„Liberato“ ist ein Marketingphänomen. Der Musiker tauchte 2017 auf Youtube erstmals mit einem Lied auf, das schnell massenhafte Zugriffe hatte. In den folgenden Monaten veröffentlichte er zu präzise gewählten Zeitpunkten wie dem Tag zu Ehren des neapolitanischen Stadtpatrons San Gennaro und dem Jahrestag des Anschlags auf afrikanische Migranten in Castel Volturno weitere Lieder, die im Großraum Neapel bald auf und ab gespielt wurden. Sie sind ein Mix aus modern interpretierten Schnulzen im Stil des neomelodico, gepaart mit Elementen von Pop, Rap und elektronischer Musik. Doch nicht nur der ungewohnte und eingängige Stil machen „Liberato“ so populär, sondern auch seine Identität. Die ist nämlich unbekannt.Seine seltenen Konzerte und Interviews absolviert der Künstler vermummt, auch im Netz präsentiert er sich zugeknöpft. Auf Instagram hat er fast 350.000 Follower, er selbst folgt nur der SSC Napoli. Den stärksten Eindruck von sich vermittelt er in seinen Videos – ohne darin je erkennbar vorzukommen. Sie zeigen durchgestylte junge Männer und Frauen, Neapel-Bilder wie aus einer gut gemachten Tourismuswerbung und immer wieder Napoli-Referenzen – ob als Setting vor Graffitis und dem Stadion, ob als wehende Fahnen oder als weibliche Ultras, die nach dem Spiel feiern gehen. Verantwortlich für die Videos und damit maßgeblich für „Liberatos“ Inszenierung ist Regisseur Francesco Lettieri, der nun mit „Ultras“ sein Spielfilmdebüt hingelegt hat.
Einfache Bilder
Lettieri geht den Film ähnlich wie seine Musikvideos an. Die Bilder sind gewaltig und stimmungsvoll in Szene gesetzt, die Figuren schon optisch so klar gezeichnet, dass sie keinen Platz für Überraschungen lassen. Kleidung, Haarschnitt und Motorrad des Hauptprotagonisten Sandro machen sofort deutlich, dass der Mittfünfziger damit kämpfen wird, aus der Zeit gefallen zu sein. Sein jugendlicher Freund heißt wohl nicht zufällig Angelo, denn selbst beim Böllerwurf auf die gegnerischen Fans bleibt er unschuldig wie ein Engel. Genauso einfach sind die Antagonisten wie der zahnlose Barabba, der tätowierte Gabbiano und der durchgestylte Pecheno auszumachen.
Ebenso wie Stereotype setzt Lettieri in seiner Geschichte zentrale subkulturelle Referenzen ein. Das Banner der fiktiven Ultragruppe „Apache“ erinnert von der Typografie stark an die echten „Fedayn“ der Curva A, der Saisonverlauf und das Feuerwerk über der Stadt beziehen sich wohl auf die Napoli-Saison 2017/18, als der Klub bis zuletzt um den Titel kämpfte. Und das Wandbild in Gedenken an Angelos Bruder Sasa, der wie der reale Ciro Esposito in einer Auseinandersetzung mit Roma-Fans getötet wurde, wirkt, als stamme es von dem Künstler Jorit, der in Neapel riesige Wandbilder der Stadtheiligen San Gennaro und Diego Maradona gemalt hat.
Das alles könnte spielerisch ineinandergreifen, wenn die Handlung des auf Netflix vertriebenen Films mehr hergeben würde. Doch so ganz scheint sich Lettieri nicht entschieden zu haben, was er eigentlich erzählen will. Der Film schneidet große Themen an: das Altern und Reifen, Loyalität und Freundschaft und innere Konflikte zwischen alter und neuer Liebe. Statt einem Strang konsequenter zu folgen, bleibt durch das ständige Schwanken aber nicht viel mehr als die von Aniello Arena verkörperte Zerrissenheit Sandros übrig.
Ultras als Stilmittel
Nur am Rande beschäftigt sich „Ultras“ mit der Lebenswelt der titelgebenden Subkultur. Lettieri erweckt aber immerhin auch nicht diesen Eindruck, schon im Vorspann erwähnt er, dass der Film ohne die Mitarbeit von neapolitanischen Ultragruppen gedreht wurde. Die Ultras sind nur Setting, nicht Thema des Films. Dennoch vermittelt er Eindrücke über Hierarchien und Generationskonflikte einer Gruppe sehr plastisch. Indem er sie nicht zum Thema macht, verzichtet Lettieri auch auf moralische Einordnungen der Fans. Die stark präsente Gewalt wird dargestellt, aber weder romantisiert noch verdammt.
Für den eigentlichen Plot spielen die Ultras keine Rolle, darin geht es um die Gefühlswelt von Altcapo Sandro. Er will sich zwar aus seinem Fanumfeld zurückziehen, sich gleichzeitig aber auch nicht von der präpotenten jüngeren Generation verdrängen lassen, sondern seine Erfahrungen lieber an die übernächste weitergeben. Die Dialoge kommen durchaus philosophisch daher, etwa wenn es um den schnellen Wechsel von erbitterter Rivalität und Freundschaft zwischen Napoli- und Atalanta-Fans geht. Diese Anekdote macht Lettieri zum Bild der Einheit Italiens zwischen Norden und Süden, doch es fehlt ihr an Raum, um tatsächlich Tiefe zu gewinnen. So bleibt dieser Dialog ein flüchtiges Stilmittel, das sofort von der schönen Totalen abgelöst wird. Auch dass der Film in derselben Kirche beginnt und endet – einmal bei einer Hochzeit, einmal bei einem Begräbnis – hinterlässt eher einen visuellen Eindruck als einen tiefsinnigen von der Endlichkeit des Lebens.
Die schön inszenierten Landschaften von Neapel über die Vororte im Westen bis zur Insel Ischia sind die eigentliche Stärke des Films. Sie zeigen zwar eine stereotype Postkartenidylle, das unterscheidet sie aber dennoch von gängigen Neapel-Bildern wie überfüllten Gassen, trostlosen Sozialbauten und Müllbergen auf den Straßen. Dadurch funktioniert der Film in seiner Ästhetik wahrscheinlich auch für verschiedene Zielgruppen: Neapolitaner erkennen vertraute Orte und Stimmen, Italiener ein neues Neapel-Bild und alle anderen ein abwechslungsreiches Italien-Bild.
Und so ähnelt „Ultras“ am Ende der Inszenierung von „Liberato“, der übrigens unter Mithilfe von Robert del Naja von „Massive Attack“ den Soundtrack beigesteuert hat. „Ultras“ mit dem Hit „We Come from Napoli“ ist nun das zweite Studioalbum des anonymen Künstlers. Die große Live-Präsentation musste aufgrund der Coronapandemie verschoben werden, sie hätte am 25. April 2020 bei einem Konzert in der Mailänder Peripherie stattfinden sollen – dem Tag der Befreiung.