Für die Fans ist klar, was der DFB im Sinn hatte. „Es geht schlichtweg um die Bekämpfung unserer Fankultur und unserer Werte“, schreiben die „Fanszenen Deutschlands“, ein landesweiter Zusammenschluss von Ultragruppen, in ihrem Statement zur Causa Hopp. Es spricht einiges dafür, dass diesmal der Verband den Fans den Krieg erklärte und dafür den Weg über die Beschimpfungen von Dietmar Hopp, Besitzer der TSG Hoffenheim, nahm. Zuerst verhängte das Sportgericht einen Ausschluss für BVB-Fans in Hoffenheim, dann folgten Spielunterbrechungen, pathetische Gesten und dramatische Erklärungen samt Vermengung der Beleidigungen gegen Hopp mit Rassismus und Diskriminierung. Vertreter von Verbänden, Vereinen und Medien eskalierten die Situation derartig, dass sogar Nachrichten über das Coronavirus kurzzeitig in den Hintergrund gedrängt wurden.
Jetzt, da sich der Nebel auf den Schlachtfeldern und in den Köpfen etwas gelichtet hat, lassen sich verschiedene Konflikte erkennen: Da ist zum einen der schon fast eingeschlafene Zwist zwischen Hopp und den aktiven Fans, der nun wieder auflebt. So ziemlich jede Szene in Deutschland – und auch einige in Österreich – dürfte jetzt ein Hopp-Spruchband im Materiallager haben, das bei Bedarf hervorgekramt werden kann. Auch im schwelenden Konflikt zwischen DFB und Ultras ist das Feuer neu entfacht. Und schließlich ist da eine noch grundsätzlichere Auseinandersetzung: Wenn Fußballfunktionäre nicht verstehen, was Rassismus und was Beschimpfung ist, wie glaubwürdig können dann ihre Antidiskriminierungskampagnen sein?
Als die Spieler des FC Bayern und der TSG Hoffenheim am Mittelkreis standen, um Verbundenheit für Hopp und gegen Hass zu demonstrieren, schien alles noch im Sinne der Funktionäre zu laufen: hier die braven Ehrenmänner, dort die bösen Hetzer. Es brauchte ein paar Tage und ein Dutzend besonnener Medienberichte, ehe sich herausstellte: Die Idee, dass Beleidigungen gegen einen Milliardär in einem Stadion plötzlich Konsequenzen nach sich ziehen, die Affenlaute, sexistische Banner und homophobe Rufe noch nie gehabt haben, ist nicht mehrheitsfähig.
Spätestens, als die Eintracht-Fans beim DFB-Pokal-Spiel gegen Werder Bremen das Spruchband „Hopp, du Sohn einer Mutter“ – samt dramaturgisch wohlgesetzter Pause vor dem letzten Wort – entrollten, hatte der DFB im Kampf um die Deutungshoheit eine schwere Schlappe eingesteckt. Der Verband ruderte zurück. Am Wochenende darauf schmückten die Fans quer durch die Ligen ihre Kurven. Mit kritischen und oft kreativen Bannern wie „Sieg oder Hopp-Plakat“ nahmen sie die Doppelmoral des Verbands auf die Schaufel. Mit der Flexibilität, dem kollektiven Organisationsgrad und dem Witz der Fankurven kann der 116-jährige Tanker DFB nicht mithalten. Nach so vielen Konflikten mit der aktiven Fanszene begeht er noch immer den Kardinalfehler der Kriegsführung: Er unterschätzt seinen Gegner.
Die Fans haben in der Auseinandersetzung keinen Schritt zurückgemacht und die öffentliche Stimmungslage gewendet. Die „Fanszenen Deutschlands“ beenden ihr Statement mit einer Reihe von Forderungen: Es geht um das Ende der Kollektivstrafen, um Kommerz und Korruption. Die Ultras haben sich einige Tage Zeit für die Aussendung genommen, doch sie lassen darin auch eine Gelegenheit verstreichen, nämlich die, sich zu einem glaubwürdigen Kampf gegen Diskriminierung zu bekennen und das auch vom DFB einzufordern.