Seit der vergangenen Saison kann sich Xi Mang Hai Phong in der vietnamesischen V-League als „Stolz des Nordens“ bezeichnen. Der Klub aus der 600.000 Einwohner zählenden Hafenstadt am Golf von Tongking hat erstmals die traditionsreichen Vereine aus der Hauptstadt Hanoi hinter sich gelassen und mit dem dritten Platz in der, traditionell vom Süden dominierten, Meisterschaft den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte erreicht.
Begonnen hatte der rasche Aufstieg des bereits 1899 von französischen Handelsreisenden gegründeten Klubs mit der Übernahme durch die lokale Zementfabrik 2006. Deren fußballverrückter Präsident verpflichtete nicht nur eine ganze Reihe brasilianischer Legionäre, sondern wurde im Sommer des Vorjahres auch auf Alfred Riedl aufmerksam.
Riedl ist in Vietnam kein unbeschriebenes Blatt, konnte er in seinen drei Amtszeiten als Vietnams Teamchef doch schon große Erfolge verbuchen. 2007 führte er die Nationalmannschaft sogar bis ins Viertelfinale des Asien-Cups. Als ihn der Anruf des Hai Phong-Vizemanagers erreichte, sondierte er im heimischen Pottendorf gerade diverse Stellenangebote. Wenige Tage später trafen die Business-Class-Tickets für den Flug nach Fernost ein. Da war für den 59-Jährigen klar, dass es Hai Phong wirklich ernst meinte. Nach drei Tagen intensiver Verhandlungen vor Ort war der Vertrag unterzeichnet, noch am selben Abend veröffentlichte die staatliche vietnamesische Nachrichtenagentur Details: ein monatliches Salär von 12.000 US-Dollar, freie Unterkunft, Transport und Verpflegung.
Wenn der Parteichef entscheidet
Wir treffen Alfred Riedl an einem lauen November-Tag in Hai Phong. Zu den kolportierten Vertragsbedingungen sagt er nur: „Die Medien schreiben, was sie wollen.“ Viel mehr als übereifrige Journalisten machen dem Ex-ÖFB-Teamchef die Arbeitsbedingungen bei seinem neuen Klub zu schaffen. War ihm im Vertrag das alleinige Entscheidungsrecht im sportlichen Bereich, insbesondere bei Aufstellung und Neuverpflichtung, zugesichert worden, musste er wenig später erkennen, wie die Dinge wirklich laufen. Die Macht im Verein liegt nämlich nicht beim Präsidenten, sondern beim lokalen Chef der Kommunistischen Partei. Der Klubboss muss bei allen wichtigen Entscheidungen mit ihm Rücksprache halten. Und so entschied die Politik anstatt des Trainers über die Besetzung der letzten beiden freien Ausländerplätze. Geholt wurden ein defensiver Mittelfeldspieler und ein Manndecker für die Verteidigung. Nicht gerade zur Freude Riedls, Über Neuverpflichtungen entscheidet in Hai Phong der lokale Chef der kommunistischen Partei, der als Entschädigung mit einem Mittagessen im privaten Domizil des Parteibonzen abgespeist wurde.
Die vietnamesischen Machtspiele treten an diesem Tag aber in den Hintergrund, es geht ins 100 Kilometer entfernte Hanoi zu einem Testspiel gegen die nationale Olympiaauswahl. Wenige Tage zuvor hatte ein intensiver Zyklon die Außenbezirke der Hauptstadt bis zu einen Meter tief unter Wasser gesetzt. Viele Straßen sind immer noch überflutet und unpassierbar. Ganz können wir den Wassermassen nicht ausweichen, der nagelneue, von einem Chaffeur gesteuerte Toyota taucht gefährlich tief in die überfluteten Bereiche ein. Als sich vor dem geistigen Auge bereits ein gemeinsames Anschiebemanöver mit Riedl abzeichnet, haben wir die kritische Stelle aber schon passiert und können die Fahrt zum Sportzentrum problemlos fortsetzen.
Beim Anblick des Komplexes lässt sich erahnen, warum Vietnam nur eine untergeordnete Rolle im asiatischen Fußball spielt. Riedl spricht Klartext mit den wartenden Journalisten. „Mit Gebäuden aus den 50er Jahren werdet ihr im Leistungssport in den nächsten Jahren keine Verbesserung erzielen“, diktiert er ihnen mithilfe seines Übersetzers in die Blöcke, um sie im nächsten Satz mit der Feststellung, dass er in Vietnam seine zweite Heimat gefunden habe, wieder versöhnlich zu stimmen.
Lachen verboten
Der nächste Schock folgt bei der Platzbesichtigung: Das Spielfeld hat längere Zeit weder Platzwart noch Rasenmäher gesehen, das Gras wuchert entsprechend. Alfred Riedl nimmt es achselzuckend zur Kenntnis. Bevor er auf der Bank Platz nimmt, begrüßt er seinen früheren Assistenten beim A-Team und nunmehrigen Coach des Olympiateams herzlich. Nach dem Verscheuchen lästiger Journalisten ergeht ein dringlicher Befehl an die Ersatzspieler: „No laughing!“ Auf Nachfrage erzählt er später, dass die vietnamesischen Fußballer bei jeder außergewöhnlichen Situation sofort zu lachen beginnen würden – zum Beispiel auch, wenn sich ein verletzter Spieler am Boden wälze. Als Erklärung für dieses Verhalten muss die „konfuzianische Denkweise“ herhalten, wonach eigenes oder fremdes Versagen am besten mit einem Lächeln wieder ins Gleichgewicht gerückt werden kann.
Statt auf Konfuzius vertraut Riedl lieber auf ein 4-4-2-System mit Viererkette, nur die Umsetzung will noch nicht klappen. Die einzelnen Mannschaftsteile sind nach der langen Spielpause noch nicht aufeinander abgestimmt, der lange Rasen erweist sich als zusätzlicher Spielverderber. Das Spiel endet schließlich mit einem leistungsgerechten 0:0.
Auf der Rückfahrt ins Stadtzentrum ereilt Riedl eine weitere Hiobsbotschaft. Vom Dolmetscher erfährt er, dass einer seiner Co-Trainer schon nächste Woche den einmonatigen Trainerkurs für die A-Lizenz des asiatischen Verbands im fernen Ho Chi Minh Stadt, dem früheren Saigon, beginnen will. Riedl legt sich quer und verbietet seinem Mitarbeiter die Teilnahme: Zum jetzigen Zeitpunkt ist intensives Training angesagt. Auf die Frage, ob der Kurs Bedingung sei, um in Vietnam eine Erstliga-Mannschaft zu coachen, antwortet er: „Überhaupt nicht. Ein Tanzkurs genügt.“
Die nächsten Tage sind bestimmt von Trainingseinheiten im außerhalb der Stadt gelegenen Übungsstadion von Xi Mang Hai Phong. Alfred Riedl erklärt das Programm auf Englisch, sein Übersetzer wiederholt alles mit den gleichen Gesten auf Vietnamesisch. Es geht los mit leichten Aufwärmübungen, die folgende 90-Minuten-Einheit umfasst das Durchspielen von Angriffen im Handball, ein vier gegen vier mit drei Gruppen übers gedrittelte Feld und Übungen mit der Mauer. In Europa würde es wohl nicht anders aussehen. Leider funktioniert aber vieles nicht so, wie es sich der Trainer vorstellt. Riedl sieht sich in der Rolle eines Lehrers, der den Stoff mit seinen Schülern immer wieder durchgehen muss, um sie reif für die nächste Klasse zu machen. Am Ende des Trainings ein bisschen Stretching und ein paar Späßchen von Riedl, dann trennen sich die Wege von Trainer und Mannschaft. Für die Spieler geht’s retour ins Mannschaftsquartier, für Riedl in die Expat-Siedlung, die seit kurzem für drei Tage in der Woche auch das Schlafdomizil für die brasilianischen Legionäre ist. Ansonsten wohnen dort ausschließlich ausländische Manager, die in Hai Phong arbeiten.
Brasilianisches Aufbegehren
Die Brasilianer sind jedoch unzufrieden, weil sie immer noch mehr als die Hälfte der Zeit im Spielercamp verbringen müssen und beklagen mangelnde Unterstützung durch den Trainer. Regisseur Leandro hat in der Meistermannschaft des FC Santos einst mit Werder-Star Diego gekickt und seine Brötchen auch schon in Russland bei Saturn Ramenskoje verdient. Er erzählt, dass er angesichts des militärischen Drills im Camp, in dem um 23 Uhr alle Lichter ausgehen, anfangs fast die Nerven weggeschmissen hätte. Demnächst erwartet er seine Freundin in Hai Phong und ist nur mehr bereit, maximal zwei Nächte pro Woche mit der Mannschaft zu verbringen. „Wir Brasilianer haben mit Abstand die meisten Tore erzielt. Ein intelligenter Trainer würde das zu schätzen wissen und dafür sorgen, dass wir uns hier wohl fühlen“, äußert er überraschend offen seine Kritik an Riedl. Stürmerkollege Bidu, mit 18 Toren erfolgreichster Schütze in der abgelaufenen Saison, hakt nach: „Unser Trainer wendet ein Spielsystem an, das in Europa funktioniert, wo die Spieler intelligent genug sind, ihre Positionen laufend zu variieren. Hier in Vietnam ist das aber nicht möglich. Wenn du einen Positionswechsel machst, findet dich dein Mitspieler nicht mehr.“
Riedl ist sich der Problematik der Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Spielfeld bewusst, will diese durch ein Engagement für die ohnehin privilegierten Spieler aus Südamerika aber nicht noch weiter verschärfen. Solange die Vietnamesen, von denen auch viele Familie haben, weiterhin nur einen Tag zu Hause schlafen dürfen, gibt es für die Brasilianer keine weitere Sonderbehandlung. Dennoch machen ihm die vom Präsidenten verordneten Kasernenbedingungen zu schaffen, da diese noch für böses Blut sorgen würden, so Riedl. Zur Einstellung seines Kreativmanns Leandro findet er klare Worte: „Er macht hier auf Superstar, dafür zeigt er aber im Training und im Spiel zu wenig. Mit einem blöden Fersler ist es nicht getan.“
Kein Hebel für die Jugend
Abseits seiner Arbeit im Klub sorgen bei Riedl vor allem die Ausbildungssituation und die mangelhafte Infrastruktur im vietnamesischen Fußball für Sorgenfalten. Der Insider zeichnet ein ernüchterndes Bild: „Vietnam steht aktuell dort, wo Japan vor 30 Jahren war.“ Jugendarbeit sei de facto nicht existent. „Es gibt hier einfach keine Fußballkultur, die es den Vietnamesen begreiflich machen würde, wie wichtig die Jungen als Hebel für eine bessere Zukunft sind“, sagt Riedl frustriert. „Warum soll ein Vater in Saigon seinen Sohn zu einem Verein schicken, der am anderen Ende der Stadt beheimatet ist? Dort erwartet ihn ein inkompetenter Betreuer, der ihm nichts beibringen kann. Lohnt es sich, dafür drei Stunden im gefährlichen Straßenverkehr unterwegs zu sein?“
Erschwerend zum späten Einstieg der vietnamesischen Kicker im Alter von zwölf bis 14 Jahren komme das Nichtvorhandensein eines Meisterschaftsbetriebs für unter 17-Jährige hinzu. „Da spielt man einmal ein dreiwöchiges Turnier, und das war es auch schon für das ganze Jahr. Dazwischen nur Training. So kann keine Wettkampfatmosphäre aufgebaut werden“, sagt Riedl, der seine Spieler in den vier Monaten bis zum Meisterschaftsbeginn Anfang Februar ebenfalls mit Testspielen und einem relativ unbedeutenden Turnier bei Laune halten muss.
Alfred Riedls Abstecher in den vietnamesischen Vereinsfußball ist von einigen Hindernissen und Unwägbarkeiten gekennzeichnet. Sollte ihm kein Erfolg beschieden sein und sich der Konflikt um die Beschneidung seiner Kompetenzen weiter verschärfen, hat er sich bereits eine Exit-Strategie zurechtgelegt. Ein Bekannter, der ihn vor zehn Jahren nach Vietnam vermittelte, sondiert die regelmäßig eintreffenden Angebote. Offerte aus Kuwait und dem Iran hat Riedl vorerst noch abgelehnt.