.750 Mitglieder. Sie begann mit der Nachricht, dass es dank eines Überschusses von 464.000 Euro gelungen sei, den Verein zu entschulden. Die knapp zwei Millionen Transfererlöse hatten ihren Anteil daran, weshalb Sportdirektor Alfred Hörtnagl viel Applaus erntete.
Vor der Abstimmung über die Statutenänderung präsentierte Vorstandsmitglied Jamnig die Pläne für das neue Trainingszentrum in seinem Heimatort Mieming, rund 35 Kilometer von Innsbruck entfernt. Die Kosten von zehn bis 20 Millionen Euro, je nach Ausarbeitung, sollen künftige Geldgeber übernehmen – eine Aussicht, die keinen von ihnen abgeschreckt habe. Abschließend richtete er seinen Appell an die Mitglieder: „Lasst uns das 100-jährige Buch des FC Wacker Innsbruck aufschlagen, eine Seite umblättern und ein neues Kapitel hinzufügen.“ Für die Auszählung der Stimmen wurde eine kurze Pause veranschlagt. Die Nervosität war deutlich spürbar. Als schließlich exakt um 19.13 Uhr das Ergebnis verkündet wurde, brach im Saal Jubel aus. Die Zustimmung zur Statutenänderung fiel mit 93,1 Prozent unerwartet hoch aus. „Das eröffnet uns die Möglichkeit, die im modernen Fußball notwendigen finanzstarken Partner einsteigen zu lassen“, sagt Manager Kerle dem ballesterer. „Dabei können wir trotzdem die Grundwerte erhalten, für die der FC Wacker Innsbruck steht.“ Die „Faninitiative Innsbruck“ erwartet sich nach dem klaren Ergebnis Taten des Vereins. Sie schreibt: „Der Ball liegt jetzt bei den Verantwortlichen des FC Wacker, den Fußball in Innsbruck in eine positive Zukunft zu führen.“ Man werde heute noch die Interessenten verständigen, erklärte Sportdirektor Hörtnagl schon auf der Generalversammlung, und in den nächsten Wochen in vertiefende Gespräche gehen. „Die Zielsetzung ist aber klar – zurück in die Bundesliga.“